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Schrilles Paar: Elmire (Vanessa Loibl) und Tartuffe (Hagen Oechel).

Schrilles Paar: Elmire (Vanessa Loibl) und Tartuffe (Hagen Oechel).
© Katrin Ribbe

Theater

Umstrittener „Tartuffe“ feiert Premiere

Am Ende gab es Applaus für die Schauspieler und heftige Buh-Rufe für das Regie-Team: Im Schauspielhaus feierte Molières „Tartuffe“ in einer Inszenierung von Martin Laberenz Premiere.

Hannover. Mit dem Namen Tartuffe kann man einiges anfangen. Man kann ihn hauchen und stöhnen, singen und rappen, im Befehlston herausbellen oder sanft zerkauen. Lisa Natalie Arnold führt das zu Beginn im Schauspielhaus sehr schön vor. Man kann auch mit dem Stück, Molières „Tartuffe“, eine Menge anstellen. Regisseur Martin Laberenz hat sich für eine Version entschieden, die am Ende mit donnerndem Applaus für die Schauspieler – und für hannoversche Verhältnisse – vielen Buhrufen für die Regie quittiert wurde.

Laberenz hat es gewagt, „Tartuffe“ zu modernisieren, und ist bei dem Versuch – das muss man leider so feststellen – auch gescheitert. Er hat das Schablonenhafte der Commedia-dell’-arte-Tradition, in der Molière stand, durch neue Schablonen ersetzt. Damals wusste halt jeder, wer gemeint war mit den Possen auf der Bühne. Weswegen hier nun Arnold als burschikose Zofe Dorine über ein zerstörtes Seidentuch lamentieren darf, das ihr der „Günther“ geschenkt habe. Womit Günther Harder gemeint ist, der ganz reale Lebensgefährte und Kollege der Schauspielerin.

Erzählt wird nach wie vor die Geschichte des Betrügers Tartuffe, der sich zum Entsetzen von dessen Kindern in der Familie des Spießbürgers Orgon (eine Paraderolle für Henning Hartmann) einnistet, um sich dessen Besitztümer und Frau (reizend und reizbar: Vanessa Loibl) anzueignen.

Dass Orgon auf ihn hereinfällt, kann man ihm kaum verübeln: Sohn Damis (Jonas Steglich) ist ein stotternder Trottel, Tochter Mariane (Sarah Franke) eine Heulsuse, ihr Liebhaber Valère (ausgerechnet der gestandene Kerl Andreas Schlager) ein dummer Junge. Man merkt, wie viel Freude es den Schauspielern macht, übertourig aufzudrehen.

Der kernige Hagen Oechel, gerne auf Mackerrollen abonniert, legt seinen Tartuffe – trotz Cowboyhut, Fellmantel und Netzshirt – beinahe sanft an; manchmal ist er fast ein wenig blass. Er ist hier weniger ein Auslöser von ideologischem Fundamentalismus als dessen Projektionsfläche. Selbst die Beichte seiner Missetaten wird ihm noch als Demut ausgelegt. Da kennen die Eiferer gar nichts; wer oft genug „Fake News“ schreit, hat halt irgendwann recht. Da ist dieser Molière bestechend aktuell, ohne dass es ausgesprochen werden müsste. So plump ist Laberenz nicht.

Auch das versöhnliche und durchaus plumpe Ende, das Molière einfügte, um der Zensur zu entgehen, erspart er dem Publikum. Und die Frömmlerei, um die sich „Tartuffe“ eigentlich dreht, ist durch einen neuen Fetisch ersetzt. Im zentralen Kegel (Bühnenbild: Volker Hintermeier), einer Art Ikea-Kathedrale aus kieferfarbenem Metall, wird ein alter Mercedes in Szene gesetzt, als sei man auf einer Autoshow.

Die Kostüme (von Laberenz’ Schwester Aino) – irgendwo zwischen „Dallas“ und 80er-Spätabendprogramm –, eine dezent überflüssige Nacktszene und die elektronische Musik von Friederike Bernhardt und Johannes Cotta vervollständigen den trashigen Gesamteindruck. Man kann herzhaft lachen in dieser Inszenierung. Es wird gealbert, gefoppt und fröhlich dilettiert. Vieles ist lustig, anderes albern, manches auch schlicht doof. Molière bleibt bei alldem seltsamerweise unangetastet und ist durchaus wiederzuerkennen; er trägt bloß Pappnase und dicke Schminke aus Benny Hill und Vaudeville.

Doch wenn wie hier die Lüge beständig um die Lüge kreist, bleibt am Ende nur ein Spiel aus Wahrheit oder Pflicht. Das anzuschauen, ist selten ein uneingeschränktes Vergnügen. Langweilig aber ist es nicht.

Von Stefan Gohlisch


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