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ALTE GESCHICHTEN: Der aus der Haft entlassene Jens (Sebastian Koch) wirft Inga (Katja Riemann) vor, dass sie ihn verlassen hat.

ALTE GESCHICHTEN: Der aus der Haft entlassene Jens (Sebastian Koch) wirft Inga (Katja Riemann) vor, dass sie ihn verlassen hat.© Stephan Rabold

Filmkritik

Traum und Wirklichkeit: "Das Wochenende"

Kluges Porträt einer Generation im Streit mit sich selbst: „Das Wochenende“.

Sie hatten alle ein Leben vor diesem Leben. Sie haben den großen Traum vom Sturz der alten Gesellschaft geteilt. Genau wie ihre Ideale und Idole, Sehnsüchte und Gewissheiten, Hoffnungen und den Hass aufs Bürgerliche. Doch sie sind im bürgerlichen Alltag gelandet. Dort, wo sie niemals ankommen wollten. Inga (Katja Riemann) und Ulrich (Tobias Moretti), Tina (Barbara Auer) und Henner (Sylvester Groth) sind privat. Politisch waren sie gestern. Sie haben sich gehäutet. 68 – das ist ja so lange her.

Nicht für Jens (Sebastian Koch), den Radikalen, der einst in den Untergrund ging und in der RAF zu den Waffen griff. Der revolutionäre Kampf war ihm wichtiger als sein Kind. Er wurde verraten. Er saß 18 Jahre. Nun ist er draußen.

Nun trifft er an einem langen Wochenende im halb renovierten preußischen Herrenhaus seiner Schwester wieder mit der Vergangenheit zusammen. Verächtlich blickt er aus müden Augen in die Runde – und hört verdächtig laues Schöngerede.

Lebenslügen, Selbstbeschwichtigungen, Erklärungen. Jens ist Idealist geblieben. Er ist der Alte, wenn auch älter. Das hält er den anderen nicht wortreich vor. Das spüren sie. Denn einer von ihnen muss ihn damals verraten haben. Jetzt will Jens wissen, wer es war. Inga, die Geliebte, mit der er einen nun erwachsenen Sohn hat? Henner, der ihn als Überlebenden für Pop hält? Tina, die besorgte, beschwichtigende Schwester?

„Das Wochenende“ ist weder ein RAF-Drama noch ein Schuld-Thriller. „Das Wochenende“ ist das stille, zurückhaltende, nachdenkliche Porträt einer Generation, die aufbrach – und abbrach. Nun trifft sie nicht nur die eigene Vergangenheit, sondern auch auf eine junge Generation, die rein gar nichts versteht.

Nina Grosse (Buch, Regie) hat die psychologisch völlig überladene Vorlage von Bernhard Schlink von viel Last und Lärm befreit. Klugerweise hat sie das Personal deutlich verkleinert und aus dem impotenten, krebskranken, desillusionierten Erzrevolutionär der Betonfraktion einen wortkargen, aber wenig wankelmütigen RAF-Veteranen gemacht. Der steht zu allem, wofür er aufgestanden war, lässt aber nie den dunkelroten Mao raushängen.

Ein kluges, feinnerviges Porträt. Natürlich geht es um die großen Fragen von Vertrauen und Vergeben, Vergessen und Verwinden in den Konfrontationen dieses Kammerspiels der verlorenen Ideale. Zum Glück wird das aber nicht hitzig und heftig, sondern behutsam und nachfragend ausgetragen, auch wenn es mal heftiger wird.

Was sehr viel mit dieser Handvoll wunderbarer Darsteller zu tun hat – von Sebastian Koch, dem ungebeugten Mann, der aus der Vergangenheit kam, bis Katja Riemann, die als Inga mit kleinen Gesten, raschen Blicken, unmerklichen Zu- und Abwendungen das Porträt einer zerrissenen Frau malt. Eine Verlorene zwischen allen Stühlen.

Bewertung: 4/5


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