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Die Toten Hosen: (von links) Andreas von Holst, Campino, Vom Ritchie, Andreas Meurer und Michael Breitkopf.

Die Toten Hosen: (von links) Andreas von Holst, Campino, Vom Ritchie, Andreas Meurer und Michael Breitkopf.
© jkp/Paul Ripke

NP-Interview

Tote-Hosen-Sänger Campino über das neue Album

Das neue Album der Toten Hosen ist erschienen. Wir sprachen mit Campino, dem Sänger der Punk-Institution.

Hannover. Persönlich, politisch, heimatverbunden: Campino (54) spricht über „Laune der Natur“, das neue Album der Toten Hosen, über Pop und Politik und die Sehnsucht nach zu Hause.

Eine „Laune der Natur“ ist etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte oder das zumindest deutlich von der Norm abweicht. Was steckt hinter dem Titel des neuen Toten-Hosen-Albums?

Den haben wir der Platte mit einem zwinkernden Auge verpasst. Als „Laune der Natur“ sehen wir uns selber. Weil wir nach all den Jahren noch dastehen und uns des Lebens erfreuen. Außerdem spielten im Laufe des Schaffungsprozesses dieses Albums Naturerscheinungen ständig eine Rolle: „Urknall“. „Unter den Wolken“ oder der Titelsong.

Politik spielt auch eine Rolle, aber nicht so sehr, wie man das angesichts des turbulenten Weltgetriebes erwartet hätte.

Es ist aber so, dass es gerade in dieser wackeligen Zeit nicht auch noch ein Tote-Hosen-Lied braucht, das sagt, wie blöde Trump ist oder was wir von Erdogan halten. Es bringt nichts, in den Chor einzufallen, in dem man uns eh verortet mit einem Lied, das man genau so von uns erwartet. Ein weiteres Antinazi-Lied von den Hosen wäre zwar nett, aber es müsste schon einen neuen Aspekt aufweisen, um eine Berechtigung zu haben.

„Unter den Wolken“ immerhin ist ein Mutmachsong für alle derzeit politisch Erschütterten.

Das hoffe ich. Es ist auch eine Anspielung auf „Über den Wolken“ und bezieht sich ständig darauf. Reinhard Meys Lied war zu seiner Zeit in den Siebzigern ja so etwas wie die inoffizielle Hymne der Bundesrepublik, vielleicht auch der DDR – ein Träumen von einem Leben ohne Mauern und Grenzen, frei zu sein von dieser Enge der zwei Staaten, die uns so beklommen gemacht hat. Im Grunde ist unser Song nur eine Weiterführung: Wir brauchen uns gar nicht fragen, wie es da oben wohl ist, wir müssen mit dem Leben unter den Wolken zurechtkommen, und wir müssen aufpassen, dass wir uns das, was wir uns über lange Zeit erarbeitet haben, unser Europa, nicht wegnehmen lassen.

Als wir uns 2015 zuletzt trafen, war noch Willkommenskultur. Wie fühlen Sie sich in der völlig veränderten Welt von 2017?

Die Stimmung hat sich verhärtet, die Gesellschaft ist tiefer gespalten als noch vor ein paar Jahren. Zwar ist es nach wie vor für viele sehr unangenehm, dass Flüchtlinge ertrinken, aber man möchte um jeden Preis verhindern, dass die Zahl der Flüchtlinge in Europa zunimmt. Dass dieses Europa ein ganz fragiles Konstrukt ist, ist uns heute sehr viel klarer. Mit dem Brexit fühlten sich andere Separatisten und fremdenfeindliche Fraktionen bestärkt. Man sieht ja, wer den Briten dafür gratuliert. Erstaunlich, wie sich diese im Grunde spalterischen, nationalistischen und rechtsextremen Strömungen zu einer nebulösen internationalen Fraktion zusammenfinden. Und dass sie einen angeblich gemeinschaftlichen Geist heraufbeschwören, der real gar nicht existiert. Weil diese Raubtiere, wenn sie erst mal alle in der ersten Reihe säßen, übereinander herfallen würden.

Wie sehen Sie Deutschland 2017?

Erstaunlich. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass Deutschland zurzeit für Stabilität steht und für eine gewisse Ruhe. Wir sind der letzte Pfeiler, der versucht, das Ganze noch zu halten. Das empfinde ich als etwas Schönes. Wenn ich Menschen aus England oder Amerika treffe, dann sind die beeindruckt von der Position, die die Bundesrepublik gerade einnimmt, und auch von der Regierung, wie sie Haltung zeigt.

Wird Ihnen nicht trotzdem manchmal mulmig, über die Welt, in die Ihr Sohn hineinwächst?

(seufzt) Naja, am Ende muss man‘s dann auch sachlich sehen. Wenn dieses Konstrukt Europa zerfällt, dann haben die Architekten Mist gebaut, dann war das Gebäude einfach nicht gut genug. Man muss dann einfach nüchtern werden. Ich persönlich finde, es wäre ein großer Verlust für uns alle, wenn die Schlagbäume wiederkämen, wenn die Menschen wieder getrennt würden.

Bewirken Trump, Brexit, Nationalismen, Rechtsrucke eine Wiederkehr des Protestsongs?

Was musikalischen Protest angeht, spielt sich in Deutschland gerade vieles im Hip-Hop ab. Dort ist die Flamme. Es ist gut, dass Künstler dort politisch und gesellschaftskritisch Stellung beziehen. In der Pop- und Rockmusik habe ich derzeit eher die Befürchtung, dass es einen wahnsinnigen Respekt gibt vor Shitstorms und Internet-Mobbing. Dass viele sagen, bevor ich etwas raushaue, was als unangenehm empfunden wird, halte ich mich lieber zurück. Wir haben in der Bundesrepublik aber auch eine Regierung, die gerade nicht als feindliche Seite auszumachen ist. Das war für uns in den 80er Jahren anders. Hätten wir jetzt ein Szenario, in dem die AfD sehr weit vorne liegen würde oder sogar in Regierungsverantwortung kommen könnte, dann wären die ganzen Künstler sofort da – da bin ich mir sicher.

Die Hosen hatten immer Mut. Die Band ist auch im 40-Seelen-Nazidorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern aufgetreten, beim Festival „Jamel rockt den Förster“ des Künstlerehepaars Lohmeyer, das in der „national befreiten Zone“ demokratische Stellung hält. Wie war das?

Ich wüsste nicht, ob ich die Energie hätte, mein Leben diesem Kampf unterzuordnen, täglich diesen Hass zu spüren, so wie das dort die Lohmeyers tun. Diese Menschen setzen ein Zeichen für uns alle. Das Beklemmende war, zu sehen, dass solche Flecken wie Jamel mitten in Deutschland vor sich hinblühen können und es keine juristische Möglichkeit gibt, so ein Konstrukt zu brechen. Da stehst du fassungslos vor einem Wegweiser in Richtung Braunau am Inn, Hitlers Geburtsort…

Wo bleibt das große deutsche Über-Festival aller Musikgenres und Popularitätsgrade für Toleranz und gegen Fremdenhass? Es ist seit anderthalb Jahren überfällig.

Auch hier gilt, dass sich eine ganze Menge Leute im Geschäft zu so einem Schritt gerade nicht durchringen können. Sie fragen sich: „Wie käme ich aus so einer Nummer raus: Würde ich cooler dastehen oder würde man uns belächeln?“ Über seinen Schatten zu springen und gemeinsam mit anderen Bands zu arbeiten, um für eine gemeinsame Sache zu kämpfen, das bringen leider nicht so viele fertig, wie man sich das vielleicht vorstellt.

Der neue Hosen-Song „Urknall“ erzählt von der Sehnsucht nach dem Bolzplatz der Kindheit. Sehnsucht nach der alten Punkhauptstadt Düsseldorf findet sich auch in „Wannsee“, „Wie viele Jahre“ und „ICE nach Düsseldorf“. Ist das Ironie oder nostalgischer Ernst?

Es geht nicht darum, sich zurückzuwünschen zu den Zeiten der Opel-Gang oder wie man damals gewesen ist und gelebt hat. Das ist alles vorbei und gut verortet. Jedes Leben geht los, indem du dich von zu Hause abnabelst, dann indem du deine Stadt verlässt, dein Land. Du willst raus in die Welt. Wenn du aber irgendwann auf einem dieser seltsamen Champagnerempfänge landest, merkst du schnell, wie leer und oberflächlich dieser Scheiß eigentlich ist. Uns geht es heute darum, zur Schlichtheit zurückzukommen, zum Wesentlichen.

Glamour adé?

Natürlich sind wir auf den Preisverleihungen gewesen, aber wir haben uns eigentlich nie wirklich wohlgefühlt und irgendwie gehören wir da auch nicht hin. Wir gehören nach Hause. Das ist ein Gefühl, das erst in den letzten Jahren so richtig in mir aufgestiegen ist, denn ich wollte ja auch immer raus aus Düsseldorf. Heute stelle ich fest, dass ich mich bei meinen Wurzeln wohlfühle. Dort sind meine alten Schulkameraden, die mich anrufen und fragen: „Kommste am Sonntag zu den Rheinwiesen, wir spielen wieder Fußball?“ Ich mag den Klang der Sprachmelodie, und dann weiß ich auch wieder, wo ich hingehöre.

Die Zeiten ändern sich überall. Opel ist jetzt französisch. Was sagt die Opel-Gang dazu?

Als wir damals dieses Lied schrieben, ging es uns nie um die Marke sondern um eine grundsätzliche Philosophie von Mensch und Auto. Wie man seinen Wagen frisiert und daran rumschraubt, um das Maximal rauszuholen. Es war völlig egal, ob man einen VW scharfmacht oder am Ford Capri herumbastelt. Es ging um all die Leute, die von einem Porsche träumen, obwohl es vom Geld hier niemals reichen wird. Kurzum, die Opel-Gang sagt: Wir halten uns da komplett raus (lacht).

Von Matthias Halbig


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