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© NANCY HEUSEL

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NP-Interview

Torsten Sträter über Satirefreiheit

An der berüchtigten „extra3“-Sendung, die zu diplomatischen Verwicklungen mit der Türkei führte, war auch Torsten Sträter beteiligt. Jetzt gastierte der Komiker und Poetry-Slammer im Theater am Aegi. Die NP sprach vorab mit ihm über Satirefreiheit.

Hannover. Vor drei Wochen gaben Sie bei „extra3“ noch den Vize-Ersatz-Pressesprecher des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Seitdem ist einiges passiert. Sind es gefährliche Zeiten für Satiriker?
Nö. Richtige Satire zu machen war nie gefährlich. Was „Charlie Hebdo“ zum Beispiel mit ihren Cartoons gemacht haben, war für mich eine Nummer zu heftig; das war auch nicht wirklich lustig. Das war pure Provokation. Sie wussten, darauf gehen die Leute steil, darauf haben sie sich eingeschossen und haben Arschlöcher provoziert. Was dann passiert ist, war tragisch, gar keine Frage. Was jetzt in Deutschland geschieht, ist etwas ganz Anderes. Etwas Besseres hätte den Jungs von „extra3“ - und auch mir - gar nicht passieren können, als dass die Türkei den deutschen Botschafter einbestellt.

War eine solche Reaktion in irgendeiner Form einkalkuliert?
Nein. An so etwas denkt man doch gar nicht. Die Redaktion wollte ursprünglich auch ein ganz anderes Lied machen, und ich sollte deswegen der Pressesprecher der Kanzlerin sein. Aber für einen solchen Text fehlt mir bei ihr eine Linie. Sie ist nicht zu fassen. Sie stellt sich hin und sagt: „Wir schaffen das!“ - aber nicht wie. Eine komische, etwas eindimensionale Aussage, aber im Prinzip richtig. Kein Grund, sich darauf einzuschießen. Das ist eine arme Frau, die ihr Leben ein bisschen gelebt hat, und gut.

Immerhin - und das gestehen ihr auch die Kritiker ein - hat sie mit diesem Satz zwar keine Linie, aber Haltung gezeigt ...
Ja, das hat sie. Und Hoffnung. Erdogan zeigt auch eine Haltung, aber eine, zu der ich mich positionieren kann. Ärger gibt es sowieso immer. Ich habe nie mehr Ärger bekommen, als ich mich über die Lokführer lustig gemacht habe. Da schrieben mir Leute: „Wir wissen, wo du wohnst.“ Und ich schrieb zurück: „Schön, dann schneid‘ mal meine Hecke; ich komme nicht dazu.“ Aber niemand kalkuliert ein, dass der Erdogan den Botschafter einbestellt. Nichts wäre passiert, wenn der sich nicht so aufgeregt hätte.

Der berühmte Streisand-Effekt, dass öffentliche Empörung den Grund der Empörung umso bekannter macht ...
Natürlich.

"Zieh Dir mal den Link rein"

Wie war die erste Reaktion?
Meine Agentin schickte mir eine SMS - aus Schweden, wo sie gerade war - und schrieb: „Zieh dir mal den Link rein.“ Und als ich die Zeile „Türkei bestellt wegen Satire Botschafter ein“ las, war ich hundertprozentig sicher, dass es um meine Pressesprecher-Nummer ging.

War die Enttäuschung groß, als es sich auflöste?
Nein, ich möchte nicht so auffallen. Ich möchte nicht als Einzelkünstler der Präsidenten-Beleidiger sein. Da bin ich ein Angsthase. Ich will auch nichts sagen, nur weil es provokant ist. „extra3“ hat von dieser Nummer natürlich profitiert. Aber niemand hat es geahnt. Und dann haben sie total charmant nachgelegt. Alle anderen hätte die Axt rausgeholt. Aber die haben einfach nur am nächsten Tag in einem Posting Erdogan zum „Mitarbeiter des Monats“ ernannt, dann eine türkische Übersetzung geliefert und sind in der nächsten Sendung nur kurz darauf eingegangen. Sie haben den Sack gleich wieder zugemacht. Und dann gab es auch noch andere Themen.

Die Axt hat dann Jan Böhmermann mit seiner Schmähkritik herausgeholt und damit die Diskussion, was Satire darf und was nicht, auf die nächste Ebene gehoben.
Ja, das schon. Wobei ich nicht glaube, dass Böhmermann auf eine Zug aufgesprungen ist, weil ich denke, dass er nie auf einen Zug aufspringt. Der ist ein Trendsetter. Vielleicht hat er diese Nummer von langer Hand geplant, weil er eine andere Tonart reinbringen wollte. Ich glaube, er hatte unterschätzt, wie dünnhäutig die Leute geworden waren. Niemand, auch die Freunde Erdogans in Deutschland, möchte zweimal provoziert werden. Und er war ein bisschen drüber. Bei „Ziegenficker“ hört es auf, und wenn es noch so verschmitzt präsentiert wird. Darum ist es auch kein Wunder, dass das ZDF die Nummer aus der Mediathek genommen hat.

Was halten Sie von der Theorie, dass genau das von Anfang, quasi als weitere Metaebene mit eingeplant war?
Niemals. Wenn das ZDF sich distanziert, dann ist es Mist.

Böhmermann hat Grenzen aufgezeigt

Aber es zeigt, dass es eben auch in Deutschland Grenzen der Satirefreiheit gibt.
Ja, Böhmermann hat Grenzen aufgezeigt. Und damit muss er nun leben. Er steht nun einmal mit seinem Namen und seiner Person für solche Nummern. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. Ich glaube ja, dass das Verfahren eingestellt wird, aber man weiß es nicht.

Beeinflusst das, was jetzt passiert ist, in irgendeiner Form Ihre Arbeit?
Nein. Weitestgehend mache ich, was ich will. Und wenn ich mich mit einem Thema nicht wohlfühle oder den Eindruck habe, dazu bekomme ich keine vernünftigen Text hin, dann lasse ich es. Und ich lasse ganz viele Sachen ein.

Es gibt jetzt keinen inneren Zensor?
Doch, immer schon. Aber den schalte ich im ersten Schritt aus, schreibe, schalte ihn wieder ihn und hole mir, wenn ich unsicher bin, eine zweite Meinung. Aber ich bin sowieso kein großer Freund von Provokation, vor allem nicht von Provokation um der Provokation willen. Konfrontation gerne, aber man muss es nicht übertreiben. Das ist nicht meine Art.

Was ist Ihre Art?
Die ist manchmal etwas seltsam, vielleicht auch mal albern oder ein bisschen flach, aber es ist meine. Eine andere habe ich nicht. Klar könnte ich etwas zum Islamismus sagen, aber ich habe das Gefühl, alle guten Witze dazu hat Dieter Nuhr schon gemacht. Und dann rede ich doch lieber über meine Unterwäsche oder über Frauen.


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