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THEES UHLMANN liest aus seinem neuen Roman.© Pertramer

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Interview

Tomte-Sänger Thees Uhlmann über seinen ersten Roman

Als Sänger der Hamburger-Schule-Band Tomte ist Thees Uhlmann (41) bekannt geworden, danach folgten zwei erfolgreiche Solo-Alben. Jetzt hat er seinen Debüt-Roman veröffentlicht: „Sophia, der Tod und ich“. Ein Gesprächs übers Schreiben, Männer und Frauen.

Hannover. Herr Uhlmann, was halten Sie eigentlich von Günter Grass?

Ich erlaube mir als Neu-Autor gar keine Meinung zu Günter Grass zu haben. Ich finde, er hat in den letzten Jahren politisch verloren, aber selbst das kann ich psychologisch nachvollziehen.

Ihr Roman beginnt damit, dass Sie den ersten Satz aus Grass‘ „Der Butt“ persiflieren, der mal zum besten ersten Satz aller Zeiten gewählt wurde.

Ich fand das einfach wahnsinnig witzig, diese Melodramatik aus „der Autor schreibt seine erste Seite; wie fängt das erste Buch des Tomte-Sängers wohl an“ herauszunehmen und den Anfang zu klauen, gegenübergesetzt gegen das beste aller Zeiten. Im Buch habe ich ja mehrere Stellen versteckt, die drin sind, weil das Momente mit Freunden waren, die ich verewigt habe. Da ist der Anfang halt auch geklaut, von meinem ersten Mitbewohner aus Hamburg. So ist das zur Günter-Grass-Zeile gekommen.

Wie wichtig ist denn der erste Satz aus Ihrer Sicht?

Gar nicht. Es wird ja viel Gewese drum gemacht. Ich habe 18 Jahre Musik gemacht, jetzt das erste Buch - da will ich das unverkrampft machen, sonst dreht man durch. Der erste Satz war überhaupt nicht wichtig.

Gibt es Parallelen beim Schreiben von Song-Texten und einem Roman?

Was die beiden verbindet, ist zum Beispiel der Einstiegssatz: „Im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee“. Das ist ein Satz, der seit 20 Jahren durch mein Gehirn mäandert und mich nicht verlässt. Ich habe einen kreativen Impuls, den ich in die Länge schreibe. Bei dem einen werden zwei, drei Strophen und ein Refrain draus. Beim Buch ist es so, dass ich alle 20, 30 Seiten einen Satz drin habe, der mir etwas bedeutet und auf den ich hinschreiben kann.

Worin unterscheidet sich die Arbeit?

Das andere ist, dass man es nicht vergleichen kann. Dieses Schreiben an Masse, 300 Seiten, das habe ich noch nie gemacht. Die Seitenzahl nur als Symbol - auf Seite 80 zu denken: „Ich kann nicht mehr, das wird doch niemals fertig“, bei Seite 120 zu denken: „das ist doch alles kacke“, und dann aber durchzuhalten.

Wie ist Ihr Schreibprozess abgelaufen?

In der Musik bin ich ja schon kein Romantiker, der zum Schreiben wegfährt und alles ganz heilig haben muss. Ich habe meine Tochter zur Schule gebracht, geduscht und mich einfach in die Küche gesetzt und geschrieben.

Wie kam es dazu, dass Sie überhaupt einen Roman geschrieben haben?

Nach der „Hinter all diesen Fenstern“-Platte von Tomte vor zwölf Jahren kam meine Lektorin auf mich zu und hat gesagt: „Ich glaube, in dir schlummert ein Buch“. Ich habe dann aber zwölf Jahre Musik durchgezogen. Da hätte ich gar nicht die Konzentration gehabt. Jetzt, nach der zweiten Thees-Platte, haben mein Produzent und mein Manager gesagt: „Du schreibst jetzt dieses Buch“. Dann habe ich die Idee mit dem Tod vorgestellt und alle haben gesagt: „Go!“

Sie sind jetzt 41, haben eine kleine Tochter - wieso befassen Sie sich dann mit dem Thema Tod?

Die Geschichte ist einfach geil. Und ich glaube, dass alle Menschen die ganze Zeit an den Tod denken. Die Großeltern sind im Altersheim, ein Freund hat sich um den Baum gewickelt - der Tod ist eine konstante Schwingung im Leben ganz vieler Menschen, vom Professor bis zum Hauptschulabbrecher, über die man nachdenkt. Keine Party ohne den Tod. Ich habe einem der großen Themen einfach eine neue Nuance zugefügt.

Apropos keine Party ohne den Tod. In Ihrem Buch gehen der Tod, der Erzähler und dessen Ex-Freundin Sophia erst einmal in die Kneipe und picheln einen...

Die picheln sich nicht einfach einen. Der Tod durchlebt das, was alle niedersächsischen Jungs erlebt haben: Er spürt die Faszination und die Gewalt und den Quatsch, der von diesem Getränk ausgeht.

Ihr Tod ist nicht der klassische Sensenmann. Ist er ein cooler Typ?

Er ist so cool, wie ein Typ sein kann, der weiß, was für eine Macht er hat. Und der zum ersten Mal mit den Augen eines Kleinkindes durch die Welt von Erwachsenen stapft. Im Endeffekt ist er einfach nur verwundert und versucht die besten menschlichen Verhaltensregeln nachzuahmen. Er freut sich, am Leben zu sein.

Diese grundlegende Freude ist etwas, das dem Erzähler abgeht.

Das ist natürlich genau entgegengesetzt. Angefangen beim Fußballverein: Er ist Fußballfan, aber er kann nicht mal einen Lieblingsverein haben, weil es ihm viel zu anstrengend ist, diese Emotionen die ganze Zeit auszuhalten. Erst durch den Tod kommt alles ein bisschen in Bewegung.

Wieso geht es denn in dem Buch nicht ohne Fußball, aber fast ohne Musik?

Weil Fußball noch dominierender ist. Es geht nicht um Musik, weil ich nicht wollte, dass jemand sagt: „Das hat der Uhlmann von sich selbst“. Ich habe einen Ehrgeiz daran gefunden, dass jeder Mensch auf der Welt das Buch verstehen kann. Dazu gehört, nicht zu schreiben, wie es ist, Sänger einer Band zu sein. und im Radio läuft ABBA. Die Leute in Alaska wissen vielleicht nicht, was ABBA ist. Wenn man darauf achtet, dann kann das Buch keine Pop-Literatur werden. Ich wollte auf keinen Fall Pop-Literatur schreiben.

Wie sind Sie an die beiden Frauen-Figuren herangegangen?

Die sind aus mir herausgekrochen. Ich habe das Buch beim Schreiben geschrieben. Ich hatte keinen Zettel und habe 30 Merkmale von Sophia aufgeschrieben.

Sind Frauen interessanter als Männer?

Eigentlich schon. Ich finde Frauen vielschichtiger, tiefsinniger, sensibler. Ich will jetzt keine Gender-Debatte anfangen, aber ich empfinde sie einfach als intelligenter und auch netter.

Mit dem Buch sind Sie auf Lesereise. Wie ist das im Vergleich zum Touren mit der Band?

Bisher ist es total spannend, aufregend und es macht mir total Spaß. Sich einfach hinzusetzen, ein Buch aufzuschlagen und den Menschen vorzulesen, das hat einfach eine große Faszination. Und für mich ist es natürlich total aufregend, keine Gitarre zu haben, nur einen kleinen Tisch und eine Leselampe. Das ist alles total anders, man sitzt da ein bisschen nackter und irgendwie ist es toll, nach 18 Jahren hardcore etwas anderes zu machen.

Thees Uhlmann liest am Donnerstag, 5. November, aus seinem Debüt-Roman „Sophia, der Tod und ich“. Die Lesung in der Faust beginnt um 20 Uhr. Karten an der Abendkasse kosten 21 Euro.


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