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Stilbewusst: Der Schauspieler Tom Schilling singt jetzt auch noch.

Stilbewusst: Der Schauspieler Tom Schilling singt jetzt auch noch.
 © Alexandra Kinga Fekete

NP-Interview

Tom Schilling singt kein Liebeslied

Tom Schilling (35) wurde mit Filmen wie „Napola“ oder „Oh Boy“ einer der gefeiertsten Schauspieler seiner Generation. Nun legt er mit seiner Band The Jazz Kids ein sperrig schönes Debütalbum „Vilnius“ (Embassy of Music/Warner) vor. Im NP-Interview erklärt er, warum ihm Subkultur näher ist als Pop.

Hannover.  Tom Schilling (35) wurde mit Filmen wie „Napola“ oder „Oh Boy“ einer der gefeiertsten Schauspieler seiner Generation. Nun legt er sein sperrig schönes Debütalbum „Vilnius“ (Embassy of Music/Warner) vor. Im NP-Interview erklärt er, warum ihm Subkultur näher ist als Pop.

Man kennt Sie vor allem als Schauspieler. Heute reden wir über Musik. Müssen Sie noch im Kopf umschalten?

Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass ich offensichtlich zwei Berufe habe. Im letzten halben Jahr habe ich eigentlich nur um Musik gekümmert. Wir haben unser Album aufgenommen, in den berühmten Hansa-Studios in Berlin, mit Moses Schneider, einem sehr erfahrenen, auch geschmackssicheren Produzenten, der genreübergreifend produziert, aber immer Leute, die ich auch toll finde, von Tocotronic bis K.I.Z. Und jetzt geht es halt in die Promotion der Platte und der Tour.

Gab es einen Arbeitsauftrag, wie das Album klingen sollte?

Es gab keinen Masterplan, aber ein Gefühl. Der Sound ist bestimmt durch die beteiligten Menschen. Da muss man sich nur die richtigen Leute aussuchen, und dann entsteht die Sache von selbst.

Die vorab zu sehenden Live-Mitschnitte klangen nach Menschen wie Tom Waits oder Nick Cave, beim etwas sauberer klingenden Album, bei Liedern wie “Kein Liebeslied“ werden Assoziationen zum Beispiel an Element of Crime wach. Ist das der musikalische Kosmos, in dem Sie sich bewegen?

Element of Crime ist jedenfalls eine der besten deutschen Bands; besonders ihre frühen Platten haben mich sehr inspiriert. Ich habe sie mit 20, etwa 2002 entdeckt. Natürlich hört man so etwas auch auf dem Album. Denn dadurch, dass ich schreibe, gebe ich schon die musikalische Richtung vor – die Band kommt aus anderen musikalischen Ecken.

Wie war Ihre musikalische Sozialisation?

Spät. Ich habe immer intensiv Musik gehört. Mit zehn, elf habe ich eine erste Band entdeckt, die mich sehr begeistert hat, The Inchtabokatables aus Ostdeutschland ...

... eine sehr schräge Wahl für das Alter.

Ja, das Subkulturige hat mich sehr interessiert, das Dunkle, Theatrale. Kurz darauf kam dann wenig überraschend Nick Cave. Aus den Inchtabokatables ging Rammstein hervor – zumindest der Bassist Oliver Riedel. Das ist auch eine Band, die ich sehr verehre. Die waren damals noch ein Geheimtipp. Eines meiner ersten Konzerte, ich als 14-Jähriger in der ersten Reihe. Aber ich bin abgeschweift: Mit Anfang 20 schenkte mir mein Regisseur von „Oh Boy“ und sehr guter Freund Jan-Ole Gerster eine Gitarre und sagte: „Spiel das mal, das macht Spaß.“

Und es machte Spaß?

Ja, und ich schrieb Gedichte und stellte fest, dass es vielleicht Songs sind. Ganz naiv und unschuldig habe ich probiert, welche Musik und welcher Akkord dazu passen könnten. Ich hatte damals schon eine Vorliebe für das Einfache, Direkte, russisch Volksliedhafte.

Es geht vom Text aus?

Zuerst ist der Text da, ja. Ich könnte nicht auf ein Demo aus dem Probenraum einen Text erfinden. Das würde mich total blockieren.

Was bewegt Sie zu einem Text?

Unterschiedlich. Mal ist es eine spontane Idee, mal ein Gefühl, mal aber auch ein Thema, das ich mir setze. Die „Ballade von René“ sollte eine Vater-Sohn-Liebesgeschichte werden. Und wie ich so drauflos schreibe, merke ich, ich muss das jetzt noch dramatisieren und verdichten, und irgendwann ist der Song fertig.

Hilft bei dem Dramatisieren die Theaterschule?

Ja, ich lese so viele Drehbücher und Geschichten, die einen Anfang und ein Ende habe. Und so haben meine Lieder, glaube ich, auch immer einen Anfang und ein Ende, einen klaren Bogen, eine klare Reise. Und darum machen sie alle eine kleine Welt auf.

Welche Welt macht Ihnen die Musik auf, die die Schauspielerei Ihnen nicht bietet?

Ich kann von A bis Z Urheber sein und gestalten. Wenn ich zu einem Dreh komme, ist die größte Vorarbeit schon geleistet. Das leere Blatt hat jemand Anderes gefüllt. Und wenn die letzte Klappe geschlagen ist, möchte niemand mehr etwas von mir. Ich will die Band nicht schmälern – ohne die wäre ich nichts. Aber: Ich bin der Bandleader. Ich gebe die Richtung vor. Das finde ich toll: das Gesamtkunstwerk, das eine Platte nun mal ist, zu gestalten. Und zwar so,dass ich sagen kann: Besser kann ich es nicht.

Die Hierarchie in der Band ist klar, sagen Sie. War das von Anfang an klar? Immerhin sind das Berufsmusiker.

Das klingt jetzt vielleicht harsch. Ich bin sicher auch der Unmusikalischste in der Band. Aber letztlich ist es Singer-/Songwriter-Musik. Von mir. Ich bin nicht in einer Band, um in einer Band zu sein, sondern weil ich mit meinen Songs meine Geschichten erzählen will. Und ohne das gäbe es keine Band.

Warum „Vilnius“ als Albumtitel?

Dazu will ich gar nicht viel sagen. Albumtitel, die keine Songtitel sind, sollen ihr Geheimnis ruhig bewahren. Es ist für mich ein Sehnsuchtsort, auch ein wichtiger. Und es passt auch gut zu dem Bild des Albums, das von Gerhard Richter stammt.

Ist dieses Gesamtkunstwerk womöglich ein Konzeptalbum?

Eigentlich nicht. Aber je öfter ich es höre, desto konzeptiger finde ich es, weil es wohl auch das einzige bleibt. Es ist ein extrem homogenes, schwermütiges Album. Wir haben viele Songs rausgeschmissen, unter anderem weil sie in Dur geschrieben waren.

Warum wird es das einzige Album bleiben?

Sag niemals nie. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir nicht vorstellen, noch einmal eines zu schreiben. Es dauert bei mir auch echt lange – manche Stücke sind sechs Jahre alt.

Was wird live passieren?

Dadurch dass mich auch aus einem anderen Kontext kennt, erzähle ich auch eine ganze Menge, zum Beispiel zu den Geschichten hinter den Songs. Wir haben einige Songs, die nicht von dem Album sind, und spielen auch zwei oder drei Cover-Versionen, zum Beispiel „In dieser Stadt“ von Hildegard Knef.

Sie treten im Anzug auf?

Es ist hübscher anzusehen, als wenn ich in Jogginghose auftretet. Ich wehre mich dagegen, dass Pop Hülle ist, aber ich glaube, man kann sich dem nicht ganz entziehen. Also treten wir jetzt alle im Anzug auf. Ich habe die Band dazu gebracht, ihre Hipster-Klamotten im Schrank zu lassen.

Tom Schilling & The Jazz Kids live: am 2. Mai im Lux. Karten (22,20 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.

Von Stefan Gohlisch


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