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Es geht ihm gut: Marius Müller-Westernhagen mit Backgrounde-Sängerin Della Miles in Berlin.

Foto: Kniep 

Pop

Testkonzert: Westernhagen rockt in Berlin zwei Stunden lang

Ein Stadionbezwinger zum Anfassen. Im Berliner Postbahnhof gab Marius Müller-Westernhagen ein Sonderkonzert im Clubformat.

VON MATTHIAS HALBIG

BERLIN. „Es geht mir gu-huut“, jodelt Westernhagen. Halb elf abends. Rock-’n’-Roll-Spätschicht in Berlin-Friedrichshain, Sonderkonzert. Auf Tuchfühlung mit Ma-ri-us. Das funktioniert nicht sofort. Man muss den alten Titan Westernhagen erst mal clubklein kriegen im Kopf. Im engen Ostberliner Postbahnhof spielt sich der ewige Stadionbezwinger, Großhallenbeschaller warm für die anstehende Tour.

Das Publikum: Popbranche, Medienleute, Gewinnspielglückspilze. Wann hat man Marius zuletzt auf Reichweite gehabt? Muss irgendwann in den 80ern gewesen sein, als noch das „Herz eines Boxers“ in ihm schlug und Siege selten waren.

Marius wieder hier im Revier, ein Platzhirsch, einer, der sichtlich Lust hat auf Show. Weißes Sakko, schwarze Jeans. Jesusfrisur, Englischlehrerkinnbart, Lennon-Brille in Rot. Er grinst, streckt die Zunge raus, singt mit kackfrecher Stimme, dass er fertig sei mit „ihr“, und ackert sich durch eine gut zweistündige Rock-’n’-Roll-Sause, die einem zuweilen vorkommt wie ein Rolling-Stones-Konzert ohne Rolling-Stones-Songs. Viel Chuck Berry drin und viel Amerika, „Aber lieben werd ich dich nie“ kommt als knochiger Blues der „You-gotta-move“-Sorte. Marius bürstet die Mundharmonika, stemmt die Hände in die Hüften, gockelt wie ein Twentysomething. 

Die Band wirkt bei der Livepremiere noch ungeheuer angeheuert. Leute sind das, die Westernhagen die drei Probewochen wie „ein Bett mit Seidenbezug“ vorkommen ließen, so rühmt er, die er dann aber, was arrogant wirkt, vom Keyboarder vorstellen lässt. Im Marius-Miniorchester finden sich ein arg sprunghafter Saxofonist, ein Pianist mit nervigem Stargehabe und ein Gitarrist, der einem vorkommt wie die Independent-Version eines Keith Richards der 70er Jahre. Einer von drei Gitarristen übrigens, die oft nur synchronrocken. Man tritt sich tot auf der Postbahnhofsbühne, Bewegungsfreiheit ist die einzige, die fehlt. Was hätte eine kleine Spezialtruppe mit Gitarre, Bass und Schlagzeug aus diesem Abend gemacht? 

Die alte Mariusrepublik Deutschland ist 2010 ein überschaubares Reich geworden. Viel hatte er ja auch falsch gemacht zuletzt: zu viel mit Politikern Kameras angegrinst, die falschen Medien beworben, die falschen Platten aufgenommen. Der „Cool“-Status ging verloren. „Williamsburg“, das letzte Album, war dann wieder deftiger, aber hitfrei. In Friedrichshain zumindest macht er fast alles richtig, verkneift sich sogar die plastikhaften Rührungstränen. Und als der „Pfefferminzprinz“ kommt und Marius schließlich „Sexy“ röhrt, das Lied von der Gefangenschaft zwischen langen Beinen, grölen auch die Hinterbänkler und das promillige Tresenvolk mit: „Sek-säää! Sek-sääää!“ Wahre Volksmusik. Es geht uns gu-huut.

Hannover ist am 24. Oktober. dran. Bis dahin wird zusammenwachsen, was zusammen gehört werden will. Es gibt auch noch Karten. Pst, es sind aber nicht mehr soo viele. 

Bewertung: 3/5

Live in Hannover am 24.10.; Karten: 37,50 bis 91,45 Euro unter 0511 / 44 40 66.


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