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Stimmstark: Ulfried Staber (re.), Terry Wey

© Krückeberg

Kunstfestspiele

Terry Wey in Hannover: Eine Stimme für die Unendlichkeit

Wenn Musik gegliederte Zeit ist, müsste man mit ihr eigentlich auch die Unendlichkeit erreichen können. Zumindest auf dem Weg dahin ist das Projekt „Multiple Voices“, das bei den Kunstfestspielen Herrenhausen eindrucksvoll über die Bühne ging.

HANNOVER. Das Konzert fordert nicht nur die Mitwirkenden, fast mehr noch die Zuhörer, weil es satte sieben Stunden dauert, Raum und Zeit auflöst und nur zwei Sänger zu seiner Vollendung braucht.

Im Mittelpunkt steht eins der schönsten Chorstücke der Renaissance, das „Spem in Alium“ von 1573 mit einer Gesamtdauer von gerade einmal achteinhalb Minuten. Die lange Zeitdauer des eigentlichen Konzerts ergibt sich daraus, dass das Thomas-Tallis-Werk 40 Stimmen hat, die von den beiden Sängern, dem Countertenor Terry Wey und dem Bariton Ulfried Staber nach und nach komplettiert werden.

Und das geht dann so: Terry Wey legt vor, die erste Stimme wird aufgenommen, per Computer abgespeichert und dann - alles auf Anfang - als Loop zugespielt, sodass die zweite Stimme live dazu gesungen werden kann. Abspeichern, zwei Stimmen zuspielen, dritte Stimme live gesungen, aufgenommen undsoweiter...

So ein Experiment kann natürlich nur gelingen, wenn die Sänger es auch stimmlich stemmen können. Terry Wey kann es, verfügt dabei über eine wunderbar wandlungsfähige Stimme von bemerkenswerter Natürlichkeit und mit gut kontrollierter Technik. Und auch die Kraft ist beeindruckend - bis zum Schluss des Mammutkonzerts bleibt die schmelzende, sehnsüchtige Höhe - bei leicht jungenhafter Färbung - ohne Abstriche erhalten. Super, eine Stimme, die auch emotional begeistern kann.

Und auch Ulfried Stablers Bariton passt - die beiden Solisten singen die fehlenden Tenorpartien im gemischten Doppel.

Das Erstaunliche ist die Perfektion, mit der dann das vollständige Werk erklingt - die dem Tontechniker Markus Wallner (Vienna Symphonic Library) zu verdanken ist, der die naturgegeben schwankende Intensität der Stimmen am Regler mit entsprechendem Feinsinn angleicht und über Lautsprecher räumlich weit in der gesamten Galerie verteilt. Auch elektroakustisch ist hier ein Meisterstück entstanden, das seine meditative Kraft sehr gut über Surround-Tonträger entfalten könnte.

Man durfte natürlich auch die Galerie verlassen, ausdrücklich gewünscht, wie der junge Tontechniker mit dem Rauschebart mehrfach zwischen den einzelnen Loops verkündete.

Die eigentliche Wirkung stellte sich allerdings erst durch die Erfahrung der Dauer ein. Eine Zuhörerin hielt die gesamte Zeit durch und war am Ende mindestens so glücklich wie Sänger. Terry Wey und Ulfried Stabler luden um Mitternacht das Publikum noch zum Abhören der endlich vollständigen Fassung ein („Wir selbst haben es ja noch gar nicht gehört“), setzten sich in die erste Reihe - und bekamen nun auch selbst die Erfahrung überirdisch schöner Musik.

Bewertung: 5/5


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