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Hannover - Tag der Niedersachsen. Franziska Stünkel. (Foto: Michael Joos)

Hannover - Tag der Niedersachsen. Franziska Stünkel.© Michael Joos

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Tag der Norddeutschen - Interview mit Regisseurin Franziska Stünkel

An diesem Sonnabend zeigt das NDR-Fernsehen von 6 bis 24 Uhr die Mammut-Dokumentation "Der Tag der Norddeutschen". Die NP sprach mit Regisseurin Franziska Stünkel (38).

Franziska Stünkel über...

... den Drehtag:
Den habe ich von 5 Uhr morgens bis 2 Uhr in den Redaktionsräumen in Hannover in der Goseriede verbracht, die übrigens noch in der Nacht zu Schnitträumen umgebaut wurden, um nämlich für Rückfragen der 300 Autoren und Kameraleute draußen da zu sein. Es war ein unglaublich spannenden Tag mit sehr emotionalen Momenten - als zum Beispiel ein Kind geboren wurde. Oder als wegen Starkwinds der Dreh auf einer Yacht in der Kieler Förde gefährdet war. Oder Unvorhersehbares passierte: Der Arbeiter zum Beispiel, den wir auf einer Offshore-Plattform filmten, konnte an diesem Tag wegen des Windes gar nicht arbeiten. Also haben wir ihn begleitet, wie er seine Freizeit gestaltet, wie er zum Beispiel mit seiner Frau telefonierte, mit der er kurz vorher ein Kind bekommen hatte. Von solchen Momenten der Sehnsucht lebt letztlich auch der Film.

...den Schnitt:
Wir hatten mehr als 700 Stunden Filmmaterial. Also schlossen sich an den Dreh erst einmal zwei Monate Sichtungszeit an, daran angeschlossen die eigentliche Schnittarbeit, an der sieben Editoren beteiligt waren. Das ganze natürlich in enger Zusammenarbeit mit dem NDR, der dieses einzigartige Format überhaupt erst möglich gemacht hat; das war insgesamt eine große und großartige Teamarbeit. Wir haben während des Schnitts den Geschichten und Momenten nachgespürt, die erzählen, was ein Mensch tut und warum er es tut. Das war spannend. Manchmal war es auch eine große Herausforderung, den Geschichten gerecht zu werden. Wir begleiten zum Beispiel eine Familie - die sich freiwillig beworben hat - ins Kinderhospiz. Das ist sehr berührend und intensiv.

...die filmischen Mittel:
Die Kameramänner sollten ausschließlich beobachtend tätig sein; wir waren schließlich auf der Suche nach Authentizität. Die jeweils eingeblendete Uhrzeit spielt beim Tag der Norddeutschen eine große Rolle, manchmal unterlegt durch Webcam-Aufnahmen in Zeitraffer, die den Verlauf der Zeit dokumentieren. Es gibt keinen Sprecher in dem Film. Uns liegt am Herzen, dass die Menschen ausschließlich selber zu Wort kommen, sie erzählen mit ihren Stimmen und in ihren Stimmungen. Dem Film liegt ein besonderes grafisches Konzept zugrunde. Geteilte Bildschirme ermöglichen zwischendurch das Erleben von mehreren Geschichten gleichzeitig.

...den fertigen Film:
Wir erzählen die Geschichte von 121 Menschen - und dadurch eine Geschichte über Norddeutschland. Manchmal verweilen wir nur eine Minute bei einem einzelnen Protagonisten und kehren erst später wieder zu ihm zurück. Was aber ganz schnell klar wird: Es bestehen Beziehungen zwischen den Menschen, die man beim Betrachten des Films automatisch herstellt. Man beginnt, in den Geschichten spazieren zu gehen. Wir begleiten zum Beispiel Klaus Meyer, der seit einem Unfall gelähmt ist. Er kocht unheimlich gerne, abends für seine Freunden - und dabei erfahren wir, was für ein Glück es war, als er das erste Mal alleine einkaufen ging. Er erzählt von Freundschaft und Liebe. Anhand des Alltags bilden sich große Themen ab. Der Alltag ist eben nicht langweilig. Er ist unglaublich spannend. Und man stellt fest, dass es die Gefühle sind, die die Menschen miteinander verbinden. Letztlich geht es in unserem Leben darum, das Glück und die Liebe zu finden, Tag für Tag.

...ihre größte Erkenntnis:
Auf welch vielfältige Weise die Menschen durchs Leben gehen. Was für ein Feuerwerk das Leben bietet - und welche Vielfalt Norddeutschland.

...den bewegendsten Moment:
Den einen Moment gibt es nicht - wobei es natürlich schon besonders ist, wenn ein Kind zur Welt kommt und man ganz nah dabei ist; das rührt ganz tief an. Mich hat insgesamt berührt, dass das Leben so sehr in Bewegung ist. Wir sind zum Beispiel in einem Altenheim, besuchen ein Paar, das dort eine Wii-Bowling-Gruppe gegründet hat und eigentlich gerade an einem ganz positiven, neuen Punkt im Leben ist. Und dann erzählt die Frau von ihrer großen Angst, vor ihrem Mann zu gehen. Es gab sehr viele bewegende Momente. Ich danke den Protagonisten, dass wir für einen Tag an ihrem Leben teilhaben durften.

...den lustigsten Moment:
Lachen musste ich an vielen Stellen. Es stimmt definitiv nicht, dass der Norddeutsche nur hinter dem Deich hockt und bloß drei Worte spricht. Der Norddeutsche hat einen sehr schönen, trockenen Humor, der Reetdachdecker zum Beispiel, der sich selber Witze erzählt. Wobei: Es gibt eine Szene, bei der ich im Schnitt erst dachte, der Film würde hängen. Man sieht zwei Fischer auf Hiddensee nebeneinander am Tisch sitzen, die sich einfach nicht rühren. Irgendwann bewegt sich mal eine Augenbraue... (lacht) Das ist das Schöne: Es gibt diese Norddeutschen, aber es gibt noch so viel mehr.

...der extremste Dreh:
Wir waren in allen vier Elementen unterwegs, zum Beispiel unter Wasser bei Forschungstauchern vor Helgoland. Alles auf See war eine Herausforderung. Die Produktion hat ja Drehs an zeitgleich mehr als 100 Orten koordinieren müssen, eine logistische Leistung. Extrem war auch der Besuch einer Ornithologin auf Norderoog, die dort ein halbes Jahr lang ganz allein lebt, ein wenig Strom aus Solarzellen zur Verfügung hat und sich mit Salzwasser wäscht. Und auf der anderen Seite gibt es das pulsierende Stadtleben, wenn wir zum Beispiel Giovanni di Lorenzo zur Verleihung des Henri-Nannen-Preises in Hamburg begleiten.

...Premierenfieber:
Oh ja, ich habe Premierenfieber - und eine große Vorfreude auf dieses Seh-Erlebnis.


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Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

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