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Was für ein Konzertsaal: Das Ensemble Modern spielt unter der Leitung von Ingo Metzmacher bei VW-Nutzfahrzeuge in Stöcken.

Was für ein Konzertsaal: Das Ensemble Modern spielt unter der Leitung von Ingo Metzmacher bei VW-Nutzfahrzeuge in Stöcken.
© Foto: Heusel

Abschluss der Kunstfestspiele mit Ingo methmacher

„Surrogate Cities“ in der Gleishalle

Was für ein Konzert: Im Werk von VW Nutzfahrzeuge wurde die spektakulären „Surrogate Cities“ von Heiner Goebbels aufgeführt. Das Ensemble Modern spielte unter Ingo Metzmacher überragend.

Hannover. Geigen statt Gabelstapler, komplexe Partituren statt präziser Fahrpläne für die Güterzüge – zeitgenossische Musik hat sich einen spektakulären Konzertsaal erobert: Das Ensemble Modern spielte zum Abschluss der Kunstfestspiele auf dem Gleisfeld des Transporterwerks von Volkswagen Nutzfahrzeuge in Stöcken.

Mit dieser magischen Einheit von Musik und Ort ist das Konzert schon Champions League. Die Klänge von Heiner Goebbels passen einfach in diese Halle. Manches hört sich nach Filmmusik an, dazu jazzige Bläserakkorde, ausdrucksvoller Gesang (Jocelyn B. Smith), geheimnisvolle Stimmen (David Moss) und spätromantische Orchesteraufgipfelungen mit viel Schlagwerk – wenn man die Augen dabei durch die Halle wandern lässt, hat man die Idee zu diesem siebenteiligen Zyklus schon vor Augen, in dem Heiner Goebbels das musikalische Porträt einer imaginären Metropole beschreibt.

Und diese hier ist ein Metropolis aus Eisen, Stahl und Konstruktion. Und klingt erstaunlich gut. Die Wucht der teils rabiaten Partitur von Heiner Goebbels (sitzt mit im Publikum) kommt ungeschmälert rüber, wird durch das metallische Ambiente sogar noch entscheidend modifiziert. Aber auch die zarten Klänge finden durch den ausgedehnten Raum die Zuhörer. Er wollte Architektur in Musik übersetzen, hat Heiner Goebbels über sein zur Jahrtausendwende komponiertes Werk gesagt – hier wird seine Musik wieder zur Architektur.

Die Soundspur pluckert, pulsiert, rast, wird richtig hektisch und kommt nur selten ganz zur Ruhe – mehr Stadt, mehr Fabrik lässt sich mit Musik kaum darstellen. Das ist schon überwältigend, wie der schnelle Satz „Surrogate“ mit dem Gestammel, Flüstern, Flehen von David Moss oder in „The Country of Last Things“ und „Surrogate“ tieffrequentes Gewummer und Frauenstimmendiskant die Weite der Halle vermessen. Und zu lautem Zischen bewegt sich sogar grollend minutenlang ein realer Güterzug durch die Komposition.

Aber nicht nur die überragende musikalische Verwirklichung spricht für sich, auch die Überzeugungsarbeit, die VW dazu brachte, den ständigen Produktionsfluss für die „Surrogate Cities“ zu unterbrechen. An diesem Abend zeigt sich, dass Musik doch etwas vermag. Das Ganze ist auch ein höchst exklusives Vergnügen. 1400 Zuhörer waren dabei, trotz der großen Halle war aus organisatorischen Gründen einfach nicht mehr drin. Und danach wird aufgeräumt. Am nächsten Morgen um sechs Uhr startet im Werk die neue Schicht

Mit diesem Abschlussspiel haben auch die Kunstfestspiele gezeigt, dass sie in der Bundesliga angekommen sind. Die künstlerische Bilanz der diesjährigen Festspiele ist jedenfalls tadellos. Es bewährt sich, dass auch die vergleichsweise konventionelle Form des klassischen Konzerts gepflegt wird (und verstärkt auch barocke Musik zeigen darf wie zeitgenössisch sie sein kann). Man kann sich auf die Wundertüte „Kunstfestspiele 2018“ nur freuen.

Von Henning Queren


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