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Rauchen tut er noch: Benjamin von Stuckrad-Barre bei einer "Panikherz"-Lesung.© Daniel Reinhardt

Interview

Stuckrad-Barre und sein "Panikherz"

Benjamin von Stuckrad-Barre wird berühmt als Popliterat, doch der Autor zerbricht am Leben zwischen Rausch und Ruhm - und wird nach Jahren im Nebellabyrinth von seinem Jugendidol Udo Lindenberg gerettet. Davon erzählt er in „Panikherz“. Ein Comeback-Interview.

Was gab Anlass, bereits mit 40 Ihr Leben aufzuschreiben?

Das tue ich eigentlich, seit ich diesen Beruf mache. Aber „Panikherz“ ist natürlich trotzdem keine Autobiografie. Die äußeren Daten stimmen zwar mit meinem Leben überein, aber für eine reine Autobiografie bin ich weder alt noch berühmt genug. Ich wollte etwas erzählen, was ich erlebt habe und es dann behandeln wie einen Roman. Viele Jahre brachte ich es nicht fertig, über meine Zeit der Abhängigkeitserkrankung zu schreiben. Gleichwohl mir immer klar war, dass ich das aufschreiben muss, weil es eine existenzielle Erfahrung ist. Davon gibt es im Leben nicht so viele. Und solche Erfahrungen muss man aber literarisch formen, muss einen Ton, eine Erzählhaltung und eine Geschichte finden, über die sich das Erlebte darstellen lässt. Es geht schon um Wahrhaftigkeit. Aber keinesfalls um Dokumentation, sondern dann wirklich behandelt, gedacht und geschrieben wie einen Roman.

Wie denken Sie rückblickend über Ihre Abhängigkeitserkrankung?

Am Beispiel UdoLindenbergs habe ich gesehen, du kannst sehr weit rausschwimmen, aber du musst zurückkommen. Denn sonst ist es sinnlos. Früh sterben ist eine romantische Idee, aber überleben ist auch gut.

Sie scheinen sehr klare Erinnerungen an Ihre Abstürze zu haben. Wie kommt’s?

Es gilt natürlich die alte Falco-Regel: Wer sich noch an die 80er Jahre erinnern kann, war nicht dabei. Aber man kann es hochrechnen. So gesehen, ist der Vorteil an einer Sucht, dass sie wahnsinnig langweilig ist. Du kannst dir einen Abend merken und die nächsten 40 sind ungefähr genauso.

Sie beschreiben, wie Sie im Rausch irgendwann anfingen, Lindenberg anzurufen. Woher hatten Sie eigentlich seine Nummer?

Ich glaube, fast jeder zweite Deutsche hat Udos Telefonnummer. Da ruft jeder an! Gut, dass er drangegangen ist. Er hat mir wahnsinnig geholfen, und zwar, weil völlig klar war, dass Udo den Rausch als solchen und das Nebensichstehen moralisch nicht verurteilt. Ich bin ja nach der Schule seinetwegen nach Hamburg gezogen. Der Hafen und die Reeperbahn waren für mich durch Udos Texte das gelobte Land. Damals hatte Udo keine gute Phase, künstlerisch. Andererseits ist ein solches Comeback, wie er es seit acht Jahren erleben darf, und eine solche Herzenstiefe und Weltweisheit in der Stimme eben auch gar nicht möglich, wenn man nicht wirklich jahrelang am Boden war und sich in den Kellern des Lebens und des Gemüts wirklich umgeschaut hat. Auch dafür hat man doch Helden, dass die das für einen erkunden, die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen - ein nüchterner Aufdemteppichmensch ist man ja selbst.

So wie Sie es beschreiben, scheint Udo Lindenberg an Ihnen einen Narren gefressen zu haben. Was sieht er in Ihnen?

Ach, bei Udo kann irgendwie jeder mitmachen. Diese Panikfamilie ist der offenste Organismus, den ich kenne. Ich bin einer von vielen, die da so mitschwatzen. Dauernd kommen irgendwelche Leute zu ihm, die alle daran zu erkennen sind, dass sie irgendwo durchs Raster fallen. Udo ist ein Sozialmagnet, der Leute mit einer Macke anzieht. Und im Zusammenspiel mit ihm entwickeln sie eine ungeheure Kraft und Kreativität. Schönste aller Welten, mein gedankliches Zuhause.

Wie ist der Mensch hinter der Kunstfigur Udo Lindenberg?

Das Komische an Udo Lindenberg ist, dass er wirklich so ist wie Udo Lindenberg. Man kann im Hotel Atlantic in den Raucherraum gehen und irgendwann kommt er da rein. Und man denkt: Ist ja irre, der sieht aus und spricht wie Udo Lindenberg, der raucht Zigarre - und es ist tatsächlich Udo Lindenberg! Das ist bei anderen Legenden dieser Liga wie Grönemeyer oder Karl Lagerfeld unvorstellbar. Udo ist ein Volkssänger, eine Jahrhundertfigur, ein permanenter Aufstand gegen die Normalität, die Spießigkeit, Engstirnigkeit und Verbohrtheit. Jetzt wird er 70. Ich glaube nicht, dass er noch stirbt. Vor 20 Jahren hätte er sterben können, aber das hat er hinter sich. Gut für uns. Wenn man sagt, das Leid bedingt die große Kunst, waren die letzten acht Jahre künstlerisch für ihn ein Problem. Denn sein Leben wurde immer geiler. Aber es ist ihm gelungen, trotzdem eine wirklich große, ganz tief berührende, auch sehr lustige Udo-Platte zu machen. Er ist der König.

Haben Sie auch an seinem neuen Album mitgemacht?

Ja, ich habe an zwei Texten mitgearbeitet. Mit Udo arbeiten ist eine absolute WG-Katastrophe, nichts für schwache Nerven. Alle reden die ganze Zeit mit, über Jahre! Selbst Leute, die über die Straße laufen. Der Produzent hat am Ende dasselbe Stimmrecht wie der Page oder jemand auf der Reeperbahn. Udo entwickelt seine Songs basisdemokratisch. Da muss man die Nerven für haben.

Als Leser hat man das Gefühl, dass Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Sucht mit Ihrem Leben abgeschlossen hatten. War dem so?

Offenbar nicht abgeschlossen, sonst wäre ich ja tot. Eine Sucht ist irgendwann einfach eine Sucht. Man ist fest angestellt bei ihr und sie will immer weitermachen. Ihr ist es scheißegal, ob du noch Geld hast. Sie sagt: leih dir was - und weiter geht’s. Ich bin froh, dass es vorbei ist, aber auch, dass ich dort war, in diesen Abgründen. Jetzt fürs Schreiben war das gut. Nur musste ich dafür erst wieder rausklettern, denn da unten kann man nicht schreiben.

Sie schreiben offen über Ihre Abstürze, jedoch kaum über Privates, geschweige denn die Liebe. Wieso lassen Sie das aus?

Um Radikalität in allem anderen walten lassen zu können. Es war völlig klar, Frauen mussten komplett draußen bleiben, das gehört sich einfach nicht. Diese Art Privatheit ist eklig. Ich wollte mich mir selber komplett zur Verfügung stellen als Abraumhalde, als Munition, als Erhebungsgebiet. Die Geschichte ist der Chef und auch die Figur, die ich darin bin. Aber diese Radikalität bedingt eben gentlemanhaftes Auslassen anderer Menschen um mich herum, die ja nichts dafür können, dass ich diesen Beruf habe und ihn so ausübe, wie ich das tue. Die sind zu schützen.

In Ihrem Buch tummeln sich Prominente wie Thomas Gottschalk, Marius Müller-Westernhagen, Brett Easton Ellis, Helmut Dietl und Udo Lindenberg. Was geben die Ihnen?

Das sind erst einmal alles Helden. Mit Udo ist daraus wunderbarerweise eine tiefe Freundschaft erwachsen. Und mit Helmut Dietl auch. Helmut ist für mich nicht tot, weil ich seine Stimme noch den ganzen Tag im Ohr habe. Wenn ich wörtliche Rede schreibe, Dialoge, habe ich Helmuts Stimme im Kopf, er war der König des Dialogschreibens, ich habe da wahnsinnig viel von ihm lernen können. Und sowas stirbt ja nicht, das lebt für immer in meinem Kopf.Ich weiß genau, was der Helmut jetzt sagen würde - und wie er es sagen würde. Und das ist ein sehr schönes Erbe und Andenken.

Wie halten Sie es heute mit der bürgerlichen Existenz?

Was ist das? Postnachsendeantrag oder wie? Meine Umsatzsteuervoranmeldung erfolgt immer pünktlich am 10.! An der Drogenabhängigkeit hat mich die Unzuverlässigkeit wahnsinnig genervt. Nicht gemeldet zu sein und keinen Pass zu haben, mit allem im Verzug, grauenhaft. Heute bin ich Mr. Fristeinhaltung. Für mich war es ein völlig neues Gefühl, an dem Ort zu schlafen, der in meinem Pass steht. Meinen Briefkasten aufzumachen und einen Umschlag auf mich zu beziehen, das war wahnsinnig interessant, weil ich das ganz lange nicht gemacht hatte. Aber eigentlich versuche ich, Realität zu vermeiden. Und in diesem Bestreben ist in der Nähe von Udo sich aufzuhalten ein sehr guter Anfang.

Können Sie heute auch ohne Alkohol und Drogen Partys feiern?

Feiern ist für mich nicht gebunden an irgendwelche Substanzen. Das ist eher so eine Einstellung zum Leben. Udos 70. Geburtstag ist in diesem Jahr zum Beispiel der einzige Tag, an dem er nicht feiert. Aber gar nicht aus Prinzip, sondern er muss da proben. Wir feiern eigentlich immer, und wir arbeiten auch immer. Das Ziel ist, dass man den Unterschied gar nicht merkt und die Arbeit die Party ist.

Benjamin von Stuckrad-Barres Lesung am 14. April im Apollo ist ausverkauft.

VON OLAF NEUMANN


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