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VIELSEITIG: Der gefeierte Dramatiker Nis-Momme Stockmann kommt mit seinem ersten Roman nach Hannover.© Katrin Ribbe

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NP-Interview

Stockmann über Haarmann und die Flut

„Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“, sein angebliches Haarmann-Musical, das im Schauspielhaus als Uraufführung gezeigt wurde, hat viel Aufregung verursacht. Jetzt kommt der Dramatiker Nis-Momme Stockmann (34) mit seinem gefeierten Debüt-Roman „Der Fuchs“ nach Hannover zurück. Ein Interview.

Nach all der Aufregung: Ist die anstehende Lesung in Hannover für Sie ein ganz normaler Termin?

Ich habe die ganze Aufregung gar nicht so wahrgenommen. Mein Kontakt war vor allem mit dem Theater, und dort war man sehr gelassen.

Wo ist denn Ihre persönliche Aufregung größer: vor einer Uraufführung oder vor einer Lesung?

Das lässt sich gar nicht vergleichen. Bei einer Uraufführung steht man nicht als einzelner zur Disposition, sondern im Team. Wenn man liest, legt man sich selbst in Waage. Das ist für mich mit einer größeren Aufregung verbunden.

Was hat Sie denn daran gereizt, das Metier zu wechseln?

Jeder Autor misst sich am Roman; das ist die Königsdisziplin. Ich musste es mir einfach mal beweisen, dass ich das kann. Und: Ich war ja gar nicht von Anfang an Dramatiker, bin da zufällig hineingerutscht und wollte eigentlich immer schon einen Roman schreiben.

Welche Kunstform ist für Sie befriedigender?

Beides hat seine Vor- und Nachteile. Die Arbeit ist wegen des ständigen Feedbacks und des sozialen Umgangs sehr befriedigend. Das Schreiben an einem Roman ist vergleichsweise einsam. Allerdings ist die Wertschätzung des Künstlers auch viel größer. Es gibt auch nicht diese Verbrennung des Theaters: Dort wird man uraufgeführt; dann ist der Text oft erledigt. Das Klima ist ziemlich harsch, auch in der Kritik: zum Beispiel einer Theaterkritik, die ihre Aufgabe vor allem in negativer Kritik sieht. Und ein Buch ist einfach in der Welt, haptisch, man kann es Leuten geben. Es wird ganz anders wahrgenommen als eine Uraufführung, die ja in der Regel auch nur lokal betrachtet wird.

Nun haben Sie den klassischen Literaturbetrieb von einer recht luxuriösen Warte aus erlebt - nicht jeder Autor wird wie Sie gleich mit seinem Roman-Debüt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Ja, da hatte ich großes Glück. Aber auch sonst: Ich genieße es total, eine Leserschaft zu haben, Menschen, die mit diesem Text umgehen als Gebrauchsgegenstand und nicht nur als professionelle Vorlage für einen Theaterabend.

Das ist der Anspruch: ein Gebrauchsgegenstand?

Ja, das genieße ich: dass es Menschen gibt, die diesen Stoff lesen und teilen und empfehlen. Dass ich sie treffe oder sie über Facebook Kontakt zu mir aufnehmen. Das ist eine tolle Erfahrung.

Wie kamen Sie zu dem Stoff? Ist er verbrämt autobiografisch? Steht das Thule des Romans für das Föhr Ihrer Kindheit?

Der Roman entstand in Etappen. Es war ein Geben und Nehmen zwischen dem Stoff und mir. Ich bin hineingegangen mit einer starken Idee, der einer Flut. Von dort aus hat es sich entwickelt. Der Rest ist eine Dialektik zwischen Autor und Text.

Machen Ihre Figuren, wie man so oft von Schriftstellern hört, was sie wollen, oder sind schon Sie der Spielleiter?

Ich bin ein Bastler als Autor, auch Frickler und Autist. Ich überlasse nichts dem Zufall, auch wenn es manchmal anders aussieht. Ich habe alles nach meinem inneren Fahrplan arrangiert.

Wann entstand der Roman?

Die intensivste Schreibzeit waren die vergangenen eineinhalb bis zwei Jahre. Begonnen hat es allerdings so um 2010.

Der Autor in Ihrem Haarmann-Stück war auf der Suche nach neuen Kulturtechniken. Nun weiß ich nicht, wie synonym der mit Ihnen ist; aber auch bei „Der Fuchs“ gibt es den Versuch, klassische Muster aufzubrechen, unterschiedliche Erzähl- und Erinnerungsebenen, ein Spiel mit Genres, einen Kunstraum. Ihnen war offenbar nicht danach, einen ganz herkömmlichen Roman zu schreiben?

Grundsätzlich war ich ja immer schon das, was man unter einem experimentellen Autor versteht. Ich glaube aber, dass ich das Experiment nie nur um des Experimentierens Willen mache, sondern dass es schon im Dienst des Textes steht. Bei „Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“ ging es ja nicht nur um die pure Dekonstruktion, sondern darum, was es bedeutet, über Themen wie Haarmann nachzudenken, inwiefern es überhaupt sinnvoll ist, darüber nachzudenken, und in zweiter Linie eben auch, ob es sinnvoll ist, über Themen wie die Flüchtlinge mit unseren Kulturtechniken nachzudenken - oder ob man dann bei den immer gleichen Phrasen landet.

Worin ich übrigens eine große thematische Verwandtschaft zwischen „Lasso“ und dem „Fuchs“ sehe: die Unmöglichkeit, sich gegenüber der Welt ins Verhältnis zu setzen, das einprogrammierte Scheitern und das Sich-daran-Abarbeiten.

Hm. Aber das Scheitern auch als Chance für neue Kommunikation. Weil wir sonst immer nur in den selben Formen kommunizieren, was ich angesichts einer so komplexen Gesellschaft wie der unseren unangemessen finde. Es geht um die Frage: Welche Auseinandersetzung ist angemessen?

Nämlich?

Die Gesellschaft braucht vor allem eine nach vorne gerichtete Auseinandersetzung. Wir neigen dazu, immer nur unsere alten Positionen zu wiederholen und auf die Spitze zu treiben. Wir müssen lernen, mit den unterschiedlichsten Positionen zu existieren. Das Volk besteht aus Leuten, die sich in dem einen Extrem Pegida anschließen und in dem andern Extrem zu radikal-islamischen Strömungen gehören. Wir müssen eine Gesellschaft bauen, in der wir diese Strömungen miteinander arrangieren können, anstatt an einer Gesellschaft festzuhalten, die sie immer mehr miteinander verfeindet.

Sie fordern Mut zur Unschärfe?

Ja, und auch zur Divergenz. Die Menschen sind nun mal in hohem Maße unterschiedlich.

Nis-Momme Stockmann: „Der Fuchs“. Rowohlt, 720 Seiten, 24, 95 Euro. Lesung am 27. April ab 19.30 Uhr im Literaturhaus.


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