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POLENEXPERTE: Steffen Möller ist in Polen immer noch ein bekannter Mann. Mit seinen Büchern und Bühnenprogrammen bringt er den Deutschen das Nachbarland näher.

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Interview

Steffen Möller: „Deutsche sind für Polen geizig“

Der Kabarettist Steffen Möller bringt den Deutschen Polen näher. Er ist Experte: In Polen war er ein Soapstar. Am 7. Dezember (20 Uhr) gastiert er mit seinem Programm „Viva Warszawa“ im Pavillon. Ein NP-Interview.

Herr Möller, Sie wohnen in Warschau und Berlin. Wo fühlen Sie sich eher zu Hause?

Das habe ich gestern wieder gemerkt: Zu Hause fühle ich mich am ehesten im EuroCity zwischen Warschau und Berlin. Da werde ich angesprochen von Leuten, die mich kennen, Deutschen und Polen, die auch schon seit vielen Jahren im jeweils anderen Land leben, außerdem die Kellner, die Schaffner - ich kenne sie alle.

Eine vertraute Welt…

Ja, so ist es. Naja, Wuppertal ist es nicht mehr. Wenn überhaupt, ist es Warschau. Da kenn‘ ich mich gut aus und davon träum ich auch nachts.

Sie waren in Polen ein Fernsehstar. Sie haben jahrelang in einer Soap mitgespielt und sogar das polnische Wetten, dass..? moderiert. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe 2002 bei einem großen polnischen Kabarettwettbewerb in Krakau den zweiten Platz gemacht, danach bekam ich das Angebot für die Soap. Außerdem habe ich fünf Jahre lang in einer Infotainment-Comedy.Show mitgemacht, so etwas wie „Sieben Tage, sieben Köpfe“. „Wetten, dass..?“ lief nicht so gut, das war nur 2005.

Sie sind in Polen immer noch eine bekannte TV-Größe, obwohl Sie seit mehreren Jahren dort gar nicht mehr im Frnsehen waren. Oder gab es zuletzt noch Auftritte?

Nein, seit einigen Jahren trete ich nicht mehr auf, das ist richtig. Ich habe mein Betätigungsfeld mehr nach Deutschland verlagert. Hier ist mein Publikum: Polen und Deutsche, die täglich mit ihren Kulturkonflikten kämpfen. Die Leute kämpfen alle mit den Problemen, die ich auch habe.

In Deutschland sind Sie eher als Schriftsteller bekannt. Bisher vier Bücher haben Sie verfasst das bislang letzte ist auch Grundlage für Ihr aktuelles Bühnenprogramm.

Genau. „Viva Warszawa - Polen für Fortgeschrittene“ .

Was ja darauf hindeutet, dass es auch einen Band „Polen für Anfänger“ gibt,

Naja, Polen für Anfänger ist vielleicht „Viva Polonia“, mein allererstes Buch, in dem ich beschrieben habe, wie ich nach Polen verschlagen wurde. Im neuen Buch geht es mehr um die Geschichte von Warschau, gerade auch um den 2. Weltkrieg. Es geht aber auch um das moderne Warschau. Ich beschreibe die verschiedenen Wahrzeichen der Stadt, denn davon gibt es mehrere. In meiner Bühnenshow singe ich außerdem noch ein Lied, mein Warschau-Lied, und am Ende tanzen wir alle den wichtigsten polnischen Tanz.

Welcher ist das?

Das darf ich Ihnen nicht verraten, das ist eine Überraschung.

Sie geben offenbar auch praktische Lebenshilfe…

Es ist tatsächlich schon passiert, dass deutsche Männer, die mit polnischen Frauen verheiratet sind, plötzlich kapieren, was da bisher alles schief gelaufen ist in ihrer Ehe. Kleines Beispiel: Eine Polin würde niemals ihre Handtasche auf den Boden stellen. Denn der Aberglaube sagt, dass dann das Geld rausläuft und du wirst arm. Wer das nicht weiß, kann den riesigen Fehler begehen, die Handtasche seiner Frau ständig auf die Erde zu stellen.

Kann es sein, dass die Polen sowieso ein ziemlich abergläubisches Völkchen sind?

Mmmh…im Vergleich zu uns, ja. Aber im Vergleich zu den Russen sind sie die Rationalität selbst. Da liegen die Polen wieder mal genau zwischen Deutschen und Russen, und da sind wir auch schon bei einem der Fettnäpfchen, die ich in der Show erklären werde: Lass‘ deine Russisch-Kenntnisse besser zu Hause.

In Ihren früheren Programmen gab es einen kleinen Sprachkurs. Gibt es den immer noch?

Gibt‘s noch, richtig. Denn ich habe in meinem Publikum nicht nur Fortgeschrittene, sondern muss auch an die Anfänger denken. Für die bin ich mir nicht zu schade, sogar ein paar dämliche Witze zu erzählen, über Polen und Deutsche und ihre wechselseitigen Klischees. Danach aber wird’s ernst: Wir machen den Sprachkurs. Die Leute sollen aus der Show kommen und das Gefühl haben: Oh, ich kann ja schon was.

Unter anderem erfährt man in Ihrem Buch, dass die Hauptstadt Warschau und der Warschauer an sich in Restpolen nicht wirklich beliebt ist…

Genau. Ich unterteile die 38 Millionen Polen in zwei Millionen Warschauer und 36 Millionen Anti-Warschauer. Das ist für einen Deutschen schwer nachzuvollziehen, weil wir Berlin ja alle nur lieben…Warschau ist dagegen die unbeliebteste Stadt in Polen. Da fährt ein Pole doch lieber nach Chicago oder London, die zweit- und drittgrößten polnischen Städte.

Woran liegt das?

Das hat auch zu tun mit dem Kommunismus, als in Warschau die wahren, die einzigen Kommunisten saßen, die es in Polen gab. Der Rest des Landes war antikommunistisch, zumindest sah man das damals so. Und in Warschau gab es ja auch dieses Wahrzeichen, den Kulturpalast, den Stalinpalast, 250 Meter hoch - eines der Wahrzeichen, die ich erkläre, ich zeige ja auch mehr als 100 Fotos. Also: Warschau, das war einfach Klein-Moskau.

Sie erklären schon seit einiger Zeit den Deutschen Polen. Könnten Sie nicht auch umgekehrt den Polen die Deutschen erklären - typisch deutsche Verhaltensweisen, die man als Pole kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt?

Das habe ich ja all die Jahre vorher gemacht, im Fernsehen. Da habe ich ja immer nur über Deutschland gesprochen. Lustig, dass ich jetzt genau das Gegenteil mache. Und ja, natürlich, ständig schütteln die Polen den Kopf. Die Deutschen sind für die Polen geizig. Zum Beispiel bei einem Date: Ein Deutscher lädt eine Frau ein, anschließend sagt der Mann: Du zahlst für dich, ich zahl‘ für mich. Das ist wirklich das Letzte für eine Polin. Auch völlig unverständlich: Die Deutschen mieten sich ihre Wohnungen am liebsten. Mieten? Das ist unglaublich. Alle Polen kaufen und verschulden sich dafür sogar für 40 Jahre, aber Hauptsache kaufen - so wie in England. Mieten ist überhaupt nicht angesagt in Polen.

Sie haben doch auch eine Wohnung in Warschau?

Ja, ich hab‘ meine Wohnung in Warschau auch richtig schön polnisch gekauft - und in Berlin miete ich eine kleine Arbeitswohnung, richtig schön deutsch.

Auf deutscher Seite gibt es ja auch viele Vorurteile. Sehr beliebt ist: Polen klauen, oder: Die sind alle so katholisch. Das mit dem Katholizismus stimmt womöglich, das mit dem Klauen muss man aber dringend relativieren, oder?

Das mit dem Katholisch sein aber mindestens genauso. 99 Prozent sind zwar nominell katholisch, aber den angeblichen Einfluss der Kirche bemerkt man im Alltag nicht. Und was das Klauen betrifft: Die Autodiebstähle sind in den letzten 15 Jahren um 75 Prozent zurückgegangen. Ich habe vor kurzem ein Firmen-Event für Deichmann Polen moderiert, und da hat mir der Deichmann-Juniorchef aus Essen erzählt, dass Deichmann in 23 europäischen Ländern ist, und in Polen, wo es mehr als 200 Filialen gibt, haben sie die niedrigste Ladendiebstahls-Quote. Also, ich persönlich bin nur ein Mal beklaut worden in 21 Jahren.

Das kann Ihnen in Deutschland auch passieren in der Zeit…

Denk ich doch auch.

Was macht für Sie den Kern der polnischen Seele aus? Was zeichnet den Polen an sich aus?

Der Pole an sich ist für mich selbstironisch, pessimistisch, skeptisch. Und das sagt wunderbar die Nationalhyme aus: „Noch ist Polen nicht verloren“, ist der erste Vers - und der steht im Kontrast zu „Blüh‘ im Glanze dieses Glückes“. Das nenne ich das „positive thinking“ der Deutschen, dieses ‚Wir schaffen das‘. Die Polen dagegen sagen: ‚Wir schaffen das nicht‘, ‚Wir qualifizieren uns nicht‘, ‚Wir produzieren nur Steckmöbel für Ikea‘. Sie sehen sich sehr selbstkritisch - natürlich mit einem Augenzwinkern -, und das finde ich hochsympathisch.

Wobei es ja ein völlig neuer Blick auf die Deutschen ist, wenn man sagt: Sie sind grundoptimistisch.

Richtig, das glauben die Deutschen selber nicht von sich. Im Verhältnis zu den Polen sind sie es aber. Ich sage ja auch überall, dass Deutsche und Polen sich sehr ähnlich sind, ohne es zu wissen. Wir reden immer über die Unterschiede, wir sollten eigentlich über die Ähnlichkeiten reden. Im Vergleich zu Engländern, Franzosen, Spaniern, Italienern sind Deutsche und Polen wie Zwillinge. Polen ist für Deutschland wie der nächstgelegene bewohnbare Planet. Deutsche und Polen trinken Bier, essen Sauerkraut und Kartoffeln, grillen Würstchen, Polen hat die zweitmeisten Schrebergärten Europas. In Polen gibt es wie in Deutschland einen Ost-West-Konflikt, es gab hier wie dort ein Vertriebenen-Problem nach dem Zweiten Weltkrieg. Die polnische Sprache hat die meisten deutschen Lehnwörter überhaupt! Polen hat die meisten Deutsch-Lerner weltweit, im Abitur gibt es jedes Jahr zehntausende Schüler, die Deutsch als Abifach gewählt haben und, und, und.

Polen kennen Sie gut. Gibt es noch ein weiteres Traumland, dass Sie irgendwann ähnlich intensiv erleben möchten?

Ja, mein geheimer Traum - aber das darf man in Polen kaum laut sagen - ist Russland. Ich habe da dieses Jahr Urlaub gemacht, und es fasziniert mich, dieses Land. Aber…vielleicht bin ich schon zu alt, oder die kyrillische Schrift ist noch zu schwierig für mich - irgendwie hab‘ ich es noch nicht gepackt.

Steffen Möller ist am 7. Dezember mit „Viva Warszawa“ im Pavillon. Tickets kosten zwischen 14,20 Euro und 20,80 Euro.


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