Navigation:
Wrackkunst: Eine Installation aus

Wrackkunst: Eine Installation aus

In Kassel ist die Kunst politisch

Spröde Documenta

Globalisierung und Gender, das gehört zu den Themen der 14. Documenta, die am Wochenende eröffnet wird. Die Weltkunstschau findet diesmal im Doppel mit Athen statt.

Kassel. Viel Rauch über Kassel: Am Wochenende legt der größte Dampfer in Sachen zeitgenössischer Kunst ab. Und den Rauch liefert Daniel Knorr mit seiner Aufsehen erregenden Aktion „Expiration Movement“, mit der er auf dem Turm des Fridericianums an ein dunkles Nazi-Kapitel aus der Geschichte Kassels erinnert. Von Knorr stammt übrigens der steinerne „Made in Germany“-Schneemann vor der Kestnergesellschaft.

Gestern zeigte die Documenta-Preview, ob es sich lohnt. Und? Klar, wenn man mitreden möchte. Und wie bei jeder dieser Großveranstaltungen mit diesmal gut 160 Künstlern kommt einfach – ganz unabhängig von der Fähigkeit der Macher – soviel an sehenswerten, interessanten, verstörenden, aufregenden, überraschenden und überwältigenden Sachen zusammen, dass jede Documenta zum Muss wird.

Zu den großartigeren Werken gehört diesmal sicherlich auch das gleichzeitig größte, der „Parthenon der Bücher“ von der argentinischen Künstlerin Marta Minujin, der zum Wahrzeichen werden könnte. Aus der Ferne sieht es aus wie aus vielen bunt leuchtenden Mosaiksteinen zusammengesetzt, farbige Buchcover in Plastikhüllen, die den Nachbau der Akropolis umkleiden. Abertausende von verbotenen Büchern, die der Bannstrahl von Diktatoren, Gewaltregimen und Religionen traf, sollen hier versammelt werden.

In einer Hinsicht verließ die Macher allerdings der Mut, auf Bücher, die in islamischen Staaten verbunden sind, verzichtete man lieber ... Könnte ja Ärger geben.

905 000 Besucher hatte die letzte Documenta, diesmal hoffen die Macher, die Million zu knacken. Könnte einerseits klappen, denn zeitgenössische Kunst boomt, auch weil man sich angesichts einer immer ratloser werdenden Welt hier Antworten erhofft. Außerdem ist Kunst gehobenes Entertainment und vor allem ein gigantischer Markt, der Milliarden bewegt. Andererseits ist die 14. Documenta vergleichsweise spröde. Documenta-Chef Adam Szymczyk hat als Slogan ausgegeben, dass diese Ausstellung zu einem „Parlament der Körper“ werden sollte, an dem alle Besucher teilnehmen und dadurch abstimmen sollen.

Politisch soll die Kunst sein, und so wirken etliche Werke wie Illustrationen einer Seminararbeit. Es gibt zeittypisch natürlich reichlich von der üblichen Migrations-Gender-Anti-Globalisierung-Anti-Kolonialismus-Klima-Occupy-Medienkritik-Kunst in verschiedensten Zusammensetzungen und Qualitätsstufen.

Dafür stehen dann drei weitere groß herausgestellte Werke. Die historische Torwache ist von zerschlissenen Jute-Säcken à la Christo verhüllt („Hier materialisiert sich die Geschichte des Welthandels“) – vom in Ghana geborenen Künstler Ibrahim Mahama. Oder das Kunstwerk mit dem erschreckenden Namen „Mühle des Blutes“, die Maschine des Mexikaners Antonio Vega Macotela steht in der Karlsaue und mahnt an die Sklaven in den Silberminen Boliviens.

Einem schönen Satz ist der Obelisk des gebürtigen Nigerianers Olu Oguibe gewidmet, auf einer hohen, schlanken Steinsäule auf dem Königsplatz steht in verschiedenen Sprachen „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich aufgenommen“. Flüchtlinge sind das Thema einer Arbeit des kurdischen Künstlers Hiwa K. Er hat Betonröhren übereinandergestapelt. Solche Röhren erinnern an diejenigen im Hafen von Patras in Griechenland, sie dienten als Unterkunft.

Ansonsten gibt es viele Performances, Filme (Romuald Karmakar, „Die Entstehung des Westens“), Zeitgenössisches an ungewohnten Orten (Grimmwelt und Weinberg-Terrassen). Die Kunst kommt aus Westafrika, Haiti, Kroatien, Chile – Fernost und die USA zählen eher weniger. Kunst ist hier politisch und soll es auch sein, so werden in einer groß angelgten Schau in der Neuen Galerie die Alten Meister konfrontiert mit Interventionen (von Maria Eichhorn), die den Raub altmeisterlicher Bilder durch die Nazis von den Juden zum Thema machen.

Hat man den Großteil der Documenta gesehen – und vergleicht diese mit ihren Vorgängern – fehlt doch etwas, was Kunst eben auch ausmacht. Das Aufsässige, Radikale. Fest, Wunder, Utopie, die große Überwältigung. Und vor allem Überfülle an Ideen und Werken. Irgendwie wirkt es ein wenig dünne, wie eine Sparversion.

Vielleicht liegt das auch an der Parallel-Aktion in Kassel und eben Athen – wobei Kassel zahlt und, wie man so mitbekommt, Athen die Party hat. Man kann das Konzept auch ein wenig arrogant nennen, denn wer alles sehen will, müsste mal kurz in die griechische Hauptstadt jetten. Aber Athen kommt ja auch zu uns – mit einer klassischen Ausstellung. Das ehrwürdige Fridericianum beherbergt das dortige Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST), das hier seine Sammlung zeigt – mit Großmeistern wie Iannis Kounellis und vielen unbekannten lokalen Größen, die man kennenlernen darf.

Warum ausgerechnet Athen? Das kann man natürlich wunderbar begründen, jahrtausendealte Traditionen, Brennglas der gegenwärtigen Krisen. Und so weiter. Und dann fügt es sich doch ganz wunderbar, dass die Lebensgefährtin des Documenta-Chefs griechische Künstlerin und gleichzeitig Documenta-Teilnehmerin in Piraäus ist.

Aber egal. Wie sich das Ganze fügt, ist am ersten Tag in der Regel noch nicht absehbar. Mit jeder Documenta ist es wie mit Wein, sie muss 100 Tage und meist auch danach noch reifen, damit man sieht ob 2017 ein guter Jahrgang wird.

www.documenta.de

Von Henning Queren


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was ist Ihre Wunschkoalition für Niedersachsen?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie