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Endlich frei: Die Sondaschule hat Auslauf mitten im Mülheim

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Interview

Sondaschule-Sänger Costa Cannabis: Ich bin ein ziemlicher Beobachter

Rock am Ring und Rock im Park, Taubertal und Endless Summer - in diesem Sommer spielen Sondaschule auf den großen Festivals. Für die seit 16 Jahren bestehende Skapunk-Band aus Mülheim an der Ruhr könnte es das Jahr des Durchbruchs werden. Diese Woche erscheint erst einmal ihr neues Album „Schön kaputt“. Wir sprachen darüber mit Sänger Costa Cannabis.

„Schön kaputt“ klingt poppiger, zugänglicher als die bisherigen Sondaschule-Alben. Absicht?

Nein, das nicht, aber es freut mich, das zu hören. Wahrscheinlich ist das einfach nur der Prozess der natürlichen Entwicklung dieser Band. Jedes Album klingt irgendwie anders.

Es gibt darauf eine bittersüße Ode an die Heimat. „Immer nur Dur in Mülheim Ruhr“, heißt es darin. Verbindet Sie eine Hassliebe zu der Stadt?

Absolut nicht. Mir ist auf Tour immer wieder aufgefallen, dass, wenn ich zurückkomme, ich merke: Hier ist halt wirklich mein Leben. Da habe ich meine Freunde und die Familie. Aus der Entfernung schreibt man solche Lieder gerne.

Schreiben Sie generell, wenn Sie unterwegs sind?

Nein, eher zuhause. Da fließt es. Ich stehe in meinem Wohnzimmer, habe die Playbacks fertig und mache Freestyle, bis die Texte kommen. Meist gibt die Musik vom Feeling her das Thema vor.

Wenn ich das Feeling des Albums beschreiben müsste, wäre es eine „Ja, aber“-Stimmung: Schönheit mit Brüchen, was sich ja schon im Titel findet und sich in Liedern wie „Bist du glücklich?“ fortsetzt. Handelt es sich um eine emotionale Standortbestimmung?

Ich bin ein ziemlicher Beobachter. Wenn ich durch die Welt laufe, sauge ich auf wie ein Schwamm. Und ich merke: Die Menschen mockern und meckern über alles. Ich bin überhaupt nicht so und stelle die Frage in den Raum: Reicht es nicht, dass du glücklich bist? Und wenn du nicht glücklich bist, sieh zu, dass du es schnell wirst. Denn um etwas Anderes geht es im Leben einfach nicht.

Haben Sie das erreicht?

Im Moment schon. Ich hatte auch Zeiten, in denen es nervte. Aber im Moment bin ich glücklich und hoffe sehr, dass es so bleibt und ich weiter das mache, was ich liebe.

Und es gibt, um einen weiteren Songtitel zu zitieren, auch „Ein kleines bisschen Chaos“ in Ihrem Leben?

Nur (lacht). Das ist ganz wichtig, dass ich keinen geregelten Tagesablauf habe. Ich brauche dieses kleine bisschen Chaos.

Das ist in unseren großkoalitionären Zeiten aber gar nicht mehr opportun ...

Nee, eben, ist es nicht.

Wie wichtig ist es, jetzt Unangepasstheit zu propagieren?

Wissen Sie: Ich habe gerade das neue Marteria-, also Marsimoto-Album gehört, mit diesem Kifferlied, in dem er sagt: „Lasst uns dabei bleiben, uns von den Anderen zu unterscheiden“. Damit hat er mir voll ins Herz getroffen. Man sollte die Leute immer noch mal aufrütteln und ihnen sagen: „Denkt mal bitte kurz selber nach und glaubt nichts alles, was die ‚Bild‘ oder der Fernseher euch sagen!“

Sie nannten gerade Marteria. Es gibt von Casper bis Kraftklub ja einige jüngere Künstler, die in die selbe Richtung gehen. Ist es wieder wichtiger, so klar Position zu beziehen und den Punkrock-Gedanken in die Welt zu tragen?

Es ist einfach an der Zeit. Und die Jüngeren sind damit aufgewachsen, Casper zum Beispiel mit Slime. Die Jugend spricht immer so, hoffentlich. Die muss rebellieren.

Aber heißt Rebellieren heute nicht auch, wenn man das Pech hat, ganz aufgeschlossene Eltern zu haben, ganz brav zu werden und konservativ zu wählen?

Ja, und Opern zu hören. Um die Eltern zu schocken. Wie wäre es, wenn die Kinder ihren Eltern nacheifern? Wir haben doch auch extra Musik gehört, um die Eltern zu schocken. Das ist auch der Grund, warum die heute alle K.I.Z. hören: weil es lyrisch perfekt ist und die Eltern schockt.

Schätzen Sie die genannten Künstler?

Ja, sehr. Für mich ist das die Speerspitze, gerade textlich. Das sind die, die in Deutschland die besten Sachen ansprechen.

Ist es eine dankbare Zeit, deutschsprachiger Künstler zu sein? Manche rufen schon eine neue Neue Deutsche Welle aus.

Voll.

Fühlen Sie sich in der Umgebung wohl?

Wir haben uns mit unseren deutschen Texten immer wohlgefühlt. In meiner ersten Band habe ich englisch gesungen, ganz schreckliches Schul-Englisch. Und als wir Sondschule gegründet haben, war sofort klar, dass wir in der Sprache singen, in der wir auch sprechen, damit man auch etwas von sich preisgeben kann.

Aber man macht sich auch mehr nackig in der eigenen Sprache.

Aber das wollen wir doch auch. Wir gehen auf die Bühne, und dann kriegt man eben auch ganz viel von unserer Persönlichkeit.

Im Herbst geht es auf Clubtour. Was macht mehr Spaß: die Clubs oder die großen Festivals?

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, Rock am Ring hätte nicht Spaß gemacht. Da hätte man uns ein Feuerzeug an den Hintern halten können, und wir wären ins All geflogen - das war so eine Freude. Aber Clubs sind toll, weil die Leute tatsächlich nur unseretwegen kommen.

Was kann man im Musikzentrum erwarten?

Dass man einen schweißtreibenden Abend erleben wird mit sehr vielen neuen, aber auch sehr vielen alten Perlen. Wir werden sehr lange spielen. Ich kann versprechen, dass die Leute auf dem Zahnfleisch nach Hause kriechen werden.

Sondaschule live in Hannover: am 11. Dezember im Musikzentrum.


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