Navigation:
08.08.2016, Schauspielhaus/Hof, Hannover,  Doppelinterview zu Der 100jaehrige, der aus dem Fenster stieg, im Bild Schauspieler und Hauptdarsteller Dieter Hufschmied zusammen mit Regisseur Malte C. Lachmann

Schauspieler und Hauptdarsteller Dieter Hufschmied zusammen mit Regisseur Malte C. Lachmann© Sielski

|
NP-Interview

So wird Hannovers Sommerhoftheater 2016

Im Sommerhoftheater 2016 des Schauspielhauses ist Dieter Hufschmidt (81) „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ nach dem Bestseller von Jonas Jonasson. Wir trafen ihn und Regisseur Malte C. Lachmann (27) zum Doppelinterview.

Hannover. Für das Foto haben wir gerade Sie, Herrn Lachmann, ans Steuer gesetzt. Wer von Ihnen sagt sonst, wo es langgeht?
Lachmann: Es ist wie bei jedem anderen Schauspieler auch eine Zusammenarbeit. Ich bin hier nicht als Diktator unterwegs, ganz im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, eher wenig vorzugeben und den Rest gemeinsam zu erarbeiten.

Hufschmidt: Grundsätzlich hat sich das geändert. Wenn früher ein neuer Regisseur kam, hat man schon mal nach fünf, sechs Tagen gesagt: „Der weiß ja gar nicht, was er will.“ Man erwartete ganz genaue Vorgaben. Heute ist es eher so, dass einem ein Regisseur nicht gefällt, wenn man nach fünf Tagen sagen muss: „Der weiß ja genau, was er will.“ Damals kannte man autoritäre Zusammenhänge in allen Bereichen; eine andere Arbeitsform hätte mich gewundert. Aber ich möchte nicht dahin zurück.

Lachmann: Wobei es, glaube ich, bis heute eine Frage des Arbeitsstils in den unterschiedlichen Häusern ist.

Was schätzen Sie am jeweils anderen?
Lachmann: Ich finde es toll, dass wir Dieter Hufschmidt für diese Produktion gewinnen konnten; wir wollten sie auch mit niemand sonst machen. Er ist ein toller Erzähler. Sein Faust-Abende sind Paradebeispiele für den Umgang mit dem Publikum und mit dem Text. Das schätze ich sehr. Und dann ist er einfach ein sehr netter Kollege.

Hufschmidt: Ich kann mir niemanden vorstellen, der diese Inszenierung besser macht als Malte. Was man hier braucht, bringt keiner so sehr mit wie er.

Was bringt Jonasson mit, Herr Hufschmidt? Mit Goethe oder auch Proust und Musil, den anderen großen Autoren Ihrer Leseabende, wird er nicht mithalten können.
Hufschmidt: Nein, das nicht. Aber es hat hohe Qualitäten. Ich verstehe nicht, dass so viele Menschen, auch gute Freunde von mir, Jonasson ablehnen.

Erfolg macht verdächtig.
Hufschmidt: Nein, das ist es nicht. Die finden den richtiggehend langweilig. Oder mögen an der Figur des Allan Karlsson nicht den Umgang mit Sprengstoff, mit dem er Leute aus dem Weg räumt, die ihm nicht passen. Darüber regen die sich auf? Ich bin mit den Sprengstoffdilettanten Max und Moritz groß geworden und die haben mich nie entsetzt. Aber dass einer so widersprüchliche Reaktionen hervorrufen kann, spricht in meinen Augen schon für ihn. Er ist ein guter Erzähler, ein gescheiter Mann.

Lachmann: Toll finde ich an dem Roman die Verschränkung von Dokumentarischem und Nicht-Dokumentarischem. Für eine konventionelle Bühne fände ich das allerdings gar nicht so interessant. In dem Hof aber, haben wir aber die Möglichkeit, es wie einen Roadmovie zu erzählen, weil wir die Möglichkeit haben, von Ort zu Ort zu reisen: mit Musik, mit Verköstigung, mit dem Publikum mittendrin.

Wie vermeidet man, dass aus einem Episodendrama Stückwerk wird - wie es zum Beispiel in der etwas missglückten Verfilmung geschah?
Lachmann: Jonasson macht ja noch etwas. Er verschränkt ganz geschickt die Erzählstränge: der Hundertjährige heute, seine Geschichte damals, die Geschichte der Bande und die der Polizei, die ihm folgen. Also passiert bei uns hier etwas, dann gleich dort etwas, so dass man immer etwas zu gucken hat.

Erzählt der Stoff mehr über das vergangene oder über das jetzige Jahrhundert?
Hufschmidt: Es geht schon um das vergangene Jahrhundert.

Lachmann: Wobei der Allan etwas Überzeitliches hat. Er behandelt alle gleich. Er wird nur sauer, wenn jemand nicht gleichbehandelt wird und sich jemand über einen Anderen stellt. Das ist eine sehr schwedische Haltung - die hat sogar einen Namen, „Jantelagen“. Darum bin ich auch nie sauer auf Allan, wenn er Leute in die Luft sprengt: Nach seinem moralischen Kodex sind das Leute, die falsch agieren. Da folgt der Roman ja auch einer gewissen Comic-Logik. Darum interessiert mich auch viel mehr, was uns dieser Typ heute sagen kann.

Nämlich?
Lachmann: Gerade zum Ende hin sagt er immer wieder: „Positiv denken, dann wird sich alles schon richten.“ Wie schafft es denn jemand mit so einer Einstellung und so einer Coolness - und angesichts dieses vergangenen Jahrhunderts - so alt zu werden, ohne total frustriert zu sein? Da ist diese Haltung „Wir sind alle gleich“ ein ganz wichtiger Punkt. Und er ist vor allem geprägt von einem Satz, den ihm seine Mutter ganz früh mitgibt: „Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt.“

Hufschmidt: Das ist so ein Satz, den man natürlich nur - und wie auch Angela Merkels „Wir schaffen das“ - im Bewusstsein eines Problems sagt. Es geht nicht um Fatalismus, aber um einen positiven Blick auf die Zukunft. Allan sagt uns: Aufgabe des Lebens ist es, gelebt zu werden. Und wenn das Leben 100 Jahre dauert, dann dauert es eben 100 Jahre. Und er sagt: Es gibt über mir keinen, und es gibt unter mir keinen. Eine ganz tolle Haltung. Bei ihm wird selbst so ein Typ wie Stalin ganz klein.

Wie unterscheidet sich Ihr Blick auf das vergangene Jahrhundert, von dem Sie ja unterschiedlich viel erlebt haben?
Hufschmidt: Ehrlich: Das habe ich mich nicht gefragt. Für mich kann ich sagen: Ich bin 1935 geboren; als ich endlich verstand, was da passiert war, mit 15 vielleicht, war mir klar, was mein Leben bestimmen würde. Mir war immer klar: Nie wieder! Deswegen bin ich so verwirrt, was jetzt gerade wieder passiert. Ich hätte das nicht für möglich gehalten.

Lachmann: Unterschiede in der Sichtweise spielen in der Arbeit jetzt keine Rolle. Weil es uns hier eben eher um die Personen in der Geschichte geht. Für eine solche Auseinandersetzung ist es nicht das Material. Es ist auch nicht der Ort. Wobei die Frage natürlich interessant ist.

Hufschmidt: Aber man würde den Roman falsch verstehen, wenn man auf diese Frage hin untersuchen würde. Letztlich ist er ein gut erzählter Witz über das 20. Jahrhundert.

Lachmann: Wenn es uns gelingt, stellt unsere Inszenierung als ein Gesamterlebnis Allans Figur, seine Haltung und seine Gedanken in den Vordergrund. Und wenn es uns wirklich gut gelingt, wird es bei gutem Wetter, mit schwedischem Essen und guten Freunden eine schöne Geschichte, der ich gerne zuhöre und die trotzdem dazu führt, dass ich über Fragen wie die eben nachdenke.

Alle Vorstellungen des Sommerhoftheaters sind bereits ausverkauft.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von einem Rauchverbot im Auto?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie