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HUMOR IM GRENZBEREICH: Kurt Krömer scheute im Aegi keine Dreistigkeit.  © NANCY HEUSEL

Theater

So macht Krömer sein Publikum kirre

„Na, ihr Mäuse. Ick komma runter“, droht Kurt Krömer und bahnt sich seinen Weg von der Bühne ins Parkett: „Wie heißt du? Matthias? Zieh den Bauch ein!“

Hannover. „Heute Stimmt Alles“ heißt Krömers aktuelle Tour, Sonnabend und Sonntag hat er damit das Theater am Aegi gefüllt. Für wen hier was stimmt, zeigt sich früh - Umarmungen, Körperkontakte, Anfassen, Durch-die-Haare-Wuscheln, das ist der Preis, den man zahlt, wenn man in Bühnennähe, in seiner Nähe, sitzt. Sogleich folgt Kurts Bekenntnis zur Kunst: „Ich kann mir doch nicht vorschreiben lassen, ob ich auftrete oder nicht“, erklärt er seine Haltung zur angespannten Lage in Europa. Und: „Die einzige Angst, die ich habe, ist, dass ich in Braunschweig schlafen muss.“ Zack, sein Hauptthema für den Abend hat Krömer damit gefunden.

Gern lässt er sich historische Hintergründe zur Fehde Hannover vs. Braunschweig erklären und wiegelt dann einheimische und auswärtige Besucher gegeneinander auf. Die wollen nicht so recht mitspielen und sind fair zueinander. Dafür müssen sie so einiges einstecken. Starker Tobak, wenn Krömer sich Einzelne vornimmt und vorführt. Aus einem Zwischenrufer konstruiert er einen Deutsch-Nationalen: „Brennt hier heute irgendwo ein Heim?“, eine Besucherin beschimpft er als „Miststück“.

Mit der 16-jährigen Sina spricht Krömer am längsten und ist dabei frech wie Bolle: „Mit Verachtung muss man sparsam umgehen, es gibt so viele Bedürftige.“ Dafür hagelt es auch mal Buh-Rufe. Und dann dreht er vollends durch, tobt, inszeniert sich als Opfer des Berliner Flughafens - „Sechs Milliarden Euro!“ - und rotzt quer über die Bühne. Das ist hart, doch das Publikum geht mit ihm an die Grenzen, viele kriegen sich gar nicht mehr ein, Lachtränen fließen.

Interessant, denn Krömer hat eigentlich gar kein wirkliches Show-Konzept. Das fühlt sich nach Improvisation an, manches überlässt er dem rettenden Einfall. Den Hannover-Schröder-Wulff-Text habe er vorhin im Zug geschrieben, erzählt er frei. Genauso offen zeigt er seinen Bauch mit Krawatten-Allergie, ein rotes Hemd, grauenhaftes Jackett, blaue Socken, clownesk, exzessiv und auch selbstzerstörerisch. Krömer geht den harten Weg, am besten ist er sauer: „Starbucks - ist es so schwer, Kaffee zu kochen?“ Er persifliert Flüchtlingsparanoia: „Ich möchte nicht in einer Moschee Weihnachten feiern!“ - „Ja, ich doch auch nicht!“ Doch die Alzheimer-Weihnachtsoma toppt den Heiligabend: „Hab ich euch schon fünf Mark gegeben?“

Seit seinen ersten Auftritten in der Berliner Schaubar vor 20 Jahren macht er das jetzt, anfangs kam keiner, nun muss er den populären Schneckenwitz wieder und wieder erzählen: „Was war’n dütte?“ In seinem letzten Sketch gibt Krömer noch mal alles und imitiert das Böse mit speziellen Toneffekten. Da streichen manche die Segel - zu lustig.

Bewertung: 4/5

VON KAI SCHIERING


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