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NP-Interview

So aktuell ist Fallada

Nach „Drei Schwestern“ und „Anna Karenina“ der nächste Brocken Weltliteratur: Gastregisseur Sascha Hawemann (47) bringt Hans Falladas Mammutwerk „Wolf unter Wölfen“ auf die Bühne des Schauspielhauses, ein 1200 Roman über das Inflationsjahr 1923. Die NP sprach mit ihm über die Aktualität des Stoffes.

Hannover. Ein 1200-Seiten-Buch, ein mosaikhaftes Zeitenpanorama noch dazu, nämlich über das Jahr der Inflation 1923 - wie wird daraus bloß ein Theaterabend?
Natürlich wird man nicht allem gerecht. Es ist ein großer Stoff; da muss man sich inhaltlich fokussieren. Mein Dramaturg Johannes Kirsten und ich haben versucht, uns auf die Essenz zu konzentrieren: die zentralen Figuren, Konflikte, Themen.Da fällt zwar vieles weg,aber das Gesellschaftstableau versuchen wir zu erhalten.

Wie lang wird die Inszenierung?
Das kann ich noch nicht sagen. Was ich aber weiß, ist: In zwei Stunden kann ich das nicht erzählen. Da bin ich nur frech. Da wird es unseriös. Ich finde es legitim, wenn ein solcher Abend fünf Stunden ginge, weiß aber, dass das nicht geht.

An Falladas Hauptfigur Wolfgang Pagel und seiner Verlobten Petra „Peter“ Ledig werden Sie bei aller Fokussierung kaum vorbeikommen.
Die beiden sind eines der zentralen Motive, gemeinsam mit dem Schicksal der Familie Prackwitz. Wobei uns die Geschichte einer moralischen Läuterung, die Fallada mit dem Spieler und ehemaligen Offizier Pagel erzählt, gar nicht so zentral interessiert. Da interessiert uns schon mehr das Thema einer ökonomisch und moralisch enthemmten Zeit, die Menschen keinen Halt mehr bietet. Wir suchen die Nähe zum Heute, einer ähnlich verunsicherten und beschleunigten Realität. Wir haben dasselbe beklemmende Gefühl 1923 und 2016, es braut sich etwas zusammen, man hat Angst davor. Was macht eine allumfassende Krise mit Menschen? Eine Antwort bietet der Romantitel: „Wolf unter Wölfen“, Entsolidarisierung, Jagen und Beißen bis in die Familien hinein.

Wobei radikaler Individualismus bei Fallada in ganz viel Lebenslust mündet: Man tanzt auf den Trümmern der alten Zeit. Heute hingegen scheint es ja eher einen Trend zum Neo-Biedermeier zu geben.
Tanzen auf dem Vulkan und dabei Lachen ist uns wichtig.Wir haben gemerkt, wie wir uns von den historischen 20er Jahren immer mehr lösen - fast wie diese Upper-Class-Familie Prackwitz, die sagt: „Wir interessieren uns nicht für veränderte Realitäten!“ Aber dann immer mehr damit konfrontiert wird. Wie lange hält man durch mit dem eigenem Hedonismus? Wie weit reicht noch die Komfortzone? Das sind die Fragen, die uns interessieren. Wir haben hier eine ganze Schar von Figuren, vorwiegend beleidigte Männer und unglückliche Frauen, die aus einer vergangenen Zeit zu kommen scheinen und sagen: „Da war mal was Stabiles!“

Was heute auch gerne behauptet wird?
Ja, ich meine: Ich komme auch aus den 80er Jahren und muss mit 2015 klarkommen. Da entsteht ein innerer Konflikt (lacht). Wir erzählen letztlich von einem Wolfsrudel, das längst auseinander gebrochen ist und sich dabei zusieht, wie es sich zerfleischt. Die neue Barbarei ist so nahe! Pegida, IS ist so nahe. Ich habe Angst vor dem, was kommt, ich weiß nicht, was ist. So vieles stimmt nicht mehr.

Welche Rolle spielt die Inflation?
Ohne Kohle keine Liebe, keine Zukunft, kein Sinn.Es geht um den durchökonomisierten Menschen. Wir haben den Glauben durch Geld ersetzt.

Gibt es die Übersetzung eines solchen Wolfsrudels im Stück? Es gibt in der Inszenierung ja offenbar chorische Elemente.
Es gibt auch in dem Roman immer wieder Momente der Kollektivität. Wo Gedanken, Ängste und Frustrationen auf den Punkt gebracht werden. Das nutze ich, aber nicht, um das Stück zu strukturieren. Letztlich geht es doch um die Anbindung des Einzelfalls ans Gesellschaftliche, um das kollektive Empfinden der Not einer Zeit. Aus dieser gemeinsamen Geschichte geht es in privatere Fahrwasser. Weswegen im ersten, dem Berlin-Teil, die Schauspieler die Rollen wechseln, ein permanenter Wechsel von Identitäten, ein Gefühl der Haltlosigkeit. Erst im zweiten Teil verfestigen sich die Rollen, aber die Verwerfungen bleiben dieselben. Fallada als Erzähler ist ja auch so ein faszinierendes Ich und Wir: weil er Aspekte seiner Persönlichkeit in die jeder einzelnen Figur des Romans auffächert.

Gibt es Ausnahmen?
Ja, Johanna Bantzer als Petra Ledig. Die bleibt.

Die ja auch die konsequenteste Figur ist: eine Frau, die sagt „Hallo, hier bin ich, ich bleibe“ ...
Und ein inneres Zentrum hat, ein trauriges, melancholisches zwar, aber immerhin hat sie eines. Das ist Falladas Idee von Liebe als Utopieersatz.

Ist Liebe etwa die Antwort?
Vielleicht. Aber das löst sich bei uns natürlich nicht ein (lacht). Aber zumindest der Anspruch ist da. So wie es bei Fallada sinngemäß auch immer heißt: Wenn ich schon keine Antworten geben kann, möchte ich doch zumindest die Antwort geben, dass der Mensch liebt und gut ist. Lasst uns gute Menschen sein!

Ab 16. Januar im Schauspielhaus.


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