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Ulrich Tukur als Felix Murot in einer Szene des "Tatorts".

Ulrich Tukur als Felix Murot in einer Szene des "Tatorts". © Kai von Kröcher/HR

Medien

Setzt der Tukur-"Tatort" den Sonntagskrimi aufs Spiel?

Der Tukur-"Tatort" mit dem Titel "Wer bin ich?" lässt die Frage "Was ist ein "Tatort"?" aufkommen. Die TV-Nation denkt zwischen den Jahren mal wieder über ihr liebstes Fernsehformat nach.

Berlin. Als wäre es Blasphemie am Sonntagabend gewesen: Die Aufregung über den Film "Wer bin ich?" mit Ulrich Tukur war groß bei so manchem Zuschauer. Kaum ein ARD-"Tatort" scheint so viel kommentiert worden zu sein, wie dieser Film-im-Film vom Hessischen Rundfunk (hr).

Ein Krimi, in dem die Schauspieler sich angeblich selbst darstellen, der Ermittler mordverdächtig ist, die Fernsehbranche aufs Korn genommen wird und am Ende eine geradezu metaphysische Auflösung ins Spiel kommt. Der sogenannte Meta-"Tatort" war bei Fans und Feuilletonisten umstritten. Eine Frage zwischen den Jahren lautet also: Haben die Macher von Deutschlands beliebtestem TV-Format "Tatort" es zu weit getrieben?

Die "Bild"-Zeitung hatte dazu in den vergangenen Tagen eine eindeutige Meinung und sah sich veranlasst, das ungeschriebene "Tatort"-Gesetz zu verfassen - mit den Regeln, die ein Film mit dem typischen Vorspann einzuhalten habe: von der Leiche, die gleich zu Beginn auftauchen müsse, über den "Zeitgeist" im Krimi bis hin zu den "verhaltensauffälligen Vorgesetzten" oder der dringend nötigen "Auflösung" ("Komme, was will: Am Ende müssen die Kommissare in ihrem Dienstwagen vorfahren und den Fall aufklären (...) Ohne Logik kein Krimi-Spaß. Und ganz wichtig: Gut muss gegen Böse gewinnen.")

Das sehen andere anders: François Werner von der Experten-Seite "Tatort-Fundus.de" freut sich über "Formatbrüche". "Es kann sie ruhig öfter geben, neben den eher konventionellen "Tatorten". Die Sender dürfen auch mal mit der Erwartungshaltung des "Otto-Normal-Zuschauers" spielen: wenn der Mörder nicht gefangen wird oder sich am Ende herausstellt, es war gar kein Mord." Das habe es in den letzten 45 Jahren schon oft gegeben. Und manchmal werde sich lauthals aufgeregt und manchmal werde es gefeiert, meint Werner. "Es gibt genügend Beispiele, wo diese "Experimente" sehr gut ankamen, beispielsweise beim Vorgänger-Tukur-Epos "Im Schmerz geboren"."

Der "Tatort"-Wissenschaftler Stefan Scherer, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), erinnert daran, dass Selbstbezüglichkeit im Film gängig sei, etwa bei Fellini ("Achteinhalb") oder Woody Allen ("The Purple Rose of Cairo"). "Der neueste "Tatort" mit Tukur bezog dieses Spiel mit den Produktionsumständen eines Spielfilms auf das Format "Tatort"."

Scherer, der in einem Göttinger Forschungsprojekt eine Studie zum "Tatort" mitverfasst hat ("Föderalismus in Serie - Die Einheit der ARD-Reihe "Tatort" im historischen Verlauf"), erklärt: "Selbstbezüglichkeit ist für die Reihe nichts Neues, weil es fast von Beginn an Szenen gab, in denen ein "Tatort"-Kommissar im Fernseher einen "Tatort" mit dem Kommissar eines anderen Senders schaute."

Zum ersten Mal sei das 1973 passiert (im Film "Jagdrevier"), weiß Prof. Scherer. Sogar Schimanski sei sich in der Folge "Doppelspiel" 1985 in einem Fernseher als lächerlicher Action-Held selbst begegnet. "Neu war diesmal also eher die Selbstverulkung des "Tatorts" im "Tatort", also dass sich eine ganze Folge auf die Umstände der "Tatort"-Produktion bezieht und sie durch den Kakao zieht."

Witzig bei "Wer bin ich?" sei gewesen, dass sich die Episode den Doku-Style, den die Filmemacher im Film fordern, nachdem die mordverdächtigte Hauptfigur Ulrich Tukur nicht mehr zur Verfügung steht, selbst aneigne. "Denn sie zeigt zum Beispiel Kantinenszenen."

Zuschauer in den sozialen Medien monierten die Langeweile des Films - das könne er verstehen, sagt Scherer. "Es ist wohl nur für Insider witzig, was diese Folge macht: nämlich einen filmisch unaufwendigen Billig-Film mit Schauplätzen mitten im Sender. So ergibt sich "Wer bin ich?" zu erkennen als ausgestellt kostengünstiges Werk in billiger Trash-Ästhetik, mit eben auch schlechten "Tatort"-Dialogen." Das sei gerade gegenüber der opulenten Bildästhetik der hr-Vorgängerfolge "Im Schmerz geboren" ein sehr großer Unterschied.

Viele professionelle Fernsehkritiker haben nach Scherers Einschätzung "nicht wirklich gemerkt", dass die Folge in ihrer kargen Ästhetik in erster Linie die Sparpolitik der ARD-Sender verulke. "Im Kino wird so etwas wie bei "Pulp Fiction" gefeiert, im Fernsehkrimi dagegen ist es als Formatverletzung verpönt."

Doch Scherers Fazit lautet: "Der "Tatort" kann so etwas immer wieder einmal riskieren, ohne damit das Format tatsächlich zu gefährden."

dpa


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