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VORURTEILE: Serdar Somuncu hat keine Probleme damit, alles, aber auch wirklich alles auszusprechen.© Samantha Franson

Theater

Serdar Somuncu mit seiner umstrittenen Show im Aegi

Ja, auch dieser Mann hat eine Religion: „Hassismus.“ Daran glaubt Serdar Somuncu. Er ist ihr höchster Prophet - der „Hassias“. Und was der so an Glaubensbekenntnissen draufhat, konnten seine Jünger im ausverkauften Aegi-Theater erleben. Das wurde für diesen Abend zu einem Tempel des Hasses.

Hannover. Wenn es zu Beginn noch Zuhörer gab, die mit dieser Religion nicht wirklich etwas anfangen konnten, waren sie am Ende bekehrt. Seinen Welthass setzte Somuncu gekonnt durch Wutausbrüche in Szene. Passagen über die niedersten Bedürfnisse der Menschen, die so obszön und direkt waren, dass man sich bisweilen fremdschämen musste, lösten die cholerischen Ausraster ab.

Das Publikum zum Lachen zu bringen, stand für den „Hassias“ nicht im Vordergrund. Politische Botschaften wollte er seinen „Hassisten“ vermitteln, doch die Art und Weise, wie er seine Botschaften verpackte, sind schon aus Prinzip grenzwertig. In heiligem Zorn beleidigte er alles und jeden und verschonte dabei nicht einmal seine „Anhänger“.

Los ging es natürlich mit Auslassungen zum Thema Böhmermann. Das Thema unzureichende Pressefreiheit führte ihn auf direktem Weg zu „hassistischen“ Kommentaren über die politische Situation in Deutschland und der Türkei. Er kritisierte die Rückschritte, die die Türkei aufgrund der „Bastard-Türken“ mache, gab dann aber Deutschland die Schuld daran: „Wir haben die Gräben noch nicht überwunden“, sagte er. Und mit diesen Gräben meinte der Deutsche türkischer Abstammung die unzureichende Integration der türkischen Gastarbeiter in Deutschland.

„Deutsche haben Minderwertigkeitskomplexe und Größenwahn. Das gibt die brisante Mischung, bei der gerne mal sechs Millionen draufgehen“ - ja, er ist nicht zimperlich mit seiner Kritik.

Hinter all den Beleidigungen - ob über oder unter der Gürtellinie - distanzierte sich Somuncu von Extremismus und Intoleranz: „Lasst den anderen so, wie er ist, dann könnt ihr auch so bleiben, wie ihr es wollt.“

Doch die Toleranz, die er predigte, löste er selten offen ein. Frauen kamen entweder in versauten Metaphern vor oder bekamen Beleidigungen in Verbindung mit ihrem Namen verpasst. Klar, dass er sich auch Homosexualität vornahm.

Mit Aussagen wie „Ein Kinderf... bin ich nicht, aber wäre manchmal praktisch“ oder Vergleichen, in denen er Veganer dem IS gleichsetzte, überschritt Somuncu jegliche Grenzen, sogar die des „Hassismus“. Er schonte auch sich selbst nicht: „Ich sehe mittlerweile aus wie die Leute, vor denen ich mich früher geekelt habe.“ Genauso reflektierte er selbstlos, dass er „in einer Emulsion aus Realität und Fiktion“ lebe und sich in einer „Schaltzentrale der Wut“ befinde. Wo lag nun der sinnvolle Kern dieser Show? Böse, ganz böse, politisch unkorrekt sein, Sachen sagen, die man nicht sagt, sonst nicht sagt, um genau darüber nachdenken zu lassen.

Seine größtenteils männlichen „Hassisten“ schienen damit häufig überfordert zu sein, denn die gespielten Peinlichkeiten wurden dann als echt peinlich empfunden. Doch letzten Endes begeisterte der „Hassias“ seine Jünger, die ihm mit großem Applaus und vereinzelt sogar mit Standing Ovations für seine Predigt dankten.

Und er mag, er liebt Hannover, das glauben wir ihm jetzt mal. Der Abend endete mit einem Song: „Oh Hannover, I love you so much“.

Bewertung: 3/5

VON MAREIKE DRÜNKLER


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