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NACHDENKLICH: Serdan Somuncu plädiert dafür, auch einmal innezuhalten.

Interview

Serdar Somuncu: „Man muss doch auch mal still sein“

Seit er mit seiner kommentierten Lesung von Adolf Hitlers Mein Kampf tourte, gilt der Kabarettist Serdar Somuncu (47) als einer der provokantesten Humorfacharbeiter Deutschlands. Über seine Arbeit als selbsternannter „Hassprediger“ und „Hassias“ hat er nun das Buch „Der Adolf in mir“ geschrieben. Warum der Provokateur angesichts des Terrors zu Besonnenheit aufruft, erklärt er im NP-Interview.

Die Ereignisse von Paris und der Terroralarm in Hannover zeigen es: Die Welt ist schnell geworden; niemand kann mehr so recht korrekte von Falschmeldungen unterscheiden. Wie kann man sich in dieser Zeit überhaupt noch positionieren?

Mir ist das alles zu schnell geworden. Man muss sich mehr Zeit lassen. Stattdessen gibt es einen Wettbewerb um die Meldungen. Die Experten wissen immer alles besser, haben es auch schon vorher gewusst, sind aber hinterher nicht klüger ... Mit etwas, was sehr grausam ist, mit dem Schicksal von Menschen, wird bloß noch Programm gefüllt. Wer entscheidet überhaupt, was wir wann wahrnehmen und was nicht? Nichts soll relativieren, wie schrecklich war, was in Paris passiert ist - aber Tatsache ist, dass über viele andere schreckliche Dinge, die in der Welt passieren, nicht berichtet wird. Fragen über Fragen.

Wie beantwortet man die?

Ich jedenfalls brauche viel mehr Zeit. Man kann keine Instant-Urteile im Sekundentakt fällen. Man muss doch auch mal still sein und innehalten und nachdenken. Man kann solche Dinge nicht an der Oberfläche erklären - das aber ist zum Nachrichtengeschäft geworden.

Schlägt daher jetzt die Stunde der Spaßmacher? In den USA schauen die Menschen längst, wenn es um die politische Einordnung von Ereignissen geht, zu den Late-Night-Talkern und nicht in die Nachrichten. Und in Deutschland werden Leute wie Jan Böhmermann oder Sendungen wie die „Heute-Show“ zu Instanzen.

Es gab immer eine bestimmte Kette von Abläufen: Etwas passiert, dann kommt die unmittelbare Nachricht, dann kommt die Kommentarebene, dann kommt die Forschungsebene, die innen- und die außenpolitische Ebene, und ganz am Ende stehen die Kabarettisten. Oder: standen die Kabarettisten. Es bedurfte in der Vergangenheit für unseren Berufszweig immer eines gewissen Abstands. Aber durch die mediale Entwicklung hat sich das geändert. Die Leute verlangen, dass man sich äußert, das sehe ich, wenn ich nach solchen Ereignissen in meine Facebook-Timeline schaue.

Aber sie suchen Orientierung bei Ihnen - spricht daraus nicht ein Misstrauen in die klassischen Medien?

Ich glaube einfach, dass die herkömmlichen Wege so inflationär genutzt wurden, dass die Menschen andere Wege suchen, um sich auszutauschen. Und wir sind nun einmal der unkonventionellste Weg, den man gehen kann, um sich zu informieren: Wir sind tendenziös, wir sind rechthaberisch, wir sind manchmal auch ambivalent. Aber trotzdem holen sich die Menschen ihre Informationen teils lieber bei Jan Böhmermann als im „Heute-Journal“. Das finde ich okay, aber es stellt uns vor ganz andere Verantwortungen.

Sie stehen aktuell wieder als „Hassprediger“ auf der Bühne. Fällt das leicht in diesen Zeiten?

„In diesen Zeiten“ ist mir ein wenig weit gefasst. Sagen wir lieber: seit Paris. Seitdem ist es deutlich schwerer geworden, weil man auch merkt, dass die Menschen deutlich angespannter sind. Ich habe an dem Tag danach auch lange darüber nachgedacht, ob ich überhaupt auf die Bühne gehen kann und ob es angebracht ist.

Sie haben gespielt?

Ja. Ich improvisiere ja immer auf der Bühne; das ist das Konzept. Und so habe ich mich auch diesmal auf meine Intuition verlassen. Der erste Satz war: „Heute Morgen, als ich aufgewacht bin, war mein erster Gedanke: Absagen! Und mein zweiter Gedanke: Arsch lecken!“ Dann gab es einen Riesenapplaus, und wir waren mittendrin. Das war fast befreiend, weil wir uns alle zusammen unserer Angst stellen und sie überwinden konnten.

Es ist ein Mistjob, aber einer muss ihn ja tun?

Wissen Sie, ich bin ja ein bisschen gefeit, durch meine „Mein Kampf“-Lesungen sechs Jahre lang, bei denen ich oft unter Polizeischutz auftreten musste. Für mich ist das beinahe Alltag, wenn ich auf die Bühne gehe und eine Bedrohungskulisse um mich herum existiert. Für die Zuschauer ist das nicht so. Damit umzugehen, ist sehr schwer. Und was jetzt noch hinzukommt, ist die Hysterie. Was in Hannover passiert ist, ist ja nichts Anderes als der Ausdruck einer ungeheuren kollektiven Hysterie.

Ein Wort zum Auftritt des Innenministers nach der Spielabsage?

Um Gottes Willen! Dümmer als er kann man es nicht formulieren. Ich war nicht wegen dieser Aussage geschockt. Ich war geschockt, dass niemand diesem Mann gesagt hat, dass man so etwas nicht sagt, wenn man Leute beruhigen will. Das war doch das Beunruhigendste, was man sagen konnte: „Ich weiß was, aber ich sage es nicht, doch ihr könnt mir vertrauen ...“ Das war pure Panikmache, ein Offenbarungseid.

Lassen wir uns über Ihr Buch reden: Bislang ließen Sie Ihre Zuschauer immer im Ungewissen über Ihre Methoden, ob sie zum Beispiel gerade Original-Somuncu hören oder Adolf-Hitler-Zitate. In „Der Adolf in mir“ erklären Sie sich. Warum? War es an der Zeit?

Ja. Weil ich in den letzten Jahren Dimensionen erreicht habe, die es unmöglich machen, Missverständnisse zu vermeiden. Da sehe ich für mich eine große Verantwortung, denen zu sagen: „Bis hierhin und nicht weiter!“ Wir haben das lange gemeistert. Aber inzwischen sind Menschen dazugekommen, die das eben nicht ganz verstehen und sich auf etwas draufsetzen, das ich gar nicht transportieren möchte. Wenn Sie jeden Abend frei spielen und Ihnen 3000 Menschen gegenübersitzen, was nun einmal eine unüberschaubare Masse ist, und jedes Mal wieder einen Ernüchterungsprozess einleiten muss, dann ist irgendwann der Akku leer.

Sie konfrontieren die Menschen mit der größtmöglichen Intoleranz, um für Toleranz zu werben.

Genau. Wobei das Buch so angelegt ist, dass es diese Figur nicht zerstört. Es ist keine Anleitung, um das aktuelle Programm zu verstehen, aber eine Hinleitung. Ein Beipackzettel. Das ermöglicht mir jetzt ganz neue Spiel- und Freiräume.

Ein anderes Thema des Buchs und eben auch Ihrer Arbeit sind faschistische Denkstrukturen, die es immer noch gibt. Stichwort: „Er ist wieder hier“: Warum haben die Deutschen so sehr den Adolf in sich? Woher kommt diese Faszination?

Das ist eine schwierige Frage, seit 70 Jahren schon. Ich glaube, was die Deutschen mit Adolf haben, ähnelt einer Trennungsgeschichte, an der man noch ein bisschen leidet, bei der man aber auch nicht verstehen kann, wie die Beziehung überhaupt zustandekommen konnte. Was wir seit ‘45 erleben, ist ein einziger Verdrängungsprozess, in dem wir versuchen, zwar manches zuzulassen wie die Faszination des Grauens. Aber eine psychoanalytische Auseinandersetzung hat es noch nicht gegeben, bei der es darum gehen müsste, ob so etwas noch einmal passieren kann, die hat es mit vollem Selbstbewusstsein noch nicht gegeben.

Sie plädieren unter anderem für eine Veröffentlichung von „Mein Kampf“?

Man sollte sich doch einfach mal anschauen, ob wirklich zutrifft, was die Leute behaupten, die es verbieten wollen: dass es die Leute verführt. Ich bin ganz sicher, dass dem nicht so ist. Diesem Buch wird durch sein Verbot mehr Qualität beigemessen, als es hat. Wenn dieses fürchterlich schlecht geschriebene, langatmige und langweilige Buch zugänglich ist, wird es entwertet. Und es würde Einblicke geben in die Struktur dieser Ideologie. Das wäre für mich der Ansatzpunkt, eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Psyche zu führen.

Serdar Somuncu: „Der Adolf in mir: Die Karriere einer verbotenen Idee“. Wort-Art, 220 Seiten, 12,95 Euro.

Somuncu gastiert am 19. und 20. April im Theater am Aegi. Karten (29,40 bis 36,15 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops sowie unter

tickets.neuepresse.de

NPVISISTENKARTE - Serdar Somuncu

Geboren am 3. Juni 1968 in Istanbul. Studierte Musik, Schauspielkunst und Regie und inszenierte mehr als 100 Theaterstücke an den Schauspielhäusern in Bochum, Bremen und Oberhausen. Ab 1996 wurde er bekannt durch szenische Lesungen aus Textstellen von Hitlers „Mein Kampf“, bei denen er häufiger Probleme mit Neonazis hatte. Ab 2009 ging er mit seinem Programm „Der Hassprediger – ein demagogischer Blindtest“ auf Tournee. Zuletzt war er mit seinem Programm „Der Hassprediger liest Bild“ unterwegs. Somuncu hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt „Der Adolf in mir – die Karriere einer verbotenen Idee“.


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