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DIE ERNTE WIRD GUT:Selig sind fit für die Tour.

DIE ERNTE WIRD GUT:
Selig sind fit für die Tour.

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Interview

Selig: Die Schwermutrocker der Republik

Ein Gespräch mit Selig-Bandchef Jan Plewka über Depressionen und persönliche Momente.

1998 haben Sie Selig auf dem Höhepunkt des Erfolges überraschend verlassen. Wie schlimm waren damals Ihre Depressionen?

Ich hatte richtige Zwangsneurosen. Zum Beispiel musste ich alle Zahlen, die ich gesehen hatte, zusammenzählen und daraus die Quersumme bilden. War es eine gute Zahl wie die Sieben, war für mich alles gut. War es eine Vier, war es der Tod. Ich habe richtig am Rad gedreht, war wahnsinnig traurig und lustlos. Sämtliche Empfindungen waren weg. Ich war ein Jahr lang wie ein verstörtes gejagtes Tier.

Wie kamen Sie da wieder raus?

Indem ich das Land verlassen habe und nach Schweden gegangen bin. In der Küche hatte ich eine Postkarte, darauf stand der Satz „I have told my psychiatrist everything, now he is doing my act“. Auch dank meiner Frau bin ich da wieder rausgekommen. Sie hat mir das Leben gerettet.

Und wie fand die Musik schließlich wieder in Ihr Leben?

Ich wollte die Musik eigentlich an den Nagel hängen. Es tat einfach alles zu weh. Ich dachte, ich bin ein Bürger auf Irrwegen und werde jetzt Tischler. Aber am Ende des Tages tut man doch das, was man am besten kann. In Schweden hatte ich plötzlich einen Sack voller Demos aufgenommen. Heute weiß ich, dass ich die Musik zum Leben brauche. Gut, dass ich wieder da gelandet bin.

Braucht es ein Urvertrauen in die andere Person, um sich in die Musik fallen lassen zu können?

Unsere Trennung vor 14 Jahren ging mit Wahnvorstellungen und Gefühlen wie Hass und Wut einher. Es waren menschliche Tiefen, und danach haben wir zehn Jahre lang Groll in uns getragen. Aber wir haben es geschafft, über die Musik wieder zusammenzufinden. Jetzt sind wir wirklich eine gesunde Band wie auch Freunde. Bei dieser Platte haben wir das gleiche Gefühl wie damals, als wir anfingen.

Welche Idee steckt hinter Selig?

Ursprünglich war unsere Intention, einen internationalen Sound zu haben, mit nie da gewesenen Texten. Wir wollten eine Bresche schlagen für die deutsche Rockmusik. Dafür sind wir durch die Wand gegangen, aber am Ende hatten wir die Band an die Wand gefahren. Es war ein Kollektiv-Burn-out zu einer Zeit, in der dieses Wort nur in Manager-Etagen stattfand. Heutzutage kommt das ja überall vor.

Steve Power aus Liverpool hat Robbie Williams produziert, hat mit Blur, Joe Cocker und Diana Ross gearbeitet. Warum ist ausgerechnet dieser Mainstream-Produzent der richtige für Selig?

Ein guter Produzent muss die Seele der Band erkennen. Steve Power hat dieselbe Leidenschaft wie wir. Ihm geht es nur um Musik und nicht um das Aufplustern des eigenen Egos.

Wie persönlich darf ein Text sein?

Ich bin da ziemlich schmerzfrei. Ich verlange dem Leben etwas ab und will spirituell weiterkommen. Ich glaube, für seine Offenheit wird man mit einer gewissen Freiheit belohnt. Natürlich tut es auch weh, solche Texte zu schreiben, es ist wie eine Hassliebe. Mir ist es ganz wichtig, dass Wort und Ton im Grunde zusammenpassen. Man muss in der deutschen Sprache die Wellen finden, auf denen man reiten kann. Das ist echt harte Arbeit: durchs Leiden zum Licht.

Ist jede Äußerung, die raus muss, jede Kunst, als Protest zu verstehen?

Wir haben auf jeden Fall eine Haltung. Elvis hat keine politischen Lieder gesungen und stand trotzdem auf dem Index wegen seiner Haltung. Die Bezeichnung „Alternative Band“ aus den 1990ern fand ich sehr passend für Selig. Ich finde, sie trifft immer noch zu.

„Nicht alles auf einmal“ ist ein verdammt autobiografischer Song. Haben Sie nicht doch noch immer Angst, der Burn-out könnte Sie wieder einmal erdrücken?

Ja, auf jeden Fall. Aber heute gehe ich dagegen an. Wenn es mir zu viel wird, explodiere ich und sage mir: „Nein, das hatten wir schon mal!“

Wann wird es Ihnen denn zu viel?

Wenn sich mir die Frage stellt, für wen ich das alles mache, dann liegt irgendwas im Argen. Wenn ich aufgrund von Überarbeitung depressiv werde. Wenn das Maß voll ist und trotzdem noch an einem gezerrt wird.

NPVISITENKARTE

Gegründet 1993, aufgelöst 1999, neu gegründet 2008. Wohnsitz Hamburg. Indie-Rock-Band mit Leadsänger Jan Plewka, Bassist Lenard„Leo“ Schmidthals, Gitarrist Christian Neander, Schlagzeuger Stephan „Stoppel“ Eggert und Keyboarder Malte Neumann. Vom Erfolg ihres Comebacks immer noch berauscht, hatten die Deutschrocker das Album „Magma“ veröffentlicht und präsentieren das auf der Deutschland-Tour. Das Album ist eine Bilanz der turbulenten Selig-Bandgeschichte mit überraschend psychedelischen Stücken.

DAS KONZERT

Selig rocken am kommenden Sonntag, 7. April, im Capitol (ab 19.30 Uhr). Für das Konzert gibt es noch Restkarten.

Tickets kosten 30,45 Euro.


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