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Der Moderator der ZDF-"heute-show", Sebastian Pufpaff, gestikuliert am 25.10.2014 bei seinem Grußwort an die Delegierten des Thüringer Landesparteitages der Linken in Leimbach in der Nähe von Bad Salzungen (Thüringen). Foto: Jens-Ulrich Koch/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Der Moderator der ZDF-"heute-show", Sebastian Pufpaff, gestikuliert am 25.10.2014 bei seinem Grußwort an die Delegierten des Thüringer Landesparteitages der Linken in Leimbach in der Nähe von Bad Salzungen.© Jens-Ulrich Koch

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NP-Interview

Sebastian Pufpaff über Kabarett in bewegten Zeiten

"Wir haben dieses System erst so weit kommen lassen", sagt Sebastian Pufpaff im Interview mit der NP. Am 11. Februar kommt der auch aus dem Fernsehen bekannte Kabarettist ("heute-show", "Pufpaffs Happy Hour") nach Hannover. Vorher erklärt er die neue Verantwortung seines Berufsstands.

Macht es in diesen Zeiten überhaupt noch Spaß, Kabarettist zu sein?
Ja, total. Das sind doch die besten Zeiten überhaupt. Ein amerikanischer Kollege hat gesagt: „Früher haben wir den Politikern zugehört und über die Komiker gelacht. Mittlerweile hören wir den Komikern zu und lachen die Politiker aus.“ Das macht unglaublich viel Spaß, andererseits merke ich aber auch, welche Verantwortung mein Job plötzlich mit sich bringt.

Das äußerst sich wie?
Gucken Sie mal: Man sieht die „Tagesthemen“, dann „Die Anstalt“, und dann weißt du, wann du heulen musst. Dadurch entsteht natürlich ein großer Druck.

Man beobachtet, dass viel seltener rein auf Pointe gebürstet wird, dass auch Unsicherheiten thematisiert werden. Verändert sich das politische Kabarett?
Ich halte es grundsätzlich für einen unglaublich sympathischen Charakterzug, auch mal zu sagen: „Da bin ich unsicher, da muss ich mich erst einmal informieren ...“ Ein Fehler unserer Gesellschaft ist doch: Wir senden, senden, senden, hauen ständig Schlagzeilen heraus, ohne mal innezuhalten und zu sagen: „Das ist aber interessant, was du da gerade sagst; erklär‘ mir das bitte doch noch mal.“ Streit ist ein pures Anschreien geworden. Dabei bedeutet Streit doch eigentlich auch Diskurs, Nachfragen, Kompromiss. Kommunikation ist zu Kommentieren verkommen; wir verkümmern. Ich finde es gut, wenn Kabarettisten sagen, dass sie mal keine Ahnung haben. So habe ich das auch nach den Anschlägen in Paris gehalten. Ich habe an dem Tag danach gespielt und gesagt: „Nur, dass Sie es wissen: Ich weiß es auch nicht.“

Und man hört Ihnen zu ...
Kabarett war früher so eine rebellische Vereinigung im Untergrund, so etwas wie die Dorfprediger. Heute sind wir Mainstream - und Fernsehprediger. „Prediger“ benutze ich übrigens sehr bewusst: Als Kabarettist sollte man sich nicht zu ernst nehmen; wir sind Demagogen.

Man kennt Sie als explizit politischen Kabarettisten, der aber kein Kabarett über Politiker macht ...
Das finde ich sehr schön, dass Sie das sagen. Mir wird ja manchmal vorgeworfen, ich sei kein richtiger Kabarettist, nach dem Motto: „Der sagt ja gar nichts über Politiker und die Parteienlandschaft.“ Wenn Kabarett aber so weit heruntergekommen ist, dass ich nur noch nachbete, was auf Spiegel-Online, Bild.de oder in den Talkshows verbreitet wird, ist es fatal. Kabarett hat etwas mit Gesellschaft zu tun, und Politiker sind nicht mehr, als durch die Gesellschaft hervorgehobene Menschen. Ich gehe lieber zurück zu den eigentlich Verantwortlichen, und das sind wir selber. Wir haben dieses System erst so weit kommen lassen.

Können Sie mir den Deutschen erklären, wie er gerade drauf ist?
Nein.

Erst waren alle Charlie, dann ganz entzückt von der eigenen Willkommenskultur, plötzlich sind wir von Grabschern umgeben ...
Der Fehler liegt doch schon in Ihrer Frage: „Was will der Deutsche?“ Wir brauchen offenbar immer dieses identifikatorische Merkmal, als gäbe es den einen Deutschen überhaupt. Wir haben endlich aufgeschlossen zu Ländern wie Kanada, Australien, den USA: Wir sind ein Einwanderungsland, und seit 50 Jahren verpennen wir diesen Zustand. Wir sind ein Transitland in der Mitte dieses großen Gebildes Europa, das gerade so sehr wankt. Wir sind eines der führenden Länder der Welt, nicht nur was Import und Export angeht, sondern wir partizipieren auch, bei G8, G7. Das heißt: Jetzt muss eine neue Wahrnehmung stattfinden, nämlich dass wir ein bunter Haufen sind.

Dieses Transitland wird momentan geprägt von Transitkursen ...
Ja, und so schnell, wie der Wind sich dreht, kann sich das Fähnchen doch gar nicht drehen. Darum brauchen wir keine, die sagen, wo es langgeht, sondern Menschen die entschleunigen, die sagen: „Innehalten, Leute!“ Fragen stellen, sich selbst auch mal hinterfragen - darum gehts. Zum Beispiel: Warum gucke ich gerade diesen Menschen schief an? Weil ich im Grunde die ganze Zeit im Fernsehen ein Feindbild vorgesetzt kriege. Eigentlich brauchen wir alle diesen Knopf aus dem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“, auf dem steht: „Keine Panik!“

Da sind wir ja fast bei Udo Lindenberg ...
Wir haben in Deutschland massive Probleme. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: Wir haben zu wenig Polizisten. Das sagt Ihnen auch jeder Politiker. Was Ihnen aber keiner sagen wird: Wir haben es versäumt. Die Zahl der Polizisten, die wir brauchen, können wir frühestens in drei Jahren zur Verfügung stellen, denn so lange dauert deren Ausbildung. Wenn sich ein Politiker zu einem ehrlichen Statement bemühen würde, müsste das lauten, dass in den vergangenen zehn, 20, 50 Jahren Integrationspolitik komplett versagt hat.

Was wäre ein Weg?
Warum nehmen wir nicht Kanada als Vorbild und bauen den Laden mal um?

Hätten Sie das rechtsextreme Potenzial, das sich aktuell zeigt, erwartet?
Ist es rechtsextremes Potenzial, oder ist es ein individuelles Angstgefühl, das versucht, sich in der Masse Sicherheit zu verschaffen?

Sich dabei aber extrem rechter Parolen bedient...
... und wenn ich sehe, wie erfolgreich die AfD zu werden droht, macht mir das Angst. Es ist meine Mission, das zu verhindern. Aber: Es gab ja auch Zeiten im Kabarett, da hat man sich gefragt, was man erzählen sollte, weil alle nur über Dschungelcamp, „Goodbye, Deutschland“ und den „Bachelor“ geredet haben. Das kann es ja auch nicht sein.

Konnten Sie dieses Jahr vielleicht nicht ganz froh sein über das Dschungelcamp, weil es von der politischen Großwetterlage abgelenkt hat und Sie dadurch mal durchatmen können?
Da haben Sie recht. In meinem Programm frage ich die Menschen anfangs auch, worüber ich reden soll. Die Themen werden abgearbeitet. Oft höre ich: „Alles - aber bitte keine Flüchtlinge!“ Die Leute haben auch einfach Lust zu lachen. Was ich aber auch mache, ist: Ich garantiere 90 Prozent Lacher; der Rest ist dann aber auch hartes Zeug. Aber Dschungelcamp ist nötig. Alles Seichte ist nötig. Wir sitzen doch auch nicht nur zuhause und lesen ausschließlich Kant und Nietzsche.

Sie nicht?
Nein (lacht). Dann bekommt man doch auch einen an der Klatsche und hängt sich am nächsten Baum auf.

Was hilft? Alles „Auf Anfang“?
Wir sollten uns ab und zu mal daran erinnern, was die Werte sind, auf die wir uns mal geeinigt haben. Da fühle ich mich manchmal sehr ohnmächtig. Und dann sage ich mir: Sieh nicht den Berg, sieh den Weg. Schritt für Schritt hin zur Erleuchtung. Und ich glaube tatsächlich, dass dafür ein Lacher das beste Ventil ist.

Sebastian Pufpaff live: am 11. Februar im Theater am Aegi.


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