Navigation:

ZU GAST IN HANNOVER: Schriftsteller Feridun Zaimoglu.© dpa

Literatur

Schriftsteller Zaimoglu erforscht die Fremde

Das Leben eines jungen Deutschen in der Türkei der 30er Jahre - davon erzählt Feridun Zaimoglus neuer Roman„Siebentürmeviertel“. Den stellte der 50-jährige Deutschtürke nun im Literarischen Salon vor.

Hannover. Ein Sechsjähriger versucht, sich in einer ihm fremden Welt zurechtzufinden. Er sticht als Ausländer heraus, seine Herkunft verfolgt ihn. Was ein heutiger Blick auf das Leben eines jungen Syrers in Hannover sein könnte, ist tatsächlich der eines jungen Deutschen auf die Türkei der 30er Jahre - davon erzählt Feridun Zaimoglus neuer Roman „Siebentürmeviertel“. Das stellte der 50-Jährige nun im Literarischen Salon vor, als Teil der NDR-Kulturjournal-Reihe „Der Norden liest“ vor.

Hauptfigur ist ein deutscher Junge, der in den 1930ern mit seinem Vater in die Türkei flüchtet, um der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu entgehen. Der sechsjährige Wolf wächst nun in einem der ärmsten Viertel von Istanbul auf, „ein multiethnisches Viertel“, erzählte Zaimoglu. „Sie nennen mich Hitlers Sohn, fliehender Arier“, las der Autor aus seinem Roman vor. In der neuen Welt, von Männern dominiert und von Kriminalität geprägt, muss Wolf sich jetzt als deutsches Kind, als Fremdling, als „Arier“ behaupten.

Bei seiner Recherche für den Roman waren die Wurzeln von Feridun Zaimoglu besonders wichtig: „Ich habe das große Glück, dass mein Vater im Siebentürmeviertel geboren und aufgewachsen ist“, erzählte er. Als Kind habe er bei seinen Geschichten aber nicht immer aufgepasst: „Ich muss eine Eselei zugeben: Ich habe mich immer gefragt, was die alten Kamellen sollen.“

Als vor etwa drei Jahren der Wunsch, einen neuen Roman zu schreiben, in ihm entbrannte, zeichnete er die Geschichten aus vergangenen Zeiten auf und transkribierte sie. Für seine Recherche reiste der 50-Jährige sogar nach Istanbul: „Ich bin altmodisch. Ich darf nicht googlen, ich muss vor Ort sein.“

Er wollte zu dem kleinen Jungen werden, der Protagonist seines Romans werden sollte. „In dieser Zeit der Anverwandlung geht es mir schlecht. Ich schlafe schlecht, ich nehme ab - aber es ist gut für das Buch“, erzählte der Autor. „Auch die Leser sollen das Gefühl haben, das Viertel verschluckt sie.“

Rund 150 Menschen ließen sich von Zaimoglus Stimme in den Bann der Siebentürme-Welt ziehen. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil der Autor mit seinem Roman ein Thema aufgreift, das „in verschiedenen Zeiten und Konstellationen und Zeiten immer wieder auftaucht“, wie Christoph Bungartz feststellte.

Zitate aus „Siebentürmeviertel“ wie „Biegsam wie eine Gerte soll ich sein“ oder „Ich verstehe sie nicht“ könnten ebenso aus einem aktuellen Roman aus den Augen eines Migranten stammen - ein Wort, gegen das sich Zaimoglu sträubt: „Das sind alles Begriffe aus dem Soziologieseminar.“

Ihm sei es vielmehr darum gegangen, „den magischen Blick eines Kindes“ wiederzugeben. Er wolle die archaische Welt des türkischen Armenviertels in Bilder übersetzen, die nur ein Kind zu sehen vermag. Doch gerade mit Blick auf die aktuelle Asylproblematik wünscht Zaimoglu sich eines: „Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Roman als Geschichte der Heimatfindung verstanden würde.“

Bewertung: 4/5

Feridun Zaimoglu: „Siebentürmeviertel“. KiWi, 800 Seiten, 24,99 Euro.

Leonie Gebhard


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Die Bahn verspricht, pünktlicher zu werden - schafft sie das?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie