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Kultur „Schneewittchen“ in der Staatsoper
Nachrichten Kultur „Schneewittchen“ in der Staatsoper
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18:14 07.10.2018
Da müssen wir noch ein bisschen was machen: Die Königin (Steffi Waschina) unterzieht sich einer Schönheits-OP. Die sieben Zwerge wissen, wie es geht. Quelle: Weigelt
Hannover

Schöner geht „Schneewittchen“ kaum, schließlich geht es hier ja auch um alles, was damit zu tun hat. Die Schönheit, das Märchen und die Sehnsucht – nach Liebe, nach Erlösung und eben auch nach dem perfekten Körper.

Den Balletttänzer nun einmal haben. Und deswegen ist das Märchen bei Jörg Mannes in den besten Händen. Was auch das Premierenpublikum so sah: Zehn Minuten satter Applaus für „Schneewittchen“, der Vorverkauf läuft super.

Alles ist da, alles ist wiedererkennbar: die Zwerge, der vergiftete Apfel; der wohl noch nie so schön überreicht wurde. Die böse Stiefmutter, das Spieglein-Spieglein-an-der-Wand, das hier höchst verführerisch zu tanzen beginnt in Person der Tänzerin Giada Zanotti in einem grell glitzernden hautengen Silberkostüm.

Das zeigt das Konzept: Verfremdung und Transformation des Märchens in eine Geschichte über den alltäglichen Schönheitswahn, wenn da gleich am Anfang die sieben Zwerge im grünen OP-Kittel sich als Schönheitschirurgen um die Königin bemühen. Eine Königin, die hier gleich dreifach auftritt, um der Märchengestalt noch ein paar zusätzliche Facetten zu verleihen.

Viel Lichtzauber von Anfang an: Der Vorhang geht hoch und die Bühne dominierten zwei riesige aquarienartige Kuben, in einem dreht sich das Hologramm eines Totenschädels, in dem anderen ein verführerisch tiefrot schillernder Apfel.

Und dann nimmt der Abend Fahrt auf, ein kompletter Satz der achten Symphonie von Schostakowitsch (live gespielt vom Staatsorchester unter Mark Rohde) wird durchchoreographiert, gibt die Tonspur ab für das Leiden am Nichtperfekten („Frust“) und Verwandlungen durch die Segnungen des Skalpells; die in einer ästhetisch kaschierten Videosequenz auch ziemlich deutlich zu sehen sind. Nervenschwächere Tanzfreunde sollten nicht so genau hinsehen und zu ergründen versuchen, was hier im Detail gezeigt wird. Die Tanzsprache ist gewohnt konventionell, wird hier aber mit überlegener Bildkomposition zu einem Erlebnis.

Was aber auch zum bemerkenswerten Erfolg des Abends beiträgt, ist die überaus glückliche Musikauswahl, die das Ensemble hochenergetisch in Bewegung – mit einem gewaltigen Schlagwerkaufwand, Stomp und Streetgang beim großen Auftritt der sieben Zwerge. Auf der Bühne hat sich das hauseigene fünfköpfige Ensemble mit dem bezeichnenden Namen „Rummsfeld“ versammelt, über die gesamte Bühnenbreite sind allerlei Trommeln, Becken, Marimbaphone und Glocken verteilt.

Eine Steeldrum ziert ein Totenkopf mit Kopfhörern und gekreuzten Trommelschlegeln. Und so geht es dann auch los: mit treibenden Rhythmen von Mathias Reumert („Fabricco“), Owen Clayton Condon („Fractalia“) und – nach einem Chopin-Trauermarsch für die Opfer des Beauty-Wahns – Philip Glass. Sein hypnotisch pulsierender „Madeira River“ untermalt ein sanftes Happy End von Schneewittchen (Catherine Franco) und ihrem Prinzen (Davide Sioni).

Zumindest dieses „Schneewittchen“ hat an keiner Stelle eine Schönheits-OP nötig.

In der Pause klemmte der Vorhang:

In der Pause gab es Gemurre unter den Premierengästen, immerhin musste man eine halbe Stunde zusätzlich vor den geschlossenen Türen stehen. Grund: Der Vorhang klemmte, was man schon am Schluss des ersten Aktes bemerkte. Da blieb unten ein meterbreiter Streifen offen – und die Tänzer mussten liegenbleiben, bis das Bühnenlicht ausging. Die Reparatur klappte in der überlangen Pause nicht. Dann also ohne Vorhang im zweiten Akt: Das Publikum konnte so einige Umbauaktionen mitverfolgen, die eigentlich im Verborgenen erfolgen sollten. Störte aber auch nicht sonderlich. Und zum Stück-Ende ging halt nur das Licht aus.

Von Henning Queren

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