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HAUS IM SCHLAMM: 2005 
ließ Santiago Sierra die 
Kestnergesellschaft befüllen.

HAUS IM SCHLAMM: 2005
ließ Santiago Sierra die
Kestnergesellschaft befüllen.© Ralf Decker

Kunst

Schlamm-Kunst: Schau über Santiago Sierras Lebenswerk

Santiago Sierra ist eigentlich immer für einen Skandal gut. Hannover hat er 2005 einen der größten artistischen Aufreger der Stadtgeschichte beschert: das „Haus im Schlamm“.

Tübingen. Proteste von aufgebrachten Bürgern, Solidaritätsbekundungen von Künstlern.

Die damals verwandelte Kestnergesellschaft steht auch im Mittelpunkt der aktuellen Tübinger Schau über das Gesamtwerk von Santiago Sierra, die den schlichten Titel „Skulptur, Fotografie, Film“ trägt und noch bis 16. Juni zu sehen ist.

Die im Rückblick immer noch überwältigende Arbeit in Hannover ist in Tübingen ausgiebig in Fotos dokumentiert. Und als Hommage ist auch die Tübinger Kunsthalle verschlammt worden. Ein 80 Quadratmeter großer Raum ist voller Schlick - deutlich bescheidener als die Landschaften in der Kestnergesellschaft, aber man weiß, was gemeint ist.

In Hannover waren es immerhin 320 Kubikmeter Schlamm, die das Erdgeschoss ausfüllten, wie in der Ausstellung nachzulesen ist. Für die Erstellung des Tübinger Schlammraums wurden 23 Quadratmeter Torf sowie sechs Quadratmeter abgebadetes Heilmoor benötigt.

Gezeigt werden aber auch die anderen Projekte, mit denen Santiago Sierra die internationale Kunstwelt nachhaltig aufgemischt hat und die ihn zu einem der gegenwärtig wichtigsten Perfomance-Künstler machten.

Sein Kunstwerk für die Biennale 2001 waren 133 Leute, die dafür bezahlt wurden, dass sie sich die Haare blond färbten - dafür nahm er schwarzhaarige Gastarbeiter, die in Venedig als illegale Straßenverkäufer tätig waren, und bezahlte jedem 60 Dollar. Zwei Jahre später ließ er auf der Biennale den Spanischen Pavillon zumauern - Zutritt wurde nur spanischen Staatsbürgern gewährt.

Thema von Sierra ist die Gewalt politischer und wirtschaftlicher Systeme - was Menschen alles für Geld machen. In der Aktion „The Punished“ mussten sich an neun verschiedenen Orten in Frankfurt ältere Menschen in Demutshaltung vor Wände stellen. Oder er stellte Männer in eine Kunstgalerie, die gegen Dollars einen tonnenschweren Holzbalken auf der Schulter zu tragen hatten - während das Vernissagenpublikum mit dem Champagnerglas in der Hand die „Ausstellung“ betrachtete.

Und mit manchen Aktionenüberschreitet er auch die Schmerzgrenze des Betrachters:In Pulheim bei Köln ließ er Autoabgase in eine Synagoge leiten.Wer die Kunst sehen wollte, musste sich eine Gasmaske überziehen. Er wollte 2006 nach eigenem Bekunden mit „245 Kubikmeter“ (Titel) die Banalisierung des Gedenkens an den Holocaust anprangern. Nach heftigen Protesten wurde die Aktion abgebrochen.


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