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Sarah Kuttner liest am Donnerstag im Pavillon.© Jan Woitas

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NPInterview

Sarah Kuttner über ihren Roman "180° Meer"

Sarah Kuttner (37) ist Moderatorin, Buchautorin und Kolumnistin. Mit ihrem jüngsten Roman „180° Meer“ ist sie nun auf Lesetour. Übermorgen gastiert sie in Hannover.

Stimmt es, dass Sie angefangen haben zu schreiben, weil Ihr Vater gesagt hat: „Kind, schreib doch mal einen Roman“?

Nachdem meine Kolumnen erschienen waren, haben das eigentlich alle gesagt. Irgendwann kam jemand vom Verlag zu mir und sagte: „Frau Kuttner, Sie schreiben so schön, schreiben Sie doch mal einen Roman.“ Damals sagte ich noch: „Auf keinen Fall, ich weiß doch gar nicht, wie man das macht.“ Also wurden - eher aus Verzweiflung, damit es überhaupt etwas Gedrucktes gibt - die Kolumnen einfach zu einem Buch zusammengebunden.

Warum haben Sie sich nicht an einen Roman getraut?

Ich habe gedacht, das wäre eine Nummer zu groß für mich. Und weil ich ehrlich gesagt nie so wirklich mutig beziehungsweise überzeugt von mir war, habe ich immer gesagt, „das sollen mal die anderen Kinder machen“. Das ist auch der Grund, warum ich meinen ersten Roman tendenziell eher heimlich geschrieben habe.

Schwingt da die Angst vor unfreundlichen Reaktionen mit?

Die wird es auf jeden Fall geben. Bei mir ist das immer Hälfte, Hälfte. Die eine Hälfte findet es gut, die andere doof. Frauenzeitschriften finden es meist gelungen und das Feuilleton scheiße. Da habe ich schon gar keine großen Hoffnungen oder Erwartungen mehr. Das ist auch okay so. Ich lese das nicht mehr, weil ich einfach kein so dickes Fell habe.

In „180° Meer“ beschreiben Sie eine zerrüttete Vater-Tochter-Beziehung. Wie wichtig ist Ihnen die Beziehung zu Ihrem Vater?

Im Grunde hat ja jeder eine Beziehung zu seinen Eltern. Leider ist diese in den seltensten Fällen tippitoppi in Ordnung. Generell ist das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern interessant, weil es eben nie so ist wie im Film. Eltern sind nicht die erwachsenen Vögel, die einen im Nest behalten und füttern. Die können auch mit oder ohne Absicht ganz viel kaputtmachen. Unterm Strich sind wir das Ergebnis unserer Gene und Erziehung.

Ist Blut dicker als Wasser?

Ich denke nicht. Man sollte auch mit seinen Eltern Schluss machen dürfen. Eine Blutsverbindung ist ja keine Garantie fürs Guttun. Nur aus Prinzip sollte man nirgendwo bleiben, sondern immer dorthin gehen, wo es einem gut geht.

Brauchen Sie Ihren Vater als Ratgeber?

Nein. Oder nur sehr, sehr selten. Generell habe ich fast nie das Gefühl, Rat zu brauchen. Ich kenne meistens alle Optionen, ich muss mich nur zwischen ihnen entscheiden.

Und wenn der sagen würde, das mit dem Buch war nichts?

Das würde er nicht sagen, weil man das nicht einfach so dahinsagt. Und selbst wenn, wäre es nur eine von vielen Meinungen, die ich eben akzeptieren müsste. Ich glaube aber, er wünscht sich manchmal, ich würde Rat brauchen. Weil er eben ein Vater ist.

Wird Familie wichtiger, je älter man wird?

Das kann schon sein. Aber in meiner Familie sind wir gar nicht so. Wir haben sehr lockeren, unregelmäßigen Kontakt miteinander. Ich kenne Leute, die tatsächlich einmal die Woche mit ihren Eltern telefonieren. Und wenn das ausnahmsweise mal ausfällt, werden die ganz hibbelig.

Vielleicht ist das wie einmal die Woche zum Sport gehen. Wenn man es ausfallen lässt, setzt das schlechte Gewissen ein.

Siehste, das mach ich auch nicht. Und ich will nicht von einem schlechten Gewissen geleitet werden. Als ich klein war, hieß es immer: „Du musst die Oma anrufen, die ist sonst sauer.“ Dann rief man die Oma endlich an, und schon war die Oma ein bisschen eingeschnappt und sagte: „Du hast dich aber auch schon lange nicht gemeldet.“ Schon macht das keinen Spaß mehr mit der Oma. Ein schlechtes Gewissen ist einfach kein guter Treibstoff, schon gar nicht für die Liebe.

Das mit der Liebe fällt Ihrer Protagonistin auch nicht leicht.

Ich schreibe ja auch keine Liebesbücher. Weil - da dürfen wir uns nichts vormachen: Am Ende wird es eben nicht immer gut. Das Leben ist anstrengend. Bei den meisten Liebesbüchern läuft das in der Regel so, dass, egal wie viele Steine der hochhackigen Protagonistin in den Weg gelegt werden, am Ende kriegt sie ihn doch. Bei mir weiß man nie, ob es gut wird. Und das finde ich schön, das macht es realistischer.

Möglicherweise ein Problem der Generation um die 30 …

Jetzt ist das böse G-Wort gefallen! Ich sags gleich, ich wurde mein ganzes Leben so viel über Generationen gefragt, dass das fast wie ein rotes Tuch für mich ist. Ich bin keine Generation, ich kenne diese, meine Generation nicht, ich bin nur Sarah.

Jule flüchtet ans Meer. Welche Zufluchtsorte haben Sie?

Der Ort ist mir nicht so wichtig. Ich reise zum Beispiel eher ungern. Wenn es Momente gibt, in denen ich meine Ruhe brauche, dann finde ich die in meiner Wohnung. Und wenn da gerade jemand ist, dann geh ich einfach woanders hin oder miete mich in ein Hotel hier in Berlin für eine Nacht ein. Manchmal reicht auch einfach die Badewanne. Manche brauchen einen Monat alleine in Afrika, andere eben nur ein Bad.

Sarah Kuttner liest am Donnerstag ab 20 Uhr im Pavillon. Der Eintritt kostet 17, ermäßigt zwölf Euro.

DAS BUCH

„Ich habe schon wieder kein Ziel, aber ein bisschen Bock auf einen Weg“, resümiert Jule. Sie hat bis vor kurzem als Sängerin in einer Hotellobby gejobbt, hat sich auf den Barchef eingelassen, einfach nur so, was nur verstehen kann, wer auf der dunklen Seite der Nacht lebt, jedenfalls nicht ihr Freund Tim. Also flieht sie zu ihrem Bruder nach London und dann an die britische Küste, weg von Tim, weg von der depressiven Mutter, vielleicht zu sich selbst, wer weiß das schon. Sarah Kuttner hat mit „180° Meer“ ein so unterhaltsames wie eindringliches Buch über die Qual der Selbstsuche geschrieben. gol

Bewertung 4/5

Sarah Kuttner: „180° Meer“. S. Fischer, 272 Seiten, 18,99 Euro.

NPVISITENKARTE

Geboren am 29. Januar 1979 in Ostberlin. Ihr Vater ist der Radiomoderator und Theaterregisseur Jürgen Kuttner. Sarah Kuttner wurde bekannt als Moderatorin der MTV-Sendung „Interaktiv“. Fernsehformate wie „Kuttners Kleinanzeigen“ (ARD), „Frau Kuttner und Herr Kavka“ (3Sat) und zuletzt „Kuttner Plus Zwei“ (ZDFneo) folgten. Kuttner war auch als Kolumnistin für die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Musikexpress“ tätig, die auch in Buchform erschienen. „180° Meer“ ist nach „Mängelexemplar“ und „Wachstumsschmerz“ ihr dritter Roman.


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