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Gut mit Hut: Rapper Samy Deluxe tritt in der Hof- und Stadtkirche als Herr Sorge auf und rappt über Leibniz, Tod und Vollkommenheit. Foto: Villegas

Konzert

Samy Deluxe: Leibniz rappen mit Zylinder

Zylinder, Schlabberhosen in den Kniekehlen, den Mund nah am Mikro, so tigert Samy Deluxe vor dem Altar herum, rappt allerlei über Tod, Vernunft und Verachtung. Taucht ganz am Anfang auf der Kirchenempore auf und gedenkt mal eben dem 300 Jahre toten Leibniz und gibt den Start für ein in seiner Anmutung höchst ungewöhnliches Konzert.

Hannover. Das hieß „Continuum“, stieg in der ausverkauften Neustädter Hof- und Stadtkirche und ehrte den Univeralgelehrten – der aus seinem Grab zuhören konnte. Samy Deluxe trat hier als seine weitere Kunstfigur Herr Sorge auf, Countertenor Valer Sabadus als er selbst – begleitet von der gut aufgelegten Musica Alta Ripa.

Unter den Zuhörern waren die Träger von dicken Daunenjacken, Baseballkappen und übergroßen Wollmützen deutlich präsenter als sonst bei Barockkonzerten, das Publikum war in seiner Zusammensetzung ebenso ungewöhnlich wie die Musik aus hochklassigem Barock, elektronischen Elementen und Rap – Bereiche, die allerdings vergleichsweise sauber getrennt blieben. Bravour-Arien von Händel („Crude furie“, „Ombra mai fu“) wechselten sich mit Instrumentalstücken („Larghetto“) und den Sets von Herrn Sorge ab – alles locker ausgewählt zu Leibniz-Themen wie Vernunft, Vollkommenheit und Tod.

Alles ganz stilecht mit einem MC, einem Master of Ceremonies, der beim Hip-Hop die Stimmung macht: Verbunden wurde das gut einstündige Konzert durch ein geschicktes Overlapping: Die Elektronik nahm jeweils die letzten Takte des barocken, analogen Klanges auf, Jan van der Toorn am Computer machte daraus die Tonspur, die zum Start unter den Rap von Samy Deluxe gelegt wurde. Der dann von seinem Mitmusiker forderte: „Man doch mal ‘nen bisschen lauter“.
Und hier lag natürlich ein gewisses Problem. Analog geht eben nicht genauso druckvoll wie verstärkt. Die Zuhörer mussten die Ohren nach den einzelnen Sets immer erst mal wieder umschalten auf die etwas differenziertere und leisere Wahrnehmung.

Was aber nicht für die Stimme galt, die Wunderstimme von Valer Sabadus, die unverstärkt ohne Probleme mithalten konnte. Das waren dann die musikalischen Höhepunkte des Abends, die, nunja, Battles zwischen dem Rapper und dem Countertenor, der mit höchster Lage die Raps rhythmisch akzentuierte. Sowas könnte man sich als CD vorstellen – die beiden haben sich schon lose zu einem Projekt verabredet.

Zwei Jahre hatte die rührige Veranstalterin Danya Segal an diesem Projekt gearbeitet, um Barock und Rap im Geiste von Leibniz zu vereinen, eine CD mit der hohen Stimme von Valer Sabadus zu Samy Deluxe geschickt. Erster Kommentar des Meisters zu dieser nie gehörten Sangeskunst: „Krass“. Heute wird der Ruhm von Leibniz übrigens in der Hauptstadt zu hören sein, „Continuum“ wird im Berliner Dom aufgeführt.

Zum Schluss des Abends dann noch eine Empfehlung von Herrn Sorge, man möge doch bitte die Grabplatte des Herrn Leibniz mit der Hand berühren und ein wenig von der Erleuchtung mit nach Hause nehmen.
Hätte Leibniz das alles gefallen? Aber klar, der war schließlich der Meinung, dass immer das Vergnügen die treibende Kraft hinter Denken, Forschung und Wissenschaft zu sein hat. Und Vergnügen hat dieser Abend in jeder Hinsicht gemacht. Henning Queren


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