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Saltatio Mortis22.04.2016 CapitolLC

Saltatio Mortis© Robert Eikelpoth

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NP-Interview

Saltatio-Mortis-Sänger Alea über den Zirkus des Zeitgeists

Saltatio Mortis sind die Aufsteiger der Mittelalterrock-Szene. Ihr jüngstes Album „Zirkus Zeitgeist“ wurde gleich dreifach aufgelegt (regulär, unplugged und live) und erreichte die Spitze der Charts; das Konzert am Donnertag im Capitol ist ausverkauft. Wir sprachen mit Sänger Jörg Roth alias „Alea der Bescheidene“.

Hannover. Spreche ich mit Jörg Roth oder mit Alea, dem Bescheidenen?
Ich glaube, es gibt keine Unterschiede. Das war früher anders, aber es gleicht sich an. Es sind heute zwei Namen für den selben Menschen.

Es ist keine Rolle mehr? Früher gab es einen Austausch zwischen Saltatio Mortis und dem deutschen Fantasy-Rollenspiel „Das Schwarze Auge“.
Zwei von uns, Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein und Lasterbalk der Lächerliche, also Gunter und Timo, waren früher tätig für den Verlag vom „Schwarzen Auge“. Irgendwann hatten sie keine Zeit mehr dazu. Als Abschiedsgeschenk haben die Kollegen eine Geschichte veröffentlicht, in der die Band vorkam.

Ist das Dasein als Musiker ein Rollenspiel?
Nein, besonders in den vergangenen zehn Jahren ist es für mich genau das, was ich bin. Ich habe als Bürokaufmann angefangen, das war nicht meine Welt – in der lebe ich jetzt. In allem, was ich tue, bin ich ein Künstler: Man denkt vielleicht ein bisschen verquer und verträumt – aber in anderen muss man viel realistischer sein: Man weiß genau, weswegen man den Weh eingeschlagen hat. Aber in einer solchen erfolgreichen Band wie Saltatio Mortis wird eben auch einfach Leistung abgefragt.

Es ist also auch nicht, um noch einmal im Rollenspiel-Bild zu bleiben, die große Queste einer Gruppe von Abenteurern?
Es ist harter Broterwerb. Aber für uns gilt, um das Bild aufzunehmen, wie für jeden anderen Menschen auch: Die Queste ist es, das eigene Leben zu leben.

Kann Alea der Bescheidene sich ganz unbescheiden den Erfolg von Saltatio Mortis erklären?
Ein großer Teil ist, dass wir uns nie verbogen haben. Ich kann nur Texte singen, die ich auch verkörpern möchte, auch wenn Lasterbalk sie schreibt. Aber wir kennen uns ja auch seit 16 Jahren. Saltatio Mortis ist meine Familie. Deswegen ist unsere Energie ungebrochen. Wir gehen hier nicht nur am Wochenende mit den Kollegen zusammen arbeiten.

Können Sie denn inzwischen von der Musik leben?
Nein. Man kann von Musik heutzutage zwar überleben, aber nicht leben. Ich unterrichte zum Beispiel als kleines Zubrot Kung Fu und Qigong. Das liegt, glaube ich, an einem generellen Verlust der Wertschätzung in unsere Zeit. Das geht Ihnen in den Redaktionen doch nicht anders: Wie viele Magazine und Zeitungen gibt es nicht mehr! Weil die Leute ins Internet gucken und alles kostenlos haben wollen, ohne zu realisieren, dass es dort nicht die selben Qualitätsstandards gibt. Im Bereich Musik heißt das: Es gibt immer weniger Musiker, die bereit sind, auch mal unangenehme Dinge anzusprechen.

Ist das auch ein Grund für die Entscheidung, „Zirkus Zeitgeist“ quasi dreifach und immer mit vielen Extras zu veröffentlichen – um nämlich den Fans einen Mehrwert zu bieten?
Nicht wirklich. Mit dem Unplugged-Album, „Zirkus Zeitgeist – ohne Strom und Stecker“, haben wir uns auch einen kleinen Traum verwirklicht, indem wir die Sachen einfach mal komplett anders eingespielt haben. Ich bin doch auch Fan von Bands. Und mich hat es immer genervt, wenn deren Unplugged-Alben der selbe Käse waren nur halt mit unverstärkten statt elektrischen Gitarren. Ein Lied ist nicht einfach nur ein Lied; es kommt darauf an, welche Farbe ich ihm gebe. Nichts ist nur schwarz und weiß.

Und das Live-Album? Damit kann man doch eigentlich nur verlieren, wenn die Tour noch läuft: weil die Menschen entweder motzen, weil es auf dem Konzert ganz anders ist oder weil es genauso ist.
Wer so denkt, kennt uns nicht. Wer auf ein Konzert kommt, um nur Lieder zu hören, wie er sie von CD kennt, wird überrascht sein, was alles passiert. Allein: Seit 16 Jahren gehen wir nach jeder Show ins Publikum, ob wir nun auf einem Mittelaltermarkt spielen oder auf einer Rockshow, unterhalten uns, trinken ein Bierchen mit den Menschen.

Da sind Sie in einer alten Spielmann-Tradition?
Ja. Es ist uns doch auch wichtig, von den Leuten zu hören, was ihnen gefallen hat und was nicht, aber eben auch, dass wir nicht nur für uns sind. Der Mensch will nicht alleine sein. Wichtig ist uns auch, spontan zu sein. Wir sind schon mit Bands aufgetreten, da stand der Text mit den Ansagen auf dem Boden.

Sie stehen einerseits in dieser Tradition, stellen sich ja auch in Ihren Texten immer wieder gegen den Zeitgeist-Zirkus –damit aber treffen Sie den Zeitgeist einer Gegenkultur aber offenbar ganz gut ...
Wir singen im Gegensatz zu vielen anderen mittelalterlichen Bands nicht von damals. Das haben die Spielleute doch damals auch nicht gemacht! Die haben doch nicht über die Steinzeit gesungen! Sondern über die Missstände ihrer Zeit. Genau das gehört doch zur Spielmannstradition: den Mund aufzumachen, wenn andere es sich nicht trauen.

Auch auf die Gefahr hin, missverstanden zu werden? Nach „Wachstum über alles“ hat man Sie in die rechte Ecke zu stellen versucht.
Auch für „Wir sind Papst“ haben wir jetzt auf die Nüsse gekriegt (lacht). Damit kann ich leben. Ich diskutiere total gerne –nur nicht mit Leuten, die einfach nicht zuhören können. Wer uns Rechtsradikalismus vorwirft, merkt es nicht mehr. Noch klarer als wir kann man sich doch kaum gegen die braune Szene positionieren.

Ist es heute, da rechtsradikale Meinungen scheinbar wieder gesellschaftsfähig sind, wichtiger als früher, sich klar zu positionieren?
Ja, auf der Bühne und privat. Einer meiner besten Kung-Fu-Schüler ist Flüchtling aus Afghanistan. Wenn ich mitbekomme, wie der wieder und wieder und immer vergeblich seine Eltern sucht – das ist zum Heulen. Es ist nicht so lange her, dass auch Deutsche flüchten musste. Und wer nur helfen will, wenn es nicht um den eigenen Geldbeutel geht? Nein. Das ist nicht helfen. Aufrichtig zu helfen ist, dem anderen die Hand zu reichen, wenn es für einen selbst schwer ist. Menschlichkeit ist, in Momenten, in denen man selbst Angst hat, das Licht nach oben zu halten.


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