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Mit dem Stück «Le Sacre du Printemps» wurde die Ruhrtriennale eröffnet. Bei der Choreographie von Romeo Castellucci fiel zur Musik von Strawinsky Knochenstaub auf die Bühne.

Mit dem Stück «Le Sacre du Printemps» wurde die Ruhrtriennale eröffnet. Bei der Choreographie von Romeo Castellucci fiel zur Musik von Strawinsky Knochenstaub auf die Bühne. © Caroline Seidel

Theater

Ruhrtriennale provoziert mit Strawinsky-Stück

Ballett ohne Tanz: Mit Igor Strawinskys berühmtem "Sacre du Printemps" ist am Freitag (15. August) in Duisburg die Ruhrtriennale eröffnet worden - und Knochenmehl ersetzt dabei die Tänzer.

Duisburg. Die radikale Inszenierung von Romeo Castellucci überzeugt, lässt das Publikum jedoch irritiert zurück.

Castellucci legte seiner Inszenierung eine Aufnahme des Ensembles MusicAeterna unter dem Dirigenten Teodor Currentzis zugrunde, der kompromisslos die Rohheit und Brutalität betont, die Strawinsky seinem "Frühlingsopfer" eingeschrieben hat. Auch das Ambiente der Aufführung hat nichts Angenehmes: Die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord trägt die Narben ihrer Industrievergangenheit. Gerade darum geht es Castellucci: Er spürt dem Geist unserer Industriewelt nach, der instrumentellen Vernunft, die uns auch heute leitet.

In dem 1913 uraufgeführten Originalstück geht es um die Opferung einer Frau an einen Frühlingsgott. Castellucci, der für Regie und Konzept verantwortlich zeichnet, hängt nun in den hohen, aber schmalen Bühnenraum Behälter in verschiedenen Formen in den Schnürboden, die mit Tiermehl gefüllt sind. Der Musik folgend, öffnen computergesteuerte Maschinen synchron die Behälter - spielt das Orchester leise, rieselt das Tiermehl nur, beim Crescendo fallen Wellen und beim Fortissimo stürzen ganze Ladungen nieder. Sechs Tonnen Tiermehl würden verwendet, behauptet der italienische Regisseur und Gesellschaftskritiker; die Skelette von 75 Rindern seien hier zermahlen.

Wer in dieser Deutung das Opfer ist, das ist klar: Die Tiere. Den Eindruck verschärft Castellucci im zweiten Akt. Ein Vorhang wird vor die Bühne gezogen und auf ihn eine Beschreibung von Tiermehl projiziert, die aus dem Lexikon stammen könnte: Tiermehl wird als Dünger verwendet, die chemische Formel, das spezifische Gewicht, die Temperatur, auf die die Knochen am besten erhitzt werden - über 1000 Grad Celsius. Dazu Strawinskys Musik, die das Leid der Opfer zum Klingen bringt. Der Kontrast enthüllt: Hinter der kalten Sprache der Wissenschaft verbirgt sich das kalte Herz. Verschwiegen wird, welche Schrecken die Tiere erdulden müssen, welche Verrohung die Menschen erleiden, wenn sie sich ein solches Denken zu eigen machen.

Menschen treten im dritten Akt auf: Arbeiter in weißer Kleidung mit Mundschutz schaufeln das Tiermehl zurück in die Behälter. Das ist der Geist der Industrie - tödlich, herzlos, barbarisch. Die hohe Überzeugungskraft dieser Inszenierung, deren Ansatz anfangs befremdlich schien, kommt durch den Zusammenhang von Bild und Musik zustande. Strawinskys Komposition erscheint als eine einzige wilde Anklage.

Dann kommt der Schluss, der paradoxerweise keiner ist. Das Saallicht geht langsam an, die Platzanweiserinnen begeben sich an die Ausgänge, aber die Musik geht weiter. Das Publikum ist ratlos, irritiert. Einige raffen sich auf und gehen, andere bleiben sitzen, einige wenige applaudieren - der Beifall wirkt fehl am Platz angesichts des beschworenen Leids der Tiere. Als wolle man mit dem Applaus die Anklage im Bereich der Kunst bannen, als wäre in unserm Leben alles gar nicht so schlimm.

Die Aufführung scheint anzudauern, solange die Verwertung unserer Mitgeschöpfe andauert. "Weltpremiere" schreibt die Ruhrtriennale provozierend, wohl wissend, dass das "Frühlingsopfer" vor mehr als 100 Jahren in Paris uraufgeführt wurde - damals ein Riesenskandal. Aber "Weltpremiere" ist nicht geprahlt - Castellucci ist es gelungen, mit seiner radikalen, scharfsinnigen Deutung der Komposition Strawinskys eine neue, plausible Lesart abzugewinnen, überzeugender als konventionelle Choreographien, die viel versöhnlicher sind.

Es gibt jedoch einen Einwand. Castellucci muss vor seiner Bühne einen transparenten Vorhang anbringen, denn Knochenmehl staubt - es würde die Zuschauer zum Husten reizen und aus dem Saal treiben. So ist der italienische Meister gezwungen, sein Publikum, das er angreifen will, zu schützen. Ein fatales Paradox, das die Wirkung beeinträchtigt.

Dennoch: Es ist, als verfluche uns der kurze, nicht einmal eine Stunde dauernde Abend: "Tierfresser!" Castellucci ist ein großer Wurf gelungen. Schon am Anfang hat die Ruhrtriennale ein Kleinod im Repertoire.

dpa


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