Navigation:
BUBU
|
NP-Interview

Roman über 96-Hools: "Es geht um das Adrenalin"

In seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Debütroman „Hool" erzählt Philipp Winkler (30) eine schmerzhaft direkte Geschichte über die Hooligan-Szene. Schauplatz ist die Region Hannover; es geht um 96-Fans. Ein Interview.

Hannover. Den ersten Roman, so heißt es, schreibt man nicht für Preise, sondern weil er raus muss. Wie ist Ihre Wahl ausgerechnet auf diesen Stoff gefallen?
Als ich noch Literarisches Schreiben in Hildesheim studierte, bekam ich einen sehr einfachen, aber auch sehr guten Rat: Such dir etwas, was dich interessiert und worauf du Lust hast und wo das in drei, vier, acht oder zehn Jahren immer noch der Fall ist. Ein Roman über Hooliganismus war eine der Top-Drei-Ideen für etwas, das ich selber gerne lesen würde.

Wie das? Hatten Sie Kontakt zu der Szene?
Ich selber war nie Hooligan, nicht einmal annähernd. Ich war auch nie als Ultra unterwegs, hatte aber Freunde, die das waren. Ich bin eben mit Fußball aufgewachsen; mein Vater war, so lange ich denken kann, Werder-Bremen-Fan, nicht 96-Fan ...

Sie aber schon, oder?
Nee (lacht). Werder- und 96-Fan. Ich habe mich immer schon für Fußball interessiert. Und: Mich interessieren immer die Randgebiete. Wenn man über Fußball redet, ist das der Hooliganismus. Das war schon immer ein sehr spannendes, komplexes Thema.

Wie kamen Sie zu dieser Figur des Heiko Kolbe, diesem prekär lebenden Typen, Hooligan, der nur etwas zu spüren scheint, wenn er sich prügelt? Wie haben Sie recherchiert?
Ich wusste für jemanden, der nicht dazugehörte, ohnehin schon relativ viel über die Szene. Doch bevor ich nur ein Wort geschrieben habe für den Roman, habe ich ein halbes Jahr lang nur recherchiert. Am fruchtbarsten waren Interviews, die ich geführt habe mit szenekundigen Beamten, mit Fanbeauftragten und anderen Experten. Die Figur Heiko Kolbe kann ich gar nicht richtig beschreiben; die ist sehr biologisch, Stück für Stück gewachsen.

Gibt es reale Vorbilder für die Figuren, die Orte, die Geschehnisse? Gab es zum Beispiele diese fatale Schlägerei in Braunschweig, die Sie beschreiben?
Nein, die habe ich mir ausgedacht, aber unmöglich ist es nicht, dass so etwas mal passiert ist. In die Figuren sind sicherlich auch - oft unbewusst - biografische Züge eingeflossen, ob nun von mir oder von anderen. Was das Setting angeht - es spielt ja hauptsächlich im Raum Wunstorf: Da bin ich aufgewachsen.

Haben Sie ein Verständnis für diese Lust an der Prügelei?
Ja, schon, auch wenn es mir nicht unbedingt so geht, worüber ich auch ganz froh bin. Ich glaube, es ist eher eine Lust am Adrenalin und nicht am bloßen Prügeln. Man könnte dieses Gefühl sicherlich auch anders bekommen. Aber diese Leute haben diesen Weg gewählt oder sind dort hineingewachsen. Jedem das seine (lacht).

Sie beschreiben einen mehrfachen Verlust der Unschuld, unter anderem auch die Unterwanderung der Szene durch Nazis ...
Ja, da wird in der Öffentlichkeit ja viel über einen Kamm geschoren. Ultras werden mit Hooligans gleichgesetzt, Hooligans mit Nazis. Wenn sich jemand im Stadion etwas leistet, wird er gleich als Hooligan abgestempelt. Natürlich gibt es diese Unterwanderung durch die Rechten, mal mehr, mal weniger. Das war natürlich ein Thema.

Ein paar Schauplätze aus dem Roman erkennt man wieder als Hannoveraner, die Clubs am Raschplatz zum Beispiel. Aber gibt es auch ein Vorbild für den „Timpen“, die Hooligan-Kneipe in der Calenberger Neustadt? Oder für das Fitness-Studio von Heikos Onkel?
Nein, für solche Orte habe ich Einflüsse von anderen Lokalitäten einfließen lassen.

Im Fitness-Studio tauchen dann auch die Hell‘s Angels auf. Warum?
Ich finde, wenn man eine Geschichte über dieses Milieu erzählt und sie auch noch in Hannover spielen lässt, fügen die Hell‘s Angels einfach noch mehr Lokalkolorit und Authentizität hinzu. Die haben nun einmal ihr größtes Chapter immer noch in Hannover.

Haben Sie Sorge, dass jemandem nicht ganz gefallen könnte, was Sie über die Szene schreiben?
Noch gab es keine Reaktionen von der Seite. Ich denke, es muss auch jeder sehen können, dass es sich um einen fiktiven Stoff handelt. Ich war ja nicht wie Günter Wallraff inkognito unterwegs. Der Text würde allerdings einfach an Authentizität verlieren, wenn da irgendwelche Fantasienamen auftauchen würden; genau so wie wenn ich anstatt Hannover 96 die Fans eines Fantasievereins beschrieben hätte. Nach einer Lesung in Leipzig, wo ich lebe, hat mich der Barkeeper angesprochen, der bei Chemie Leipzig unterwegs war. Der meinte: „Ja, supergeil, so fühlt sich das an, die Fahrt zu dem Match, die Stimmung, wenn es dann losgeht, das Adrenalin.“

Und so eine Reaktion freut sie?
Ja, natürlich freut mich das, wenn das jemand aus der Szene liest und sich nicht völlig missverstanden fühlt.

Philip Winkler: "Hool". Aufbau Verlag, 310 Seiten, 19,95 Euro. Der Roman erscheint am 19. September.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Alt-Kanzler Gerhard Schröder fordert lokale Firmen auf, Hannover 96 mehr Geld zu geben. Was halten Sie davon?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie