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NPInterview

Rocko Schamoni - „Musiker zu sein, ist eigentlich ein Traum“

Nach einigen Jahren als Schriftsteller („Dorfpunks“) meldet sich Rocko Schamoni (49) als Musiker zurück.

Auf dem Album „Die Vergessenen“ belebt er deutsche Poplieder wieder - das tut er auch live, am 15. September im Pavillon.

Wie ist es zu dem Projekt gekommen?

Geplant war das für die Ruhrfestspiele. Die hatten sich einen musikalischen Abend gewünscht. Darüber haben wir mit unserem Theatermanager Tom Stromberg geredet. Es gab die Idee, Perlen auszugraben und daraus einen musikalisch-theatralen Abend zu machen, mit Schauspielern und einer kleinen Geschichte. Daraus ist leider nichts geworden, weil die Ruhrfestspiele das abgeblasen haben, aus uns gegenüber nie formulierten Gründen.

Zu dem Zeitpunkt lief schon eine Crowdfunding-Kampagne, um das Album zu finanzieren.

612 Menschen haben 42 000 Euro gespendet. Ich kannte das Prinzip vorher nur vom Hörensagen.

Kann man solche Projekte heute anders nicht stemmen?

Solche Projekte? Nein. Eine Independent-Plattenfirma hat das Geld für so eine aufwendige Produktion nicht. Und die Majors geben ihr Geld nur noch für berechenbare Projekte aus.

Immerhin ist das Album jetzt fertig. Ein Happy End?

Na ja. Ich würde jedem Künstler raten, gut darüber nachzudenken, bevor er Crowdfunding macht. Das ist eine gute Möglichkeit, aufwendige Dinge zu finanzieren. Für den Künstler selber aber bedeutet es das Drei- oder Vierfache an Arbeit. Man bekommt zwar das Album bezahlt, aber die ganzen Nebenkosten, die Arbeitsstunden drum herum werden nicht finanziert. Dann ist die Produktion fertig und man muss hunderte Dinge sortieren, unterschreiben, Extraprodukte herstellen lassen als Belohnung für die Spender, verpacken, verschicken - diese Arbeit ist sehr umfangreich, anstrengend und zeitraubend. Dafür gibt es keinen Cent. Man muss sich sehr gut überlegen, ob man das will. Ich freue mich darüber, dass so viele Menschen gespendet haben, und bin dankbar. Aber in der näheren Zukunft werde ich das nicht mehr machen.

Das spricht nicht für den Zustand der Musikindustrie.

Nein, das tut es nicht, aber so ist der Lauf der Dinge. Ich kann es den Kids nicht verdenken, die Musik aus dem Netz ziehen; wir haben damals Tapes bespielt. Aber die Hemmschwelle ist in wenigen Jahren sehr stark gesunken. Eine luxuriöse Situation, wie wir sie vor 25 Jahren hatten, werden wir nicht mehr erleben.

Würden Sie heute noch mal Musiker werden wollen?

Ich finde es wundervoll, Musik zu machen, und Musiker zu sein, ist eigentlich ein Traum. Aber es ist gleichzeitig ein sehr beschwerlicher Weg, den man heute gehen muss. Ich rate jedem dazu, ein Instrument zu erlernen und Musik zu machen. Aber ich weiß nicht, wer damit sein Leben bestreiten kann. Für die meisten wird es nicht funktionieren.

Nun aber ist erst einmal das Album fertig. Wie zufrieden sind Sie?

Ich finde es toll: Es ist so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe.

Wie ist es, mit einem Orchester im Rücken zu spielen?

Das ist der maximale Luxus. So habe ich mir das immer schon gewünscht, mit 18 schon. Ich bin ja auch früher nicht als Live-Punkrocker aufgetreten, sondern als „Schlagersänger“. Ich hätte sofort ein Orchester genommen. Und mit dem wäre ich dann unter einem Bierdosenhagel in der Hafenstraße aufgetreten.

Wie ist es zu der Auswahl von „Die Vergessenen“ gekommen? Das Spektrum reicht von Manfred Krug über die Lassie Singers bis zum eigenen Œuvre.

Wir haben weit über 1000 Tracks durchgehört: aus dem Osten wie aus dem Westen, Dialektmusik, Bayerisches, Anarchistisches, Schlager ... Alles Mögliche. Wichtig war eine gewisse Eingängigkeit. Und im Textlichen suchten wir eine gewisse Sonderbarkeit, Widerborstigkeit. Es ging also nicht um maximale Konsumierbarkeit, sondern um Glattheit mit Rissen in der Oberfläche.

Wie viele Songs kämen für eine Fortsetzung in Frage?

Das wäre als Serie beliebig erweiterbar. Aber ich glaube nicht, dass es überhaupt zu einer Fortsetzung kommt, weil es so aufwendig ist, das zu machen.

Wie aufwendig wird die Tour?

Wir sind mit 20 Leuten unterwegs. Mehr Leute habe ich noch nie auf der Bühne gehabt. Für meine Belange ist das das große Besteck.

Wie finanziert sich das?

Sehr schwierig. Wir machen das eher aus der Freude, diese Musik zu machen. Die Musiker arbeiten für die Hälfte ihrer normalen Gage. Bei mir sieht das ähnlich aus, auch bei eventuellen Stargästen. In Hamburg und Berlin war beispielsweise Axel Prahl dabei.

Sie klingen enttäuscht von den Erfahrungen. Haben diese Ihnen die Musik verleidet?

Das reine Arbeiten mit der Band ist sehr beglückend, ein permanentes Geschenk. Aber ich bin ein bisschen abgearbeitet von dem Projekt, es ging immerhin über ein Jahr. Mal sehen, wie oft wir uns diesen Luxus in Zukunft leisten können.

Jetzt müssen Sie wieder Bücher schreiben?

Ich bin Künstler, ich habe wenige Grenzen, ich überlege mir alles Mögliche, um das Leben spannend zu halten. Ich bin gelernter Keramiker und stelle gerade sehr spezielle Fliesen her. Vielleicht gehe ich wieder zurück in den Bereich - das Bühnenleben ist schließlich nur ein irrlichternder Tanz um einen schemenhaften Funken, der irgendwann verglimmt, so lange will ich nicht warten.

Rocko Schamoni & l’Orchestre Mirage: „Die Vergessenen“ (Staatsakt/Universal). Live am 15. September im Pavillon - Karten kosten 28,50 Euro.


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