Navigation:

IMMER MIT GEGENWARTSBEZUG: Robert Harris hält die Gesetze der Politik für zeitlos und warnt vor falschen Vorbildern.© Felbert

Interview

Robert Harris: Die Freiheit verteidigen!

Mit „Dictator“ legt Robert Harris den dritten Teil seiner Cicero-Trilogie vor, die vor dem Hintergrund des Untergangs der Römischen Republik spielt. Im NP-Interview erklärt der Autor, was wir heute von Cicero lernen können. Und was wir von Cäsar besser nicht übernehmen sollten.

Was können Politiker heute von Cicero lernen?

Cicero steht für den Glauben an die Freiheit und die Demokratie. Und dass beides immer verteidigt werden muss. Politiker dürfen nicht der Versuchung erliegen, eine Bedrohung der Freiheit für einen kurzfristigen politischen Erfolg in Kauf zu nehmen. Ich nenne keine Namen, aber gerade das ist in diesen Tagen eine Gefahr.

Und was können Politiker von Cäsar lernen?

Hybris zu vermeiden, also Überheblichkeit und Hochmut. Cäsar dachte, er wäre ein Gott. Er ist ein Beispiel für die Art von Politikern, die den richtigen Moment für ihren Abtritt verpasst haben und schließlich von ihren Gegnern hinweggefegt werden.

Warum haben Sie Cicero als Hauptcharakter ausgewählt?

Er ist am besten zugänglich für ein modernes Publikum. Er kam von ganz unten, war ambitioniert, aber gleichzeitig menschlich und mitfühlend. Durch seine Schriften und Briefe wissen wir so viel über ihn.

Glauben Sie, dass sich Cicero in seinen Tod fügt, weil er nicht mehr in einem Staat leben will, der die Freiheit einschränkt?

Cicero macht eine Entwicklung durch. Flieht er am Schluss von „Titan“ noch ins Exil nach Griechenland, entscheidet er sich am Ende seines Lebens, in Rom zu bleiben. Er will für die Freiheit kämpfen und einen guten Tod sterben. Er ist sich des Risikos in der Geschichte voll bewusst.

Sie halten den Untergang der Römischen Republik für die dramatischste Zeitspanne der Geschichte, vielleicht abgesehen von den Jahren 1933 bis 1945. Was macht sie bedeutender als zum Beispiel die Französische Revolution?

Der Unterschied liegt im Ausmaß. Der Fall der Römischen Republik betraf die ganze uns damals bekannte Welt. Die Hälfte der römischen Bevölkerung verlor im Bürgerkrieg ihr Leben. Und es wurde eine republikanische und demokratische Ordnung zerstört, die 500 Jahre lang aufgebaut worden war. Immerhin dauerte es 1500 Jahre, bis diese freiheitlichen Grundsätze wieder aufgegriffen wurden.

Wie nah sind Sie in der Trilogie der historischen Wirklichkeit gekommen?

Ich habe versucht, mich so genau wie möglich an die Fakten zu halten. Nur so kann das Buch für diejenigen nützlich sein, die sich nicht nur mit der Politik, sondern auch mit dem Leben in der Zeit beschäftigen wollen.

Gibt es Momente während des Schreibens, in denen Sie keine Idee haben, wie die Geschichte weitergehen könnte?

Natürlich. Es nützt nichts, dazusitzen und Löcher in die Wand zu starren. Ich schreibe nun seit etwa 25 Jahren und habe einige Erfahrung. Ablenkung hilft in solchen Situationen, dann kann man das Unterbewusstsein etwas ausarbeiten lassen. Am besten ist ein Spaziergang.

Cicero hat Sie zwölf Jahre Ihres Lebens beschäftigt. Wie viel Robert Harris steckt in Cicero?

Sicherlich einiges. Wir kommen schließlich beide aus der Provinz. Cicero hat es immerhin von einem Niemand zum römischen Konsul gebracht. Unterbewusst habe ich mich immer mit ihm identifiziert. Manche behaupten, die Figur in den drei Romanen habe die Qualitäten eines Journalisten, der ich ja auch bin. Das stimmt, da sich mein Cicero immer für Gerüchte und Neuigkeiten interessiert.

Wie viel Cicero wird Ihnen in Zukunft bleiben?

Einerseits bin ich froh, dass das Projekt abgeschlossen ist. Andererseits werde ich ihn nie vergessen. Immerhin sind wir zwölf Jahre lang den Weg gemeinsam gegangen. Es wird Tage geben, an denen ich ihn vermissen werde.

Woran arbeiten Sie gerade? Bleibt die Antike Schauplatz Ihrer Bücher?

Momentan arbeite ich an einer Geschichte, die in der Gegenwart spielt. Bei der Antike habe ich das Gefühl, dass ich getan habe, was ich machen wollte. Am Ende will ich aber nichts ausschließen. Ich möchte noch so viel wie möglich schreiben.

Robert Harris in Hannover: Heute Abend liest er ab 20.15 Uhr bei Hugendubel (Bahnhofstraße 14). David Eisermann moderiert und liest die deutschen Textpassagen.

Sönke Lill

Intrigen, Macht und Machtlosigkeit im alten Rom – zum Lernen für die Gegenwart

Mit großer erzählerischer Klasse knüpft Robert Harris mit „Dictator“ nahtlos an die ersten beiden Teile seiner Cicero-Trilogie („Imperium“ und „Titan“) an. Spannend entwirft der Autor erneut ein großartiges Bild politischer Intrigen und vom Leben im alten Rom, das von einem Umsturz in den nächsten taumelt.
Durch die Erzählung aus der Perspektive von Ciceros Sekretär Tiro lässt Harris den Leser hautnah miterleben, wie die Umstände den Staatsmann fast schon wellenartig von der Hoffnung auf Macht über deren Ausübung bis zur Erkenntnis der eigenen Machtlosigkeit immer wieder in den Wirren des Bürgerkriegs hin und her werfen. Nach dem Mord an Cäsar darf er sogar für kurze Zeit wieder die Geschicke des Staates gegen den aufrührerischen Marcus An-tonius lenken – immer im Glauben, dies im Namen des Rechts zu tun. Selbst der Leser kann zwischendurch wider besseres Wissen Hoffnung auf den Erhalt der Republik schöpfen.
Als seine Zeit dann aber vorbei ist, fügt sich Cicero in sein von Gewalt geprägtes Schicksal. Was ihm offenbar umso leichter fällt, als er zum Ende seines Lebens mit Tiro Schriften über Philosophie und den Tod verfasst.
sli

Bewertung 5/5

Robert Harris: „Dictator“. Heyne, 528 Seiten, 22,99 Euro.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Die Bahn verspricht, pünktlicher zu werden - schafft sie das?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie