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Georg Ringsgwandl.© Uwe Zucchi

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NP-Interview

Ringsgwandl: "Ich bin eher der Fremdkörper"

Ein Interview-Termin in unmittelbarer Nähe von MHH und INI: Hier, im Hotel Wyndham Atrium, macht der ehemalige Arzt Georg Ringsgwandl (68) Station. Der Musiker und Kabarettist ist gekommen, um über sein neues Album und die anstehende Tour zu reden. Beide heißen - nicht unpassend - „Woanders“.

Ist das hier das „Woanders“, das Sie meinen?

Auf jeden Fall ein Woanders. Woanders herrscht Ruhe, hier nicht (lacht).

In dem gleichnamigen Lied geht es um die Leute, die immer jammern, dass es woanders so schlimm ist und sie froh sind, nicht dort zu sein. Das ist, nehme ich an, Rollenprosa?

Ja, natürlich.

Ist das wichtig in Zeiten, da jeder in seiner kleinen Informationsblase sitzt und meint, mit Gleichgesinnten im Besitz der allgemein selig machenden Wahrheit zu sein?

Das ist offensichtlich so. Anders kann man sich so einige Wahlentscheidungen der letzten Zeit kaum erklären. Ein schwieriges Geschäft. Es gibt kaum jemanden, auch in unseren Bekanntenkreisen, der nicht wüsste, wie es zu laufen hätte. Der den Durchblick hat und endlich erkennt, was sonst verkannt wird. Die kriegen ihr eigenes Kackleben nicht auf Reihe, wissen aber, was China in Sachen Umweltschutz falsch macht.

Ist es Ihre Aufgabe als Künstler, diese Leute mal hörbar zu machen?

Der Song ist jedenfalls eine Reaktion darauf. Er ist entstanden, weil in dem sehr wohlhabenden, sehr sicheren Bereich von Bayern, in dem ich lebe, es besonders schlimm ist. Es ist eine der schönsten Gegenden der Welt, und da ist die Haltung sehr verbreitet, dass alle anderen es falsch machen, in Russland, in China und in den USA sowieso. In München drin ist es schon furchtbar - und Berlin erstmal ... Da ist diese Haltung sehr ausgeprägt, auch bei den Linken. Eine Selbstgefälligkeit sondergleichen.

Es gibt noch ein anderes Woanders: den Sehnsuchtsort. Haben Sie einen?

Ich habe das nicht. Ich bin - das klingt kitschig - froh, in Deutschland zu leben, gerade weil Deutschland, als ich klein war, nicht so freundlich war. Die Lebensverhältnisse in der Nachkriegszeit waren grauenvoll. Ich kenne ein kleines bissl Ausland, und es ist schon sehr privilegiert, hier zu leben. Ich finde es ganz schön hier. Ich denke: So gut, wie es uns jetzt geht, ist es vermutlich noch nie einem Volk in der Geschichte gegangen. Ich wüsste nicht, wann und wo.

Denken Sie manchmal noch einmal an Ihr anderes Leben, das eines Arztes? Zuckt es Sie in den Fingern, wenn Sie zum Beispiel wie jetzt in der Nähe der MHH sind?

Ich bin froh, dass es so gelaufen ist. Inzwischen mache ich seit 23 Jahren ausschließlich Musik, nach 18 Jahren in der Medizin. Ich möchte nicht dorthin zurück. Es ist ein interessanter und vielseitiger Beruf. Aber ich würde dort jetzt nicht mehr arbeiten wollen. Ich gehöre woanders hin. In der Musik fühle ich mich doch wohler.

Heilt uns nicht auch Musik?

Den Gedanken gibt es schon lange, seit der Antike, und er ist in Teilen sicherlich wahr. Musik hat einen direkten Zugang zur menschlichen Seele, der nicht über Sprache und das Denken geht. Das ist das Schöne - und im schlimmsten Fall das Schlechte - an der Musik. Es gibt sicherlich auch Musik, wo manche sagen: „Schaltst halt den Scheiß ab!“

Sie haben ein sehr sanftes Album aufgenommen, zumindest musikalisch. Mit der Idee, so ein sehr intimes Album aufzunehmen, sind Sie offenbar sehr lange schwanger gegangen. Warum war es jetzt an der Zeit?

Das Projekt verfolge ich im Hinterkopf seit wenigstens 15, 16 Jahren. Aber man muss die Leute haben, die so etwas von sich aus richtig mögen: Musik, die einen schwarzen Groove hat, die ruhig gespielt ist, aber trotzdem diesen animalischen Puls hat. Also habe ich lange Zeit mit verschiedenen Musikern herumprobiert. Irgendwie muss man die verschiedenen Seelen zusammenlocken; da helfen weder Geld noch Zeit, da muss sich die Gelegenheit ergeben. Diese paar Typen, mit denen ich zusammen spiele, die lieben sich, die freuen sich, wenn sie zusammen spielen können - unabhängig von mir. Da bin ich eher der Fremdkörper.

Ist das so?

Ich bin der eine dort, der die Musik nicht auf dem höchsten Niveau beherrscht. Ich kann mit denen musikalisch nicht mithalten.

Wie haben Sie es praktisch gemacht? Haben Sie die Altbauwohnung, in der Sie aufnahmen, angemietet?

Das ist meine Wohnung in München. Sie hat den Vorteil, dass sie gut geschnitten ist, einen großen Raum mit hohen Decken hat und daher auch gut klingt. Ein paar von denen konnten da auch übernachten. Das Praktische war, dass wir keine Studiozeiten hatten. Das Equipment stand zwei Monate da, in denen oft nichts passiert ist. Aber für die Musik war es genau richtig. Wenn wir einen Song aufnahmen, war es in der Regel der erste oder zweite Take. Wir spielen seit sieben Jahren zusammen; wir sind im Laufe von ein paarhundert Konzerten so zusammengewachsen, wie man es durch Üben in einem Übungsraum nie erreichen könnte.

Zumal sie ja mit einem Frontmann leben müssen, der berühmt ist für seine Improvisationen zwischen und in den Stücken ...

Ja, die sind abgehärtet. Wenn ich in irgendeinem Song plötzlich auf einer Tonart bleibe, um eine Geschichte zu erzählen, können die blitzschnell reagieren.

Das Album klingt wie der vorläufige Endpunkt einer langen musikalischen Entwicklung, von dem Beginn im Geist des Punk hin zu einer großen Unaufgeregtheit und musikalischen Schönheit, die man damals nicht unbedingt erwartet hätte ...

... die ich damals auch nicht gekonnt hätte. Aber es ist schön, dass Sie es so wahrnehmen, denn so empfinde ich es auch. Ich möchte es nicht beschwören, aber: Es ist wirklich so, dass, wenn ich jetzt sterben müsste, also ich lege mich abends hin und wache morgens tot auf, und wenn es meine letzte Platte wäre, dann wäre ich zufrieden damit. Das ist im Wesentlichen das, was ich zu sagen hatte. Ich hätte kein schlechtes Gewissen gegenüber einer höheren Instanz.

An die Sie glauben?

Ich glaube natürlich nicht an den alten Mann mit dem weißen Bart, der auf einer Wolke sitzt, wie es vielleicht in „Typ/Guitar“ anklingt. Aber es ist offenbar so, dass es eine Gesetzmäßigkeit gibt, die größer ist als unser kleines Hirn oder die bayrische Staatsregierung. Ich bin nicht dafür verantwortlich - und die Merkel ist es auch nicht -, dass das Universum in Ellipsen und bestimmten Bahnen sich bewegt. Ich weiß nicht, was es ist. Aber ganz offensichtlich sind wir Teil dieser Schöpfung, nicht ihr Ende und nicht ihr Anfang - und erst recht nicht der Chef davon. Das alleine ist Anlass genug, dass man sich hier mit ein wenig Bescheidenheit und Anstand bewegt.

Es klingt, als hätten Sie Ihren Frieden gemacht.

Das hoffe ich. Das Allerschlimmste - was ich wirklich scheue -, ist der 60-, 70-Jährige, der sich als Revoluzzer gibt und mit Zorn auf die Welt blickt. Ich möchte nicht mehr so ein unzivilisierter Heißsporn sein, wie ich es mit 30 war. So spätpubertäre Anwandlungen möchte ich, wenn es irgend geht, meiden.

Dann schon lieber die einladende Geste, die in „Sitz de her“ steckt: „Sei mei Freind“?

Ja. Bei aller Ernsthaftigkeit des Programms ist Leichtigkeit wichtig. Ich glaube nicht an den Tragödengeist. Schon an den Ernst des Lebens - aber den zu ertragen, ist nur mit einem humanen, anständigen Humor möglich. Wer den Ernst wie eine Monstranz vor sich herträgt, ist nur einen Mikrometer von der Lächerlichkeit entfernt.

Georg Ringsgwandl live: am 9. Dezember im Pavillon.


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