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matthias brodowy, www.blog.tomasrodriguez.de

matthias brodowy, www.blog.tomasrodriguez.de© tomas rodriguez

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NP-Interview

"Respekt ist verloren gegangen"

Es geht um unsere „Gesellschaft mit beschränkter Haltung“ - am 11. September hat das gleichnamige Programm des hannoverschen Kabarettisten Matthias Brodowy (44) im Theater am Aegi Premiere. Ein Interview vorab.

Hannover. Sie haben für Ihr neues Programm Gitarre gelernt, Bluesgitarre - weil Sie der Blues packt, wenn Sie sich unsere Welt anschauen?

Ja, total, einmal das. Außerdem ist das jetzt mein neuntes Soloprogramm. Da habe ich mir überlegt, was ich mal anders machen kann, damit eine andere Farbe hineinkommt, und so habe ich E-Gitarre gelernt.

Dann verwechselt man die Programme auch nicht so leicht - Sie spielen ja einige von denen noch parallel. Wie merken Sie sich das alles?

Ein Großteil der Texte ist nie aufgeschrieben worden; der existiert nur in meinem Kopf. Das erleichtert das Merken ungemein. Ich merke mir keinen Text, sondern eine Geschichte. Das ist wie Bilderbücher, die ich in meinem Kopf habe. Da kann ich je nach Farbe immer in eine neue Schublade in meinem inneren Regal greifen. Wenn ich wirklich mal einen Text aufschreiben muss, weil er kompakt sein muss, bin ich richtig schlecht im Lernen.

Welche Farbe hat das neue Programm?

Ich hoffe, dass es bunt genug ist, um lustig zu sein, und dass es genügend dunkle Momente gibt, um die Ernsthaftigkeit, die Kabarett in dieser Zeit auch braucht, zu formulieren.

„Gesellschaft mit beschränkter Haltung“ - das meint uns alle, die wir nicht deutlich genug gegen die Marktschreier angehen, oder?

Gegen die Marktschreier, aber auch uns selbst gegenüber. Solange ich denken kann, gibt es das erste Mal eine politische Strömung, die dieses Land spalten kann und, selbst wenn diese Strömung irgendwann Geschichte sein sollte, einen tiefen Riss hinterlässt und Trümmer und Feindseligkeiten. Ich versuche, das auf der Bühne anhand einer Familiengeschichte zu erklären: Mein Opa war Geschäftsinhaber, strammer CDU-Mann, mein Onkel aus der DDR ein SED-Mann. Wenn die aufeinander getroffen sind, flogen die Fetzen. Und danach haben sie zusammen Abendbrot gegessen und sich bestens verstanden. Das nenne ich Streitkultur. Da schwang Respekt vor dem Menschen mit, und das ist abhanden gegangen.

Woran liegt es?

Diese politische Strömung kennt die Gesetze des Marktes, und so machen sie Politik. Sie polarisieren, sammeln um sich eine Fangemeinde, und sie gehen über Leichen, weil ihnen alles egal ist.

Die AfD als urkapitalistische Organisation?

Wenn man sich deren Programm anschaut, sieht man ja, wie neoliberal die sind.

Was kann man tun, und was kann Kabarett tun?

Kabarett soll in erster Linie unterhalten, auch weil diese Zeit Entertainment braucht. Ich habe immer Angst davor, zu sehr in eine Voltaire‘sche Aufklärungsrichtung zu tendieren, auch noch eine Message loswerden zu wollen. Der Kabarettist soll in erster Linie ein nachdenklicher Unterhalter sein. Meine Sorge ist immer: Ist es lustig genug? Ist es zu viel Fingerzeig? Zu oberlehrerhaft? Kommt mein Drang zu predigen zu sehr durch?

Irgendwo muss das katholische Erbe ja bleiben.

Jaaa, und irgendwo muss ja auch das Lehramtsstudium bleiben (lacht). Aber eigentlich will ich es nicht.

Wobei es nicht unüblich geworden ist, dass Kabarettisten - siehe Hagen Rether, Volker Pispers oder Urban Priol - ganze Passagen vortragen, die völlig pointenfrei sind und sehr ernsthaft.

Im Kabarett generell: ja. Trotzdem ist auch die reine Comedy-Schiene immer größer geworden ist. Was ich nicht schlimm finde, weil beides seine Berechtigung hat. Ich hatte im Oktober einen Auftritt mit Georg Schramm im Hamburger Hansa-Theater, einem Varieté. Die High Society war versammelt, die ganzen Pfeffersäcke - und er startete in diesem Ambiente mit einer todernsten Flüchtlingsnummer. Gegen den Strom. Das hat mich sehr beeindruckt, und dem fühle ich mich verpflichtet.

Der Sonntag ist ein besonderer Tag. Zum einen, weil Sie im Theater am Aegi eine CD aufnehmen. Das ist ziemlich nassforsch bei einer Premiere ...

Ja, jetzt allmählich, in der Phase der Generalproben, verstehe ich diejenigen, die Bedenken hatten. Aber die Kulisse des Theaters am Aegi, die Band, die mit mir auf der Bühne steht ... Da muss ich einfach so weit sein. Ein Premieren-Publikum hat schließlich auch ein anständiges Programm zu erwarten. Aber es ist schon gewagt.

Der Sonntag ist zudem Tag der Kommunalwahlen. Wird das den Abend prägen oder zumindest den Einstieg?

Ich bin, ehrlich gesagt, noch am Überlegen. Es ist ja auch ein Doppeldatum: Schließlich jährt sich auch der 11. September 2001 zum 15. Mal. Soll man das thematisieren? Manchmal denke ich, wir sollten uns nicht zu sehr aufhalten mit solchen Ereignissen der Erinnerung, wenn man zeitgleich ähnliche Ereignisse provoziert. Man kann aus der Vergangenheit doch nur die Lehre ziehen, dass man Gegenwart und Zukunft gestaltet. Nur dann kann ich auch Jahrestage zelebrieren.

Ich möchte jetzt trotzdem noch mal dem Prediger und Oberlehrer eine Bühne geben: Sollte man am Sonntag wählen gehen?

Also, ich gehe selbstverständlich wählen - aus zwei Gründen: 1. Es geht um das, was vor meiner Haustür passiert; das ist greifbar, das ist nichts Abgehobenes. 2. Ich wähle Personen, keine Parteien. Ich habe ganz konkrete Ansprechpartner, denen ich im Zweifelsfall beim Einkauf begegne. Ich kann mich auch in Zukunft einmischen, indem ich die gewählten Personen einfach anspreche.

Für die Premiere am 11. September ab 19 Uhr im Theater am Aegi gibt es nur noch Restkarten (20,90 bis 31,90 Euro). Am 21. und 22. September spielt Brodowy es auch im TaK, am 31. Januar in Desimos Spezial-Club im Lindener Apollo-Kino.


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