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Film

Renn, wenn Du kannst: Ist das Leben nicht porno

Ein Rollstuhlfahrer lernt in Dietrich Brüggemanns „Renn, wenn du kannst“ zornfreies Leben.

Drei Herzen in der Happy-End-Maschine: Christian, Annika und Ben stecken unter einer Decke

VON MATTHIAS HALBIG
Auf Rollstuhl ... also ... da stehen nur ganz, ganz, ganz komische Frauen“, sagt Ben, ders weiß, weil er drinsitzt. Am liebsten traktiert er seine Zivildienstleistenden, die er gallig mit „Schwester“ anredet. Aus Wut wirft er schon mal die fertige Magisterarbeit in den Wind. Was er gern hätte, ist eine unkomische Frau. Die Cellistin Annika beispielsweise, der guckt er jeden Tag von oben heimlich aufs Fahrrad, wenn sie an seinem Wohnblock vorbeistrampelt.

Regisseur Dietrich Brüggemann hat selbst eine Schwester im Rolli. Seine Tragikomödie „Renn, wenn Du kannst“, die die Perspektive-Reihe der diesjährigen Berlinale eröffnete, ist der Versuch, das Thema ohne den Falsch anzugehen, der ihm in so vielen Filmen begegnet ist. Er erzählt drauflos, erzählt die reizende, mitunter auch mal durchhängende Geschichte, wie aus dem frohgemuten Zivi Christian (Jacob Matschenz), der lieben Annika (Anna Brüggemann, auch eine (Schwester des Regisseurs) und dem Biest Ben im erlesen hässlichen Düsseldorf trotz Rolli Freunde wurden. Und wie sie es sogar mit der Liebe versuchten. Star im Trio ist Robert Gwisdek, Sohn von Corinna Harfouch und Michael Gwisdek – sein Ben ist ein Kotzbrocken mit Phlegma im Tonfall, der in einem fort neue Fantasien auswirft, wie das mit dem Gelähmtsein passiert ist.

Brüggemann schafft ein leichtes Ende, bei dem seine Figuren dennoch nicht ans harmoniesüchtige Publikum verfüttert werden. Mittendrin fragt Anna auf dem Balkon: „Werden wir für immer hier sitzen bleiben?“ „Nein“, sagt Ben mit gespieltem Pathos, „weil das Schicksal uns in alle Winde zerstreuen wird.“ „Aber nicht“, weiß Schwester Christian, „wenn wir für immer hier sitzen bleiben.“ Naja ... sie sind wieder aufgestanden, aber so zerstreuungssüchtig wie sie es befürchtet haben, gebärdet sich das Schicksal denn doch nicht.

Bei Brüggemann gehts schräg zu, fällt alle naslang ein Beethoven-Kopf runter, und ein im Eisteekarton vergessener Goldfisch kriegt dort Nachwuchs. Sprachlich werden wir auch noch angehippt: Wer nach den klassischen Gutfindvokabeln „lässig“, „dufte“ und „cool“ nur mühsam mit „geil“ zurechtkam, muss heutzutage „porno“ sagen, um auf Zeitenhöhe zu sein. Beispiel: „Der Film ‘Renn, wenn du kannst‘ ist echt voll porno, Alteeer!“

Naja, wir wollens mal nicht übertreiben, er ist „relativ porno“.


„Renn, wenn Du kannst“, D 2010, 112 Min. Regie: Dietrich Brüggemann. Darsteller: Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jacob Matschenz.


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