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Steven Wilson© benmeadowsphotographer.com

Interview

Prog-Rocker Steven Wilson morgen in der Swiss-Life-Hall

Er wurde viermal für einen Grammy nominiert und gilt als Erneuerer des Prog-Rock: Steven Wilson. Im NP-Interview spricht der Multi- instrumentalist aus London über seine aktuelle Platte „Hand. Cannot. Erase“, auf der er zu emotional dichten und dunklen Klängen vom traurigen Schicksal einer jungen Frau erzählt.

Hannover. Mr. Wilson, Sie gelten als Erneuerer des Prog-Rock. War es auch diesmal Ihr erklärtes Ziel, musikalisches Neuland zu betreten?

Ich denke, ja. Zumindest bilde ich mir ein, dass ich mich mit jedem neuen Projekt auch ein bisschen auf unbekanntes Terrain begebe. Auf diese Weise bleibt es auch für mich interessant. Das Album „Hand. Cannot. Erase.“ war sowohl musikalisch als auch konzeptionell eine völlig neue Herausforderung.

Inwiefern?

Das Album erzählt die Ge-schichte einer jungen Frau aus ihrer eigenen Perspektive. Allein das ist eine Herausforderung für jemanden wie mich, der eindeutig keine Frau ist. Die Musik und der Gesang sollten irgendwie feminin wirken. Ich ließ eine Schauspielerin im Studio einen Text sprechen. Last but not least holte ich einen Jungen-Chor ins Studio, für den ich eigens Musik geschrieben habe.

Erzählen Sie auf dem Album eine wahre Geschichte?

Ja. Vor vier Jahren sah ich den Dokumentarfilm „Dreams of a Life“ über eine junge Frau namens Joyce Carol Vincent. Sie war 2003 in ihrem Londoner Apartment gestorben, ihre Leiche wurde jedoch erst drei Jahre später entdeckt. Das allein ist schon außergewöhnlich. Joyce Vincent war keine einsame alte Dame, sondern sie war jung, attraktiv, intelligent und hatte Freunde und Familie. Sie galt sogar als Überflieger. Aus irgendeinem Grund wurde sie aber drei Jahre lang von niemandem vermisst. Wie konnte das möglich sein? Ihr Schicksal hat mich sehr berührt. Als ich 2014 mit der Arbeit an einer neuen Platte begann, ertappte ich mich dabei, wie ich plötzlich Songs aus der Perspektive einer jungen Frau schrieb. Diese fiktionale Figur ist an Joyce Vincent angelehnt.

Wie entwickelte sich die Idee?

Aus der Idee wurde mit der Zeit eine Geschichte, die sich mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert im Herzen einer Weltmetropole zu leben. Sie geht um Einsamkeit, Isolation, familiäre Beziehungen, sexuelle Beziehungen, Internet, soziale Netzwerke. Isoliert uns das Internet noch mehr, als wir es ohnehin schon sind? Ich bin der Meinung, soziale Netzwerke müssten eigentlich antisoziale Netzwerke genannt werden. Sie verbinden Menschen nicht miteinander, sondern sie trennen sie. Am Ende ist es eine faszinierende, gruselige Geschichte geworden über eine Frau, die sich selbst aus dieser Welt löscht.

Und dafür haben Sie extra gruselige Musik geschrieben?

Meine Musik klang schon immer ziemlich dunkel und unheimlich. Mich interessieren besonders die melancholischen Aspekte der Kunst. Was andere als bedrückend empfinden, ist für mich erhebend. Kunst, die sich mit Traurigkeit, Isolation und Einsamkeit befasst, hilft uns zu verstehen, dass wir nicht allein sind und dass wir alle die gleichen Gefühle haben. Jeder kennt das Gefühl, jemanden zu verlieren oder in einer Beziehung zu leben, die nicht funktioniert. Das sind die positiven Aspekte der Kunst. Natürlich erzählt mein Album eine tragische Geschichte, ich hoffe aber, dass meine Musik trotz allem als erbaulich und schön empfunden wird.

Sie sind weder verheiratet, noch haben Sie Kinder. Leben Sie nur für die Musik?

Ich gehe unheimlich gern auf musikalische Reisen. Ich liebe Alben. Leider ist es heutzutage sehr unpopulär, Langspielplatten zu machen. Die Disziplin, sich hinzusetzen und eine Stunde lang mit einem Film für die Ohren zu beschäftigen, schrumpft. Das ist schade, denn man hockt sich ja auch zwei Stunden lang ins Kino. Nichtsdestotrotz werde ich nicht aufhören, ausgeklügelte Platten zu machen.

Ihre Musik wird als Prog-Rock bezeichnet. Mögen Sie den Begriff?

Nicht wirklich. Ich mag es nicht, in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden. Der Ausdruck „progressiv“ impliziert, dass sich etwas entwickelt und nach vorne bewegt. Meine Musik steht auf gewisse Weise in der Tradition des Progressive Rock der 1970er Jahre. Gleichzeitig gehört sie ins 21. Jahrhundert. Niemand wäre in der Vergangenheit in der Lage gewesen, ein Album wie „Hand. Cannot. Erase“ zu machen.

Ihr letztes Soloalbum stieg sogar bis auf Platz drei in den deutschen Media-Control-Charts. Wie erklären Sie sich das?

Zuerst einmal arbeite ich sehr hart. Wenn du nur laut genug schreist, wird dich schon jemand erhören. Außerdem hat sich das musikalische Klima zu meinen Gunsten entwickelt. Noch vor zehn Jahren hat sich niemand für Prog-Rock interessiert. Inzwischen mussten aber die Majors feststellen, dass die einzigen Künstler, die kontinuierlich Platten verkaufen, die klassischen Rockbands wie Led Zeppelin, Black Sabbath und die Beatles sind. Einerseits ist meine Musik nicht leicht, auf der anderen ist sie sehr melodisch. Ich sehe mich nicht als Avantgardisten, was ich mache, ist immer noch ziemlich zugänglich. Zu meinen Konzerten kommen Heavy-Metal-Typen, alte Hippies in Pink-Floyd-T-Shirts und Kids in Radiohead-T-Shirts.

Steven Wilson: „Hand. Cannot. Erase.“-Tour 2016, morgen, 20 Uhr; Karten kosten zwischen 42,50 und 59,75 Euro; Tickets gibt es in den NP-Ticket-Shops.

NPVISITENKARTE - Steven Wilson

Geboren am 3. November 1967 in Hemel Hempstead, Hertfordshire. Er begann bereits mit elf Jahren, Musik zu komponieren. Wilson ist Multiinstrumentalist, Gitarre und Keyboard hat er sich ebenso autodidaktisch beigebracht wie seine Arbeit als Toningenieur. Bekannt wurde er als Gründer, Sänger und Songschreiber der Progressive-Rock-Band Porcupine Tree, die aber derzeit wegen Wilsons Solokarriere pausiert. Wilson ist überdies in unzähligen anderen Musikprojekten engagiert, die weit über Progressive Rock hinausgehen.

VON OLAF NEUMANN


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