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IM NEBEL: Anke Stedingk,Maximilian Grünewald und JonasSteglich (rechts) im Ballhof.Foto: Ribbe

IM NEBEL: Anke Stedingk, Maximilian Grünewald und Jonas Steglich (rechts) im Ballhof.© Katrin Ribbe

Theater

Premiere: „Bis hierher lief’s noch ganz gut“

Ja, es ist vom Canarisweg die Rede, vom Ossietzkyring und von gewissen Ecken in Ricklingen. Nein, das Theaterstück „Bis hierher lief’s noch ganz gut“ hat nicht nur mit Hannover zu tun. Und noch mal nein, die Premiere des Jungen Schauspiels im Ballhof zwei war weder von plakativen Gewaltdarstellungen geprägt noch von bräsiger Betroffenheitspädagogik oder wohlfeilen Lösungsvorschlägen.

Hannover. Regisseurin Ulrike Günther hat für ihr Projekt an den „sozialen Brennpunkten“ der Stadt recherchiert: Mühlenberg, Vahrenheide, Roderbruch, Linden-Süd. Dort sprach sie mit Sozialarbeitern, Polizisten, Lehrern und Jugendlichen. Um anschließend daraus etwas zu destillieren, das zumindest alles andere als klassisches Dokumentartheater ist.

Das Publikum sitzt zu zwei Seiten eines schlichten Podiums, das im Laufe der Vorstellung nacheinander entbrettert, zugemüllt und wieder freigelegt wird. Ein schlüssiger Aufbau, allerdings mit dem Nachteil von möglichen Verständlichkeitsproblemen, sobald jemand aus dem Darstellertrio in die jeweils andere Richtung spricht.

Mit welcher Stilistik geht man nun einen derart heiklen Stoff an? Ein probates Mittel ist die Verfremdung, und diesbezüglich setzen Maximilian Grünewald und Jonas Steglich gleich zu Beginn ein Glanzlicht. Ihre Schilderung einer Expedition in den Canarisweg sprengt alle Grenzen. Da gibt es ausgefeilte Vorbereitungen, bei denen die Wahl der richtigen Kleidung eine ebenso große Rolle spielt wie Sprachübungen: Artikel etwa müsse man vor Ort tunlichst ganz vermeiden, und wenn das nicht geht, unbedingt die falschen verwenden. Dann erzählt das „Zwei-Mann-Wolfsrudel“ vom Weg ins „Herz der Finsternis“ - das sich alsbald als lauschige Spielplatzszenerie entpuppt. Die Idylle hält jedoch nicht an, weil unvermittelt die Apokalypse losbricht. Kleinkinder explodieren, Frauen in langen Gewändern kreisen geiergleich am Himmel. Mit Müh und Not erreicht man den Bus der Linie 500 und wähnt sich in Sicherheit. Fälschlicherweise, denn irgendwann nimmt der Fahrer seine weiße Maske vom Gesicht und kehrt um …

Das ist schrecklich. Und ko-misch. Schrecklich komisch. Und nimmt bei allem ernsten Hintergrund die einseitige Schärfe heraus, zumal es ja Bewohner des Mühlenbergs gibt, die den Ort keineswegs als Höllenpfuhl wahrnehmen. Gegen Ende kommt noch einmal eine surreale Verschiebung ins Spiel, wenn der Leiter eines Jugendzentrums in einer Gewandung auftritt, wie sie vielleicht ein zugedröhnter Hollywood-Studioboss einem aztekischen Priester angedeihen lassen würde.

Und dann gibt es die Szene, in der ein junger Hochhausbewohner beim Einzug gleich sein neues Milieu kennenlernt: Der Nachbarssohn schickt ihn als Drogenkurier auf den Spielplatz und erscheint dem verwirrten Neuankömmling dabei wie ein fliegender Superheld. Als der Auftrag erfüllt ist, erklingen die Worte „Kleiner, du gehörst jetzt zu uns“. Es müssen schöne Worte sein - immer wieder drückt der Bote die Sprachtaste auf dem Soundpad, das allen Darstellern zur Verfügung steht.

Auch Polizisten treten auf, ma-chen im Bemühen um korrekte Darstellung die Sache nur noch schlimmer: „In der Quantität ist die Zahl der Straftäter gesunken und in der Qualität gestiegen. Qualität meint hier natürlich die negative Umsetzung.“ Mit anderen Worten: Es wird immer brutaler. Die schikanierte und völlig überforderte Lehrerin (großartig: Anke Stedingk) liefert eine erschütternde Bestandsaufnahme ohne praktikablen Ausweg. Doch halt, der Schlussmonolog hat einen parat: abreißen. Die Wohnblöcke abreißen. Die Bohrinseln abreißen. Google abreißen. Den Bundestag abreißen. Alles abreißen. Minutenlang geht das so weiter ...

Günther möchte erklärtermaßen vor allem auch jene Besucher ab 14 ansprechen, die nicht selbst aus den geschilderten Stadtteilen kommen, um ihnen die Verhältnisse vor Augen zu führen. Diese Inszenierung ist nicht immer stimmig, zuweilen chaotisch, hier und da nervt sie sogar. Aber sie könnte funktionieren.

Bewertung: 4/5

VON JÖRG WORAT


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