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Kultur Pralle „Aida“ in Hannover
Nachrichten Kultur Pralle „Aida“ in Hannover
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00:22 18.04.2018
Propaganda für den Krieg: Der König (Daniel Eggert, Mitte) weiß, wie man es macht in der bildersatten „Aida“ von Kay Voges. Quelle: Jauk
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Hannover

Eine große Projektion verkündet: „Statt Mohrentanz – Schlamm-Catchen“. Der wird doch wohl nicht...? Und dann noch auf der Opernbühne? Bei „Aida“? Oh, doch. Genau das. Hier und jetzt. Zwei wohlgebaute Bikini-Frauen steigen in den entsprechend gebauten Plansch-Pool, und klatsch. Dazu spielt das Staatsorchester Verdis herzige Ballettmusik zum „Mohrentanz“. Den man heute eben nicht mehr machen kann.

Nach einem dreieinhalb stündigen teils wirklich überwältigenden Bildwunder ist ziemlich klar: Hannover hat damit eine der zur Zeit spannendsten „Aidas“ der Republik auf dem Spielplan – und dazu noch in jeder Hinsicht hinreißend musiziert und gesungen. Reichlich Applaus nach der Premiere und natürlich auch ein paar Buhs für Regisseur Kay Voges und sein recht umfängliches Team.

Fackelaufzüge, raffinierte Videoprojektionen, Tempelzauber und nur noch Spurenelemente von Ägypten, Pyramiden, Palmen und ähnlichem Plunder. Was passiert hier eigentlich? Voges unternimmt eine radikale und überaus genaue Befragung, was diese „Aida“ heute eigentlich ist. Die schon recht brutale Oper, in der so viel von Krieg, Feinde abschlachten, Märtyrern und einem gemeinsamen Liebestod durch lebendiges Begraben die Rede ist.

Also keine prachtvolle Repräsentation, die sich manche von „Aida“ erwarten. Irgendwie passiert an diesem Abend das Regietheater 2.0: keine grimmige Dekonstruktion, sondern lustig-lustvolles Einlassen auf den Text. Das geht dann beim notorischen „Triumphmarsch“ mit ungebremstem Fanfarengeschmetter in astreinem Stereo (Nil-Trompeten links und rechts auf der Bühnenseite) so: Man möge sich doch bitte, so die Video-Aufforderung, wenn man es nötig hat, die Bilder selber im Kopf dazu entwerfen – und vielleicht an das 7:1 denken...

Hier wurde an jedem Detail gefeilt, wenn es in den Tempel am Nil geht – Video, Überblendung – geht es draußen in einen ganz anderen Tempel, einen Kunsttempel, nämlich die Staatsoper Hannover. Es wird gegoogelt (Kreuzfahrtschiff „Aida“), die Story per Lego-Figuren nacherzählt, ja es gibt auch etliche Lacher im Publikum. Der große Kriegsaufruf „Guerra, Guerra“ erinnert an den „Großen Diktator“ und „Evita“ – bonbonbunt und revue-knallig überhöht. Und es gibt die düsteren Momente, wenn Fackelaufzüge an unheilvolle Gegenwart erinnern und betont wird, dass sich das Ensemble aus 47 Nationen zusammen setzt.

Und immer wieder wird das pralle Theatergeschehen auf die Bühne geholt: Da sitzen die Sänger an Tischen, probieren Kostüme und scheinen den Text zu rekapitulieren – es geht um „Aida“, zu sehen die Probe zu einer Oper über eine Oper über Ägypten, so verschachtelt – so gut.

Und das tragen Sänger und Orchester voll mit. Generalmusikdirektor Ivan Repušić setzt auf geschliffene Dramatik und Klangballungen mit flüssigen Tempi, die teils an Toscanini oder Muti gemahnen, und doch schimmert der Beginn des Nilaktes vergleichsweise sanft. Der Chor ist von ungebremster Pracht – bei den großen Aufzügen und einmal auch im Rang über dem Parkett verteilt.

Radames zeigt mit seinem bedruckten T-Shirt („Hero“), was von ihm zu halten ist. Stimmlich liefert Einspringer George Oniani eine ebenso zuverlässige wie kraftvolle Höhe mit wenig Falsett-Anteilen an den Piano-Stellen – zu Recht satter Applaus. Der übertroffen wird von dem für Khatuna Mikaberidze, die als Amneris noch am besten durch die geballten Orchesterwogen blitzt.

Und Karine Babajanyan in der Titelrolle hat ihre Stärken in den lyrischen Passagen. Einer der vokalen Höhepunkt ist ihr Nil-Duett mit Radames. Schön profund und auch spielerisch auf der Höhe ist Shavleg Armasi als Ramphis. Bemerkenswert noch Daniel Eggert als König-Diktator und Brian Davis als Amonasro.

Wer eine wie auch immer „unverfälschte“ Verdi-“Aida“ braucht, Augen zu und durch. Nur ist es bis in den Mai schwer, noch Karten zu bekommen. Und den Elefanten bekommt man in dieser Inszenierung auch, und ein Krokodil, und Pyramiden – und man muss nicht einmal genau hinsehen

Von Henning Queren

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