Navigation:
Das sind Powerwolf: (von links) Matthew Greywolf, Roel van Helden, Attila Dorn, Falk Maria Schlegel und Charles Greywolf.

Das sind Powerwolf: (von links) Matthew Greywolf, Roel van Helden, Attila Dorn, Falk Maria Schlegel und Charles Greywolf.© Napalm Records

|
Musik

Powerwolf: "Metal ist eine Religion"

"Metal ist für viele mehr als nur Musik, nämlich eine Art Religion. Auch für uns", sagt Falk Maria Schlegel (39) im NP-Interview. Der Keyboarder der Band Powerwolf spricht darin über den Erfolgsdruck nach dem Nummer-eins-Album "Preachers of the Night" und den nagelneuen Nachfolger "Blessed & Possessed".

Hannover. Mit Metal, teils lateinischen Texten und Kirchenorgel im Sound auf die Nummer eins der Albencharts - das Kunststück gelang der Saarbrückener Band Powerwolf vor zwei Jahren mit ihrem fünften Album „Preachers of the Night“. Jetzt erschien der Nachfolger „Blessed & Possessed“. Wir sprachen mit Keyboarder und Organist Falk Maria Schlegel (39).

Das Album ist draußen. Fühlen Sie sich eher blessed oder possessed, also gesegnet oder besessen?
Weder noch. Wir sind einfach ein Stück weit erleichtert: Nach so langer harter Arbeit ist es jetzt draußen, und man kann es nicht mehr ändern. Wollen wir aber auch nicht, denn wir stehen zu 1000 Prozent dahinter.

Mussten Sie sich erst einmal vom Schock der Nummer eins erholen?
Nein. Natürlich war „Preachers of the Night“ unser bisher erfolgreichstes Album überhaupt. Und es war nicht einfach, einen würdigen Nachfolger zu schreiben. Aber das war ein Druck, den wir uns selbst gemacht haben. Weder Management noch Plattenfirma noch sonst irgendjemand hat auch nur einen Song gehört, bevor er nicht wirklich fertig war. Da gab es kein Mitspracherecht. Wer sich einmischt, den zerfleischen wir.

Immerhin sind Sie Wölfe.
Ja, genau (lacht).

Aber Druck gab es schon?
Der ist bei uns bei jedem Album da, weil wir an uns als Musiker hohe Ansprüche stellen. Aber - und ich weiß, dass das viele Musiker sagen - ich finde, wir haben nicht nur einen würdigen Nachfolger; wir haben das sogar getoppt. Und jetzt bin ich einfach froh, dass es losgeht mit der Live-Saison. Wir sind keine Band, die es total toll findet, das ganze Jahr im Studio zu stehen. Wir arbeiten dort zwar hart und detailverliebt, aber was wir am liebsten machen, ist, live zu spielen.

Die Metal-Szene erhebt - ähnlich wie die Punkszene - schnell den Ausverkauf-Vorwurf. Dem war auch Powerwolf ausgesetzt. Was entgegnen Sie?
Wir haben nach dem Erfolg von „Preachers of the Night“ etliche Fernsehangebote bekommen und die ausgeschlagen. Weil es zwar gut und schön ist, wenn sich ein Album gut verkauft, aber wir auf keinen Zug aufspringen wollten, der nichts mit uns zu tun hat. Eine große Promo im Fernsehen wäre nicht echt gewesen; das nehmen die Leute einem auch übel. Aber Erfolg ist sowieso nicht planbar. Ich kann nur sagen: Wir machen, das, was wir tun, aus voller Überzeugung, aber wir verkaufen nicht unsere Seele.

Auffällig ist, wie erfolgreich Hardrock und Heavy Metal generell gerade sind. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich habe den Eindruck, dass in der Szene der physische Tonträger eine hohe Wertigkeit hat. Und: Es gibt Menschen, die so etwas schon sehr lange hören, es gibt viele neue Fans, und es geht vielleicht auch eine Faszination davon aus, dass man in der Szene auch unterhalten darf - das durften früher nur Kiss oder Alice Cooper. Die anderen mussten immer ganz ernst sein.

Hat die Szene ein Humorproblem?
Man hat uns oft vorgeworfen, nicht ernst genug dabei zu sein. Dabei ziehen wir eine klare Grenze zum Klamauk. Aber ich finde es bei aller Ernsthaftigkeit, mit der wir das betreiben, wichtig, dass man sich nicht zu ernst nimmt. Es gibt auf der Bühne einfach Sachen, bei denen man über sich selber lachen muss. Das finde ich auch ganz wichtig: dass die Fans eben auch mal hinter die Fassade des Musikers gucken können, und dass sie merken: Hier können sie die Sau rauslassen.

Gerade diese Woche wurden zwei Studien veröffentlicht, die besagen, dass Metal-Hörer a) ausgeglichener und b) treuer sind als Fans anderer Musik. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Ich glaube, dass Heavy-Metal-Musik, die Möglichkeit, gewisse Dinge ausleben zu können, wie eine Katharsis wirkt. Was die Treue angeht, zumindest die zur Musik: Das stimmt. Da hält man zu einer Band, auch wenn die vielleicht mal ein schlechtes Album gemacht hat. Das ist wie in einer Familie: Man verzeiht auch mal einen Ausrutscher. Man sieht das an all den Bands, die schon ewig dabei sind. Das macht den Markt für Plattenfirmen interessant. Aber man weiß auch als Band: Die Leute bleiben dir treu. Da musst du schon einen richtigen Bock geschossen haben, dass sich das ändert. Dieses Privileg hat die Metal-Szene. Da sind wir gesegnet.

Mit Ihrem Orgelspiel tragen Sie stark zum typischen Powerwolf-Sound bei. Wie kam es dazu?
Das ist ein bisschen aus einer Laune heraus entstanden: Wir wollten halt nicht diesen typischen Keyboard-Teppich haben, der nur eine kleine Verschiebung macht im Akkord-Bereich. Wir können mit einem einzelnen Ton oder Tonfolgen ganze Stimmungen setzen; das ist ein bisschen unser Markenzeichen geworden.

Sie spielen für die Produktion ja eine echte Kirchenorgel. Überhaupt zieht sich das Spiel mit christlichen Symbolen durch Ihr Schaffen, von der Musik über die Texte bis zum Artwork. Woher kommt das?
Das ist ein Urinteresse. Ich habe mir als Jugendliche im Pfarrhaus eine alte Bibel - ich möchte nicht sagen: entwendet - bis heute ausgeliehen. Ich fand es faszinierend, mich damit zu beschäftigen, auch mit der Liturgie im Katholizismus, die für mich immer etwas Unheimliches hatte. Und wir nutzen diese Dinge. Wir lieben auch Klischees, aber wir wollen um Gottes Willen keine religiösen Gefühle verletzen. Doch Metal ist für viele mehr als nur Musik, nämlich eine Art Religion. Auch für uns. Das ist unser Credo. Und das muss man halt der katholischen Kirche entlehnen, denn die Evangelen haben ja seit Luther nur relativ wenig Brimborium. Da ist wenig mit Symbolik zu holen (lacht).

Und das darf man?
Wir spielen damit ja nur, weil wir uns damit auskennen. Ich wurde auch schon mal gefragt, warum wir nichts mit dem Islam machen. Ganz einfach: Ich kenne ihn zu wenig. Das kann ich nicht machen. Da müsste ich mich einlesen, jahrelang. Sonst ist man schnell in einem Bereich, wo man Leute verletzt und sie vor den Kopf stößt. Aber wenn man einen Song dabei hat wie „Resurrection by Erection“, sollte jedem klar sein, dass da Ironie im Spiel ist.

Darum auch die teils lateinischen Texte?
Ja. Ich habe auch mein Latinum. Aber manchmal muss ich schon meinen Vater fragen, der sich noch besser damit auskennt. Der sagt dann manchmal: „Das habt ihr aber falsch dekliniert.“ Und ich entgegne: „Aber die Kunst will das so.“ Ein Genitiv mit „-ii“ am Ende lässt sich nun mal schlecht singen.

Vielleicht haben es die alten Römer auch so gemacht.
Ja, und beschweren wird sich von denen sowieso keiner mehr (lacht).

Sind Sie gläubig?
In dem Sinne, dass ich immer in die Kirche renne, nicht. Aber irgendwie schon.

Und wenn es den lieben Gott gäbe, was wäre Ihr Wunsch an ihn?
Frieden auf der Welt und dass es jedem Menschen gut geht. Aber ich fürchte, das ist leider utopisch, das kann man sich so viel wünschen, wie man möchte.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von einem Rauchverbot im Auto?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie