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NP-Interview

Phillip Boa: "Ich brauche meine Freiheit"

Elf Jahre sind seit „Best Singles“ vergangen. Jetzt hat Phillip Boa (53), Altmeister der deutschen Independent-Szene, mit „Blank Expression“ ein neues Best-of-Album veröffentlicht, angereichert mit neuem Material, auf der Platte „Fresco“. Ein Interview zur aktuellen Tour.

Alle zehn Jahre eine neue Best-of - war es an der Zeit?
Ja, das war die Idee, vor allem da ja auch immer neue Songs hinzukommen. Und ich hatte die Sehnsucht, diese Songs endlich einmal auf Vinyl zu veröffentlichen. Dann hat sich das immer mehr entwickelt, die Plattenfirma wollte eine schöne Box, das Projekt ist größer und größer geworden, ich habe während des Prozesses - und der dauerte lange, zwei Jahre - zwölf neue Songs geschrieben, die vollkommen ohne Grund entstanden sind, was immer völlig genial ist, weil man nicht unter Performancedruck steht.

Die Songs klingen ein wenig wie das Best-of, das hätte sein können. Die unterschiedlichen Klangfarben Ihrer Karriere finden sich wieder: „Against the Sun“ hat einen 80er-Beat, „Wanna no no“ hätte auch auf einem Ihrer frühen Alben wie „Hispanola“ sein können, „Death is a Woman“ hat etwas von einem Alterswerk ...
Sie meinen, so in der Songwriter-Richtung?

Ja, genau.
Oh, wow. Naja, ich sehe mich sowieso immer eher als Songwriter als als Musiker. Ich bin auch ein guter Dirigent. Ich finde die Einschätzung interessant, denn mir selbst fehlt vollständig der Abstand. „Against the Sun“ ist für mich eher 90er, so Massive Attack, Portishead. Und jetzt höre ich 80er - das gefällt mir nicht so hundert pro.

Ich meine eher die Tuxedomoon-80er als die Pop-80er.
Ja, aber die 80er verbindet man gemeinhin mit Dingen, die schlimmer sind als zum Beispiel Duran Duran, vor allem mit einer gewissen Oberflächlichkeit.

Wenn man ein solches Best-of-Album macht, insbesondere für Vinylsammler, bedient das Menschen, die ihre Jugend abklopfen, auf Musik, die Bestand hat ...
Diese Boxen sind wahrscheinlich für eine etwas ältere, also unsere Generation. Die jüngere Generation kauft wahrscheinlich eher eine Digibox; immerhin sind es auch zwölf neue Songs. Übrigens: Wenn ich Songs komponiere, denke ich überhaupt nicht über Einflüsse nach. Aber die Künstler aus dieser Zeit, die noch produzieren, haben die Freiheit zu experimentieren. Die neuen Künstler sitzen in einem Käfig: Sie müssen so und so viel verkaufen, das ist schon schwer genug. Sie müssen ihre Songs nach einem geradezu mathematischen System erstellen; darum klingt heutige Musik so berechnet. Sie stehen unter einem großen Zieldruck. Wenn ich so arbeiten müsste, würde ich sterben. Ich brauche meine Freiheit.

Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Ich finde es schlimm. Man nimmt ein paar Beats, ein paar Wörter, die überhaupt keinen Sinn ergeben, und bastelt mit einem Programm seine Lieder zusammen. Und wenn ein Hit rauskommt, nimmt man für die nächsten Lieder das selbe Programm. Auch die deutsche Musik - ich nenne das Schlager-Indie. In jedem zweiten Lied muss das Wort „Leben“ vorkommen, das wird aufgedrückt. Und dann muss man das singen, als ob es von Rio Reiser käme. Die immer gleichen drei oder vier Produzenten - mehr gibt es nicht für solche Musik in Deutschland - achten darauf, dass es immer gleich klingt. Und es funktioniert. Immer und immer wieder. Ich kann die Interpreten nicht mehr auseinanderhalten.

Wie arbeiten Sie, damit aus einem Song das fertige Arrangement wird?
Ich arbeite vor allem mit ganz, ganz vielen unterschiedlichen Menschen zusammen. Immer wer gerade Zeit hat oder da ist. Manchmal habe ich auch nicht meine Band genommen, bei den harten zum Beispiel, da habe ich junge Leute genommen - die heißen beide Chris und haben eine unglaubliche Energie. Wenn ich sage „Call the Chrisses“, dann weiß ich, die liefern etwas ab, was so klingt wie ein wütender junger Mann des Jahres 2016. Und wenn es mir zu sehr danach klingt, hole ich meinen Drummer und lasse den darauf spielen. Damit es auch ein Clash der Generationen wird.

Was wird live passieren? Eine Rückschau oder ein Programm mit neuen Songs?
Das Schöne ist: Das Album ist beides. Wir spielen etwa 19 Songs vom Best-of und fünf, sechs Songs vom neuen Album.

Wir haben vor fünf Jahren schon mal miteinander gesprochen, und da sagten Sie auf die Frage, was Sie antreibt, Sie hätten einen Songkatalog zu verwalten und „Bock, geile Songs zu schreiben“. Gilt das noch?
Die Antwort würde jetzt nicht groß anders lauten.

Auch, nachdem Sie jetzt erst einmal beides erledigt haben?
Ich schreibe immer Songs, wann immer ich Zeit habe. Ich bin besessen davon. Für mich gibt es nichts Besseres. Live zu spielen, ist etwas ganz Anderes, aber auch total cool. Ich liebe das, und darum mache ich das auch weiter.

 „Blank Expression“ und „Fresco“ sind erschienen bei Vertigo Berlin (Universal). Live zu hören ist das am 4. November im Capitol. Karten (33,95 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.


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