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Bei der aktuellen Inszenierung von "Freischütz" geht es zur Sache.© Jauk

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Kritik

Pegida-Freischütz provoziert in der Oper

Romantische Oper anders herum: Für die Premiere von "Freischütz" gabs Buhs und Bravos.

Hannover. Die ersten gehen nach einer halben Stunde, Rufe im Publikum: „Es reicht!“ Im Schlussapplaus halten sich heftigste Bravos und extraböse Buhs die Waage, dieser „Freischütz“ lässt keinen unberührt. Und die Dirigentin hält an einer markanten Stelle ein Schild hoch, mit dem sie ihr Unverständnis kundtut. Eine Premiere der besonderen Art: deutscher Wald, deutsche Romantik, deutsche Ehr und Treu? Ach was, hier wird so ziemlich alles weggefegt, was man in Carl Maria von Webers berühmter Nationaloper erwarten mag.

Überhaupt Nationaloper. „Nationalopaa“ steht auf der Lederjacke dieses seltsamen We-sens, das uns für einen ganzen Abend durch dieses bildmächtige Musiktheater-Wunder führen wird. Regisseur Kay Voges hat den „Freischütz“ hart rangenommen und auch den Text neu gemacht. Der böse Samiel ist bei ihm eine Comic-Figur mit dicker Nase und abstehenden Ohren (in dem Kostüm steckt die Schauspielerin Eva Verena Müller), die mit infantiler Stimme erklärt, warum es gerade mit dieser Oper so eine besondere Bewandtnis hat.

Und dann wird die Regietheater-Maschine angeschmissen, dass einem die Augen übergehen und man aufpassen muss, dass die Musik dabei nicht aus dem Sinn gerät - wenn beim berühmten „Jägerchor“ „Pegida“ bühnenhoch auf einen zumarschiert. Wenn beim „Jungfernkranz“ der Chor sich in unzählige Wildecker Herzbuben verwandelt. Ja, Humor gibt es hier auch.

Der Bilder-Tsunami wird auf vier Leinwänden entfesselt, zwei Live-Kameramänner begleiten die Akteure auch hinter die Bühne, vorproduzierte Filme werden eingespielt und mit dem realen Bühnengeschehen per transparenter Folie überblendet. Ein Video-DJ mixt das alles, Nietzsche-Porträts, CNN, Donald Duck als Hitler, Beate Zschäpe, erotische Fantasien, Flüchtlinge, Gartenzwerge, bestrapste Nazis, Agathe als Schneewittchen, Maschinengewehrrattern. Dann kommt noch die große Heckenschere und kupiert einen Gummischniepel, Theaterblut fließt, Teile des Publikums werden recht unmutig. Und Max fährt mit VW und Ka- laschnikow in die Wolfsschlucht.

Spiel auf drei rauf- und runterfahrenden Ebenen, die Theatertechnik ist ordentlich gefordert. Dazu viel Schwarzweiß-Ästhetik à la Schlingensief, ein „Freischütz“ als „Blair Witch Project“: Das Kugelgießen wird zu einem irren Albtraum. Optische Anspielungen, Zitate, Verweise, Bilder, Bilder, Bilder, Bilder: Irgendwann ist es wie mit dem großen Grillteller im Restaurant, man kann einfach nicht mehr - und braucht einen Schnaps.

Dirigentin Karen Kamensek steuert aus dem Orchestergraben ein wenig gegen das wilde Geschehen auf der Bühne und setzt auf vergleichsweise behutsame Tempi - an die Starkstromspannung eines Carlos Kleiber darf man hier nicht denken, aus dem Orchestergraben klingt es richtig schön romantisch, hier wird mit Sorgfalt phrasiert, die herausgezogenen Hörner geben dem Klang eine versöhnliche Rundung.

Was stört, ist die zu hohe Aussteuerung der Samiel-Sprechstimme. Darunter leiden Max (Eric Laporte als recht strahlender jugendlicher Tenor) und die Agathe von Dorothea Maria Marx, die spielsicher für die erkrankte Kelly God eingesprungen ist. Schön schwarz in der Stimme Tobias Schabel als zipfelmütziger Kaspar. Großartig der Chor, der sich am Ende zur umfassenden gesungenen Versöhnung formiert: „Wer rein ist von Herzen und schuldlos im Leben ...“, dazu schwenkt ein Farbiger die Deutschlandfahne.

Kann man, soll man sich diesen „Freischütz“ antun? Aber immer. Er ist ein Abenteuer, reizt ziemlich aus, was heute möglich ist. Eins kann versprochen werden, langweilig ist er zu keiner Minute. Und er ist dazu noch wunderbar musiziert und gesungen.


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