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Interview

Oliver Maria Schmitt - „Die Liste der Opfer ist lang“

Die Titanic BoyGroup mit den drei Großsatirikern Martin Sonneborn, Oliver Maria Schmitt und Thomas Gsella ist wieder da - zwei Jahre nach der Abschieds- läuft die Comebacktournee („Die Rückkehr der Satire-Zombies“). Am 27. Januar (20 Uhr) machen sie Station im Pavillon. Ex-Kanzlerkandidat Oliver Maria Schmitt hat die investigativ-bohrenden Fragen der NP tadellos beantwortet.

Hannover. Herr Schmitt, die erste Frage an Sie als Berufspolitiker lautet natürlich: Ist Deutschland noch zu retten?

Im Prinzip ja, aber nur durch uns. Deswegen kommen wir in die hoffnungsloseste Stadt Deutschlands, nach Hannover, um Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten.

Nette Geste…

…stimmt…

…die wir für einen ernsten Einschub nutzen: Kann man die Thematik Wir schaffen das - Pegida - Flüchtlinge - sexuelle Übergriffe, also das ganze aufgeregte Gesumms, überhaupt noch anständig satirisch verwursten?

Kann man auf jeden Fall, das muss man sogar. Wir haben ja gesehen, dass man mit den normalen Mitteln der trägen Politik, der rechts- oder linksradikalen Analysen nicht weiterkommt. Jetzt sind Satireexperten gefragt, und wie wir das machen, zeigen wir dann an unserem Lesungsabend in Hannover. Das kann vorher nicht an die Lügenpresse gegeben werden.

Schade. Anderes Thema: Sie waren 2013 Kanzlerkandidat der Partei „Die PARTEI“. Treten Sie 2017 noch einmal an?

Nee. Die Wahl 2013 habe ich ja schon gewonnen. Ich habe einen ganz klaren Regierungsauftrag bekommen, leider nur von sehr, sehr wenigen Wählern. So was lasse ich nicht nochmal mit mir machen. Der Parteivorsitzende Sonneborn und ich haben uns jetzt abgesprochen, der Plan sieht so aus, dass er 2017 die Kanzlerschaft in Deutschland übernimmt. Momentan wird er in Brüssel als MdEP durch langes Untätigsein, Herumsitzen und Diäten-Einstreichen entsprechend geschult. Ich würde dann den Frühstücksdirektor geben und direkt Bundespräsident werden. Ich habe auch ein Vorbild für dieses Amt, das hat sogar lange in Hannover gewirkt, nämlich Christian Wulff. Er hat mit gezeigt, dass man nur lange genug im Weg herumzustehen und die Hand aufzuhalten muss, damit man als Komplettversager nach ganz oben kommen kann. Das hat mir persönlich Mut gemacht und mir eine neue Vision eröffnet.

Und es lohnt sich ja auch monetär…

Das will ich doch hoffen! Das ist ja der einzige Grund, warum man in die Politik geht.

Nach Hannover kommen Sie mit der Titanic BoyGroup, drei ehemalige „Titanic“-Chefredakteure, drei Schwergewichte, einer wie der andere…

…meinen Sie das körperlich?

Eher politisch, satirisch, egoman. Wie kommen solche Alphatiere miteinander klar? Kann sowas gutgehen, nach all den Jahren?

Das geht leider überhaupt nicht gut, so eine Ehe zu dritt. Als wir vor Jahren herausgefunden haben, dass wir alle auch noch mit der gleichen Frau verheiratet waren, da war es dann ganz aus. Also, persönlich-zwischenmenschlich läuft da gar nichts mehr, wir betreten in der Regel die Spielorte durch drei verschiedene Hintereingänge, haben drei verschiedene Garderoben und sitzen dann gezwungenermaßen auf der Bühne zusammen und versuchen, so gut wie möglich wegzuhören, wenn der andere was vorliest oder performt.

Persönliche Eitelkeiten, die da ins Spiel kommen?

Für persönliche Befindlichkeiten ist dieser Job nicht gemacht. Hier geht es um die vollkommen teilnahmslose Abwicklung des satirischen Tagesgeschäfts, und dafür stehen wir wie keine drei anderen.

Mit der Titanic-Boygroup sind Sie ja schon seit 20 Jahren unterwegs, mehr als 1000 Auftritte, die Abschiedstournee haben Sie auch schon vor einigen Jahren hinter sich gebracht…

…gescheitert, abgewickelt, genau…

… sind da erste Abnutzungserscheinungen schon zu erkennen?

Meines Wissens nicht. Für unser Buch „20 Jahre Krawall für Deutschland“ sind wir tief in die Archive gestiegen und haben uralte Schätze unseres Wirkens geborgen. Es finden sich aber auch ganz aktuelle Texte, etwa zum Thema ‚Charlie Hebdo‘ und die Pariser Terrorangriffe. Wir waren ganz überrascht, dass diese Texte heute noch genau so überflüssig sind wie vor 20 Jahren. Deswegen möchten wir sie auch gerne vorstellen.

Worauf muss das Publikum in Hannover einstellen? Oder wie stellen Sie sich auf das Publikum ein? Was ist da zu erwarten?

Wie wir uns einstellen, ist klar: Wir kommen schwer angetrunken, um nicht zu sagen extrem desolat auf die Bühne, um emotional so wenig wie möglich teilnehmen zu müssen, wenn wir in der verrücktesten Stadt Niedersachsens zu Gast sind. Das Publikum muss sich auf das einstellen, was es immer von einer Titanic-Boygroup-Lesung erwarten kann, nämlich 300 Minuten Spiel, Spaß, Spannung, Jonglade, Rockmusik vom feinsten, Emotionen pur, Zauberkunststücke, Verlosungen, Lotterien, Lösungen von Weltproblemen sowie Individualproblemen und hinterher noch eine Gratisbrezel zum Mit-nach-Hause-nehmen. Mehr geht nicht.

Dürfen sich auch Groupies melden oder ist das unerwünscht?

Früher haben wir Groupies gerne mit ins Hotel genommen, mittlerweile ist das aber ein Problem, weil die mit ihren Rollatoren nicht mehr so ohne weiteres unser Bandfahrzeug besteigen können. Deswegen bieten wir in der ersten Reihe einen abgesperrten Groupiebereich an, also nicht die Moshpit, sondern eine Art Deathpit. Da sind dann auch direkt Verbindungen zu Schläuchen und Strom für die Defibrillatoren gelegt, so dass auch für unsere etwas schon betagteren Groupies die körperliche Sicherheit rundum gewährleistet ist.

Was war bislang Ihr schönstes Beleidigungszenario? Historisch ist ja beispielsweise das „Titanic“-Cover mit Papst Benedikt - das haben Sie ja persönlich auf dem Gewissen.

Ach, die Liste der Opfer ist lang. Die reicht von unserem letzten Rücktrittsopfer Papst Benedikt, der wegen meines Papstwitzes auf der Titanic-Titelseite „Die undichte Stelle im Vatikan“ zurückgetreten ist, was mich auch schockiert hat. Martin Sonneborn denkt gerne an seinen Spezialfreund Sepp Blatter zurück, der jetzt ja, wie wir gerade gehört haben, doch noch mal versucht, an die Spitze der Fifa zu kommen, obwohl das vollkommen aussichtslos ist. Sonneborn darf dazu nichts mehr sagen, denn er musste in Stuttgart einen Vertrag unterschreiben, dass er bei Strafandrohung von 300 Millionen Euro keine Witze mehr über die FIFA machen darf. Und Thomas Gsella denkt gerne an Kurt Beck zurück, dem er persönlich 10 000 Euro vorbeigebracht hat, weil er ihn als „Problembär Bruno“ zum Abschuss freigegeben hat. So hat jeder seine speziellen Freunde und Wegbegleiter, und an die wollen wir an diesem denkwürdigen Abend in Hannover natürlich auch noch mal erinnern.

Das jüngste Buch der Titanic BoyGroup „Greatest Hits“ haben Sie kürzlich mit Ihren beiden Kollegen im EU-Parlament vorgestellt, richtig?

Das ist richtig. Das war natürlich nur ein sehr durchschaubarere Vorwand, um zum Spesen-Abgreifen nach Brüssel zu fahren. Das hat auch geklappt. Jeder von uns Referenten hat 9500 Euro für eine Tagesreferenten-Tätigkeit bekommen, und hinterher sind wir zum Champagner-Abgreifen in den Keller, in die sogenannten Empfangsräume. Wir haben 100 gierige Schlucker mitgenommen, die sich sofort auf Champagner und Canapées gestürzt haben. Nachdem nach 40 Minuten unser komplettes Büfett schon geräumt war, sind wir einen Raum weiter gezogen. Dort hat Freimut Duve (Publizist und ehem. SPD-Abgeordneter, d. Red.) „100 Jahre freie Spesen in Brüssel“ gefeiert. Er war aber noch nicht da, was gut war, so konnten wir sein Büfett auch noch eben schnell leerräumen. Das war eine sehr schöne und erfolgreiche Aktion in Brüssel.

Wo wir hier schon unentwegt Schleichwerbung machen: Sie sind ja auch Reiseschriftsteller und haben ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Ich bin dann mal Ertugrul.“ Wer oder was ist Ertugrul?

Ertugrul ist mein türkisches Alter ego, wenn ich Reisereportagen mache. Nachdem ich festgestellt hatte, dass ich mit keinem meiner Projekte - weder als Schriftsteller nich als Romancier noch als Politiker - erfolgreich geworden bin, habe ich mich bei der Frankfurter Buchmesse als junger türkischer Autor, Ertugrul Osmanolu, ausgegeben, und habe versucht, ein neues Manuskript an den Mann zu bringen. Und zwar einen Erfolgstitel, der aus „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling und den „Feuchtgebieten“ von Charlotte Roche bestand, und wollte daraus den Super-Killer-Bestseller „Ich bin dann mal feucht“ generieren. Und wie das funktioniert hat und warum ich heute immer noch Ertugrul bin, das werde ich auch in Hannover verraten.

Bei der Lesung der Titanic BoyGroup?

Ja, und zwar im Pausenprogramm. Da hat man ja 15 Minuten Zeit für Werbeunterbrechungen, und da werden wir dann alle für unsere persönlichen Projekte, die nicht die Titanic-BoyGroup betreffen, Werbung machen.

Titanic BoyGroup, „Comeback - Die Rückkehr der Satire-Zombies“, Pavillon, 27. Januar, 20 Uhr

„Titanic BoyGroup, Greatest Hits - 20 Jahre Krawall für Deutschland“, Rowohlt, 336 Seiten, 25 Euro

NPVISITENKARTE - Oliver Maria Schmitt

Geboren am 27. April 1966 in Heilbronn. Begann als Punksänger, kandidierte 1988 als unabhängiger Kandidat für den baden-württembergischen Landtag, 1991 bei den Heilbronner Oberbürgermeister-Wahlen (jeweils 0,2 Prozent). Studierte Rhetorik und Kunstgeschichte, gab das Literaturmagazin „Unser Huhn“ heraus. Von 1995 bis 2000 Chefredakteur der „Titanic“. Seit 2006 Mitherausgeber des Satiremagazins. Schreibt und veröffentlicht immer wieder mal Musicals, Kolumnen und Bücher. Kandidierte 2012 für das Oberbürgermeister-Amt in Frankfurt am Main (1,8 Prozent). Im selben Jahr vom Vatikan verklagt wegen des Titanic-Titels „Halleluja im Vatikan: Die undichte Stelle ist gefunden!“. Zu sehen ist Papst Benedikt XVI mit urinbefleckter Soutane. Trat 2013 für die Partei „Die Partei“ bei der Bundestagswahl als Kanzlerkandidat an (0,2 Prozent).

BU: KONSEQUENT INKONSEQUENT: Oliver Maria Schmitt spielt mit der Titanic Boygroup im Pavillon.Foto: Ulla Kühnle


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