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FLIPPIG: „Der Menschenfeind“ vom TfN, hier mit Simone Mende (Célimène), Dennis Habermehl (Acaste) und Jens Koch (Clitandre).

FLIPPIG: „Der Menschenfeind“ vom TfN, hier mit Simone Mende (Célimène), Dennis Habermehl (Acaste) und Jens Koch (Clitandre).© Andreas Hartmann

Theater

Molières Menschenfeind im Hippie-Look

Hemmungslose Ehrlichkeit, keine Selbstverleugnung wegen diplomatischer Nettigkeiten als Prinzip. Poet und Literat Alceste (Rüdiger Hellmann) nimmt kein Blatt mehr vor den Mund.

Hannover. Und brüskiert Politiker und Laienpoet Oronte (Moritz Nikolaus Koch), in dem er dessen Laiengedicht als Schund runterputzt. Fortan macht Alceste eine von Oronte initiierte Hetzkampagne das Leben schwer, ebenso seine geliebte, flatterhafte, flirt- und tratschfreudige Freundin Célimène (Simone Mende). Das Theater für Niedersachsen (TfN) hat Molières Tragikomödie „Der Menschenfeind“ - in der Bearbeitung von Hans Magnus Enzensberger, der den Fünfakter-Klassiker in die bundesdeutsche Partygesellschaft der 1970er-Jahre verlegt hat - atmosphärisch dicht, flott und spannungsvoll zweimal auf die Bühne im Theater im Aegi gebracht (Inszenierung: Karin Drechsel, Dramaturgie: Cornelia Pook): Als Kammerspiel, mit viel 1970er-Jahre-Flair (Bühne, Kostüme: Julia Hattstein), in der gelungenen Ein-Bild-Kulisse von Célimènes hypermoderner Schwarzweiß-Edelküche, während und nach ihrer Party mit Gästen aus der High Society und der Schickeria. Mit flippigen Hippie-Modelook-Klamotten, Cord-Jacketts, langen Kotletten und peppiger Siebziger-Jahre-Hitmusik („Popcorn“, Bee Gees, Penny McLean).

Obwohl Enzensberger Molières textlastige Verskomödie in die Moderne führte und die Siebziger aus heutiger Sicht einen rückwärtigen Zeitsprung bedeuten, bleiben Stück und Thema aktuell: Die Verweigerung der Lüge und Heuchelei und ihre Folgen. Unwahrheit und Unaufrichtigkeit als sozialer Leim. Hier eingebunden in die hochdynamische Hass-Liebe-Beziehung zwischen Alceste und „seiner“ koketten Lebedame Célimène. Das besondere hierbei, die Sprache: Alle Akteure sprechen die mit subtilem Wortwitz gewürzten exzellenten Texte im reimenden Versmaß hervorragend, schön lebendig und locker. So sind auch die schauspielerischen Leistungen. Packend, besonders bei den scharfzüngigen Dialogen mit Untertönen. Klasse, wie Hellmann mit feinem Mimikspiel als unangepasster, sich den Gepflogenheiten des sozialen Parketts entziehender tragischer Protagonist zwischen sturer Prinzipienreiterei und Verzweifelung pendelt. Wenn er sich mit der wunderbar spielenden Mende als Célimène wegen ihrer berechnenden Flirtereien fetzt. Und ihr immer wieder verzeiht - ohne den Teufelskreis durchbrechen zu können, da sie sich nicht ändern will. Oder wenn er sich von seinem Freund Philinte (Martin Molitor) verraten fühlt, weil der Kompromisse für notwendig hält. Und hochspannend das scharfgezügelte Dialog-Duell zwischen Mende und Michaela Allendorf als Célimènes Freundin Arsinoé, bei dem sich der wahre (Un-)Wert ihrer Freundschaft offenbart. Es gibt auch den direkten Witz mit vielen Lachern:

Herrlich komisch, wie Gotthard Hauschild als Célimènes Diener Giorgio - die komödiantische Stummrolle - mit seinen graziös-sexy Bewegungen Käse-Igel, Mettschwein und Champagner serviert. Oder die bunte Partygesellschaft lustige Tanzchoreographien zeigt. Nach zwei Stunden gibt es von den 700 Zuschauern langen, kräftigen Applaus mit Jubel.

Bewertung: 4/5


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