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DER BRIEF DES KÖNIGS: Tellheim (Thomas Mehlhorn, re.) ist rehabilitiert. Minna (Julia Schmalbrock, li.), Franziska (Carolin Eichhorst) und der Wirt (Andreas Schlager) warten gespannt

DER BRIEF DES KÖNIGS: Tellheim (Thomas Mehlhorn, re.) ist rehabilitiert. Minna (Julia Schmalbrock, li.), Franziska (Carolin Eichhorst) und der Wirt (Andreas Schlager) warten gespannt

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Theater

"Minna von Barnhelm" twistet im Schauspiel

Die Ehre, die Treue und das Bier aus der Dose.

Hannover. Da hängt er nun in seinem Soldatenrock, verkrüppelt, verarmt, und sein starr gezimmerter Ehrbegriff hält ihn so knapp aufrecht wie die verschlissene Uniform; die Gesichtszüge zerfurcht, die Mundwinkel streben gen Kniekehlen - bis der wackere Major von Tellheim vernimmt, seine Minna sei so arm und verstoßen wie er. Da durchzuckt ihn das Mitleid wie eine wilde Droge, auf rosaroter Wolke schwört er ihr ewige Treue, kein Gedanke mehr an Entsagung, selbst der gelähmte Arm lebt auf, welche Wandlung, so schön kann kein Kokain sein.

Ein Vierteljahrtausend ist Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“ offiziell alt, 1763 gab Lessing als Entstehungsjahr an, und bis heute steht das Stück auf den Spielplänen. Denn in diesen so leichtfüßig geschriebenen Dialogen stecken die großen Themen. Man kann den Krieg hervorheben - Katharina Thalbach umgab Tellheim in Berlin gar mit einer Schar Kriegsversehrter. Man kann das Geld als Mauer zwischen den Menschen auftürmen wie Andrea Breth in Wien. Oder man kann über den Boden der zerbröckelten Besitzstände und Heldentümer eine kunterbunte Komödie der Irrungen und Wirrungen tanzen lassen und Lessings Witz auskosten - wie Hasko Weber, Intendant des Schauspiels Stuttgart, jetzt am Schauspiel Hannover.

Der hat sich von Thilo Reuther eine fast zeichenhaft flache Bühne bauen lassen, mit reichlich Türen drin, und lässt dann die Darsteller mehrfach überdreht drin herumrennen, eine absurde Jagd, deren Spaß sich abnutzt. Während andere Albernheiten aufblühen wie Florian Hertwecks völlig beknacktes Militärgefuchtel als Bote des Königs. Und wenn Andreas Schlager als Wirt das Abhörstethoskop aus dem Türritz baumeln lässt, hat das Molière-derbe Komödienzüge.

Parodistisch zitiert Hasko Weber die Figuren der Vergangenheit herauf, sie tragen Schnallenschuhe und Perücken (klasse Kostüme: Anette Hachmann), stülpen letztere aber mal lässig verkehrt auf den Kopf, die Damen umrauscht der Reifrock kniekurz. Und wenn ihn der freudige Schock der Rehabilitierung ereilt, macht sich der Tellheim erst mal ‘ne Dose Bier auf. Dazu dudelt das Radio an der Wand Twist.

Nur einer fällt durch Normalität auf: ausgerechnet der im Frieden verlorene Wachtmeister Werner. Aljoscha Stadelmann ist weder bezopft noch bunt bekleidet, redet normal - eine treue, unverstellte Seele, die dem Tellheim das Geld schubkarrenweise heranschafft und mit der kecken Jungfer Franziska anbändelt.

Carolin Eichhorst gibt so etwas wie den Prototyp weiblicher dienstbarer Geister, deren Gewitztheit die Herrschaften auf den Boden der Realität plumpsen lässt. Denn Julia Schmalbrocks Minna von Barnhelm hebt gern mal ab. Allerdings nimmt man ihr das Rumpelstilzchen-Beinstampfen weniger ab als ihre großen Szenen weiblicher Klugheit und Gerissenheit, wenn sie Gleichheit als Grundlage des Geschlechterverhältnisses einfordert: Da strahlt sie eine Authentizität aus, neben der sich der Ex-Major wie ein zappelnder Kasper ausnimmt. Thomas Mehlhorn schafft die Gratwanderung, sein Sich-Winden so pathetisch wie nachvollziehbar wirken zu lassen, ein im Geflecht eigener Vorstellungen Verstrickter. Schön als Gegensatz dazu Janko Kahle als Diener Just, ein treuherziger Haudrauf, der außer seinem dicken Kopf wenig Probleme kennt.

Ein überkandideltes, aber fein abgestimmtes Figurenkabinett, das von Armut redet, während es durch Dollarnoten watet, das nicht äußere Not, sondern die Maßstäbe quälen, die es selbst an sein Handeln legt. Es geht auch anders - aber so geht es auch, möchte man mit Brecht zu dieser Interpretation sagen. Das Premierenpublikum amüsierte sich, zollte langen und lauten Applaus.

Bewertung: 4/5


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