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MIT TAPE KOSTÜMIERT: Lisa Natalie Arnold als der junge Hitler und Christoph Müller als sein Förderer Schlomo.© Katrin Ribbe

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Theater

Mina Salehpour inszeniert Taboris "Mein Kampf"

Der junge Adolf Hitler im Männerasyl - und ein Jude kümmert sich um die Karriereplan des kommenden „Führers“: Mit dem Stück „Mein Kampf“ hat George Tabori Theatergeschichte geschrieben. Am Samstag hat es im Staatsschauspiel in der Inszenierung von Mina Salehpour Premiere. Die Regisseurin im Interview.

Wie bereitet man diesen Stoff auf?

Wir lesen viel. Weil der Stoff schwer ist. Weil er inhaltsschwer ist. Er ist einerseits assoziativ, zitiert andererseits viel Krams, worüber ich sehr wenig weiß. Sehr biblisch, sehr mosaisch. Aber den Humor finde ich erstaunlich heutig. Tabori springt sehr: beinahe wie bei „How I met your Mother“, der locker um die Ecke kommt, der natürlich sehr schwer zu spielen ist. Es geht nicht darum, Witze zu erzählen - sondern um Humor haben.

Das Stück ist vor allem grotesk.

Nein, das sagt jeder: „Das ist ein groteskes Stück!“ Gar nicht. Die Szenen sind nicht grotesk; die sind sehr klar: Da sind Leute in einem Raum, die reden. Fertig.

Aber es geht schon um eine Erklärung des Phänomens Adolf Hitler, die eben nicht historisch ist, sondern eben grotesk, überzeichnet, humorvoll.

Aber die Wahrheit ist doch auch nicht historisch! Die Wahrheit ist kein Fakt. Die Wahrheit besteht aus Fakten und dem, was die Menschen fühlen.

Was sind die Wahrheiten dieses Stücks?

Zum Beispiel, dass es hier auf gar keinen Fall um Adolf Hitler geht. Auf gar keinen Fall! Vor allem geht es nicht um historische Realitäten. Und es geht nicht um die Frage, wie aus Adolf Hitler diese historische Figur Adolf Hitler, der „Führer“, wurde. Ich glaube, es geht in dem Stück vor allem um Schlomo Herzl. Und es geht um uns - wer auch immer wir gerade sind, wenn wir dieses Theaterstück gucken.

Und wo bleibt da die Bühnenfigur Adolf Hitler?

Es kommt ja nicht der Adolf Hitler herein. Ein junger Mann kommt herein, von draußen, aus einer bestimmten Gesellschaft, aus einer antisemitischen Gesellschaft. Natürlich hat der auch eine antisemitische Haltung, weil die sehr, sehr viele hatten. Ich glaube, der Clou ist, dass man diese Gesellschaft in den Vordergrund rückt.

Ist es ein guter Zeitpunkt, dieses Stück zu machen? Wir erleben einen neuen Rechtsextremismus. Wir erleben eine große Faszination für die Figur Adolf Hitler, die sich zum Beispiel in solchen Büchern und Filmen wie „Er ist wieder hier“ niederschlägt. Und wir stehen kurz vor der Wiederveröffentlichung von Hitlers „Mein Kampf“.

Wir haben das Stück nicht gewählt, weil es gerade en vogue ist, über Neofaschismus zu reden. Nichts wäre falscher. Ich beschreibe in keiner Weise den Wahnsinn, der gerade draußen abgeht. Dafür ist dieses Theaterstück das falsche Mittel / nicht geeignet. Darum lehne ich im Moment auch jedes Interview zu meinem Flüchtlingshintergrund ab.

Wobei ich schon ein wenig lachen musste: Mina Salehpour und ihr Dramaturg Hartmut El Kurdi machen zusammen Taboris „Mein Kampf“ - wenn das der Führer wüsste ...

Ja, das wäre auch eine schöne Überschrift. Aber: Hier geht es nicht um Nazis. Es geht um Figuren. Wir haben vor zwei Jahren beschlossen, dieses Stück zu machen, und überlegt, was wir zuerst machen: „Alles ist erleuchtet“ oder „Mein Kampf“? Man hat ja etwas vor, wenn man sich dazu entschließt. Jetzt, nach „Erleuchtet“, „Mein Kampf“ zu machen, ist für mich absolut logisch.

Inwiefern?

Insofern, als dass Lisa Natalie Arnold, Daniel Nerlich und ich - also die drei, die bei beiden Stücken beteiligt waren - dass wir eine Spur weiterverfolgen können wie die Wahrheitssuche: Was ist Realität? Was ist Erzählung? Was ist der jüdische Witz? Darum geht es. Dieses Stück handelt nicht von der Pegida; ich möchte nicht über die Pegida sprechen. Nicht in Interviews, nicht auf der Bühne, vor allem nicht in Realismen. Dem verweigere ich mich. Man hat mir zuletzt ganz viele Flüchtlingsstücke angeboten. Da habe ich gesagt: „Falsch! Können wir uns bitte um die Realität kümmern, bevor wir wieder irgendetwas aus der Realität auf die Bühne zerren und es missbrauchen?“ / Aber es erscheint mir gerade vollkommen falsch für mich auf die gegenwärtige Situation mit einem Theaterstück zu antworten. Ich ertrage es im Augenblick nicht, dass diese reale Tragödie auf Bühnen gezerrt wird. Ich schätze, das hat dann doch was mit mir persönlich zu tun.

Dann gehen wir doch ran an die Figuren: Wer ist dieser junge Mann in dem Stück?

Ein sehr unsicherer, sehr junger Mann, der vom Dorf kommt. Zufällig ist es Braunau am Inn, zufällig heißt er Adolf Hitler. Jemand, der Künstler werden möchte, der Träume hat. Und er kommt an einen Ort, Wien, der unglaublich befremdlich für ihn sein muss, weil dieser Ort multikulturell ist, weil Dinge wie Homosexualität und Prostitution Thema sind, es ist eine schmutzige Stadt ...

... aber auch eine glamouröse Stadt ...

Aber die nimmt er nicht wahr. Er hat nicht einmal einen Wintermantel. Er landet bei den Pennern, nicht im Burgtheater. Er geht nur einmal daran vorbei, und sein Kommentar ist: „Da fehlen noch Säulen!“ Er möchte Meisterarchitekt werden.

Tabori hat im Kontext des Stücks den Begriff der Feindesliebe ins Spiel gebracht ...

Der Gedanke ist absolut zentral. Es geht in diesem Stück um nichts anderes als um Liebe. Dieser Typ, der kommt, ist ein Einsamer, ein zu Rettender.

Was bewegt Schlomo dazu, das zu versuchen?

Das ist die zentrale Frage.

Und die Antwort?

Da gibt es viele, zu viele. Fragen Sie mich am 13. Dezember wieder. Auch Tabori gibt diese Antwort nicht. Es geht nicht um Fakten, es geht um Wahrheit, und diese Wahrheit werden wir am Ende sehen. Weil wir ein bisschen auch mitverantwortlich sind für das, was dort passiert.

Ich glaube, er wollte Fragen aufwerfen und keine Antworten geben.

Sie haben sich für eine kleine Besetzung entschieden, es sind nur vier Schauspieler. Warum?

Weil ich kleine Besetzungen mag. Jeder spielt eine Doppelrolle. Es ist auch ein Spiel mit dem Schnauzer: Jeder, der diesen Bart aufhat, könnte eventuell Adolf Hitler sein. Damit entziehe ich mich ganz bewusst der Aussage, dass es nur einen Adolf Hitler gab.

Woher kommt die Faszination für Adolf Hitler?

Für mich ist er immer präsent. Vielleicht auch, weil er benutzt wird als Projektionsfläche für politisch Unkorrektes. Und: Für den größtmöglichen Witz braucht man auch die größtmögliche Tragödie. Das verstehen viele Leute nicht, weil sie denken, / ich mache Witze, weil ich Dinge nicht ernst nehme ein Witz ist ein Joke.

Witz ist Tragödie plus Zeit.

Genau. Richtiger Humor besteht aus zwei Seiten. Und gerade weil Hitler und das Dritte Reich so grässlich waren, bieten sie eine große Fallhöhe für den Witz. Ich sage immer: „Holocaust - das Musical“. Trauriger kann ich, Mina, es mir nicht vorstellen. Und irgendwann, vielleicht als meine letzte Arbeit, will ich das auch inszenieren. Dann hält mich hoffentlich ein Klügerer ab! Die Frage ist doch aber, wie man über Adolf Hitler lacht und in welchem Rahmen.

Welchen Rahmen empfehlen Sie?

Auf jeden Fall kann ich überhaupt nicht über die historische Figur lachen, weil er überhaupt nicht lustig ist.

Was für ein Publikum wünschen Sie sich für „Mein Kampf“?

Alle. Selbst die Nazis.

Selbst die Nazis oder gerade die Nazis?

Selbst die Nazis.


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