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SHOW DOWN: Andreas „Coq“ 
Schlager ist am Boden,
Sebastian „Ass“ Schindeg
ger (links), Johanna „Cat“ 
Bantzer und Jakob „Snoopy“
Benkhofer rocken weiter.

SHOW DOWN: Andreas „Coq“
Schlager ist am Boden,
Sebastian „Ass“ Schindeg
ger (links), Johanna „Cat“
Bantzer und Jakob „Snoopy“
Benkhofer rocken weiter.© Karwasz

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Singspiel

„Melodien für Milliarden“: Die rockenden Stadtmusikanten

Das Publikum feiert Soeren Voimas Singspiel im Schauspielhaus. Witz, Hits und tiefere Bedeutung – klasse.

Hannover. Zum Finale schwebt Coq zum Bühnenhimmel, sein quietschroter Irokese zittert: „Keep on rockin’“, röchelt er seine Botschaft heraus, „rockin’ in the free world.“ Seine Mitstreiter hämmern den Neil-Young-Song, worauf die Welt um sie, das Einkaufszentrum, im Käuferaufstand versinkt. Und das Publikum im Schauspielhaus in frenetischen Applaus ausbricht.

„Melodien für Milliarden“, das Singspiel von Soeren Voima (alias Christian Tschirner, Dramaturg in Hannover) erzählt grandios vom Scheitern in leistungsbesessenerWelt und von der wilden Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Es erzählt mit Live-Musik, Hits und Hymnen der 60er und 70er, von „Ring of Fire“ bis „Stairway to Heaven“. Erzählt rotzig, trotzig, komisch, ironisch, durchgeknallt. Rockt, vertreibt den Phantomschmerz, den der Wegfall der Wittenbrink-Abende hinterließ.

Es setzt auf Einfachheit mit großer Wirkung, die Band rechts, in der Mitte die „Würstelinsel“, wo sich drei der vier Stadtmusikanten finden. Ass, zu Deutsch Esel oder Arsch, singt vorm Einkaufstempel „On the Road Again“; Sebastian Schindegger ist ein liebenswerter Entertainer von der traurigen Gestalt, er lässt Konfetti regnen zu den deprimierenden Pointen seines Lebens, der Entlassung, als er wegen der Kinder halbtags arbeiten will, dem finanziellen und familiären GAU, als er sich in „Finanzprodukten“ versucht. In Rückblicken erzählt er das Snoopy, dem Wachmann, der ihn vertreiben soll. Regisseur Florian Fiedler lässt sie hautnah an der Rampe spielen, packend. Auch Snoopy ist ein Loser, er ließ im Hells-Angels-Security-Kreis die nötige Brutalität vermissen, so muss er für Mindestlohn den Wachmann machen und fliegt raus, als er Ass nicht wegscheucht – und nach ordentlich Fresse polieren liegen sich die beiden in den Armen, zwei Canned-Heat-Fans vereint in einer feindlichen Welt. Als Dritte stößt Cat zu ihnen, die coole Besitzerin der „Würstelinsel“, die von den Angels im Auftrag einer Imbisskette demoliert wird. Johanna Bantzer hat große Szenen als Samtpfote, die mit „I Put a Spell on you“ klasse gegen den Hells-Häuptling Pitt (Thomas Mehlhorn) die Krallen ausfährt, rockig aggressive Energie pur. Doch die Krönung des Quartetts ist Coq, Punk mit Hahnenkamm, ein abgewrackter Ex-Star, dreist, drastisch, ein verrückter Vogel, ein Glamour-Kokainkid am Rande des Absturzes. Wie ein Irrwisch fegt Andreas Schlager auf roten Plateau-Stöcklern über die Bühne und in Zuschauers Herzen.

Soeren Voimas Stück ist ein Glücksfall, Dialoge, die den Ton der Figuren treffen, viel Hintersinn und anarchischer Witz. Florian Fiedlers Regie arbeitet alles heraus und bringt die Schauspieler knallig, aber mit Zwischentönen ins Spiel. Singen können sie großartig, die Band rockt, der Saal feiert. Das bitte ab jetzt jede Saison. Keep on rockin’ in the Schauspielhaus Hannover.

Bewertung: 5/5


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