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NP-Interview

Mateo von Culcha Candela über das neue Album

Mit ihrem vergnügten Crossover-Sound aus Reggae, Latin und Hip-Hop sowie Songs wie „Hamma“ wurde das Berliner Musikkollektiv Culcha Candela zu Stars - einigen Fans der ersten Stunde aber auch zu kommerziell. Warum sie sich auf ihrem neuen Album „Candelistan“ weder davon noch von der Nachrichtenlage die Laune verderben lassen, erzählt Culcha-Candela-Rapper Mateo Jaschik alias Itchy im NP-Interview.

Kennen Sie den Song „Kelly Family Feeling“ von Bernd Begemann?
Von wem? Nein, den kenne ich nicht.

Da singt er: „Wir haben das Kelly Family Feeling: dämlich, aber glücklich, gammelig, aber zusammelig“. Daran musste ich bei Ihrem neuen Song „Scheiße aber happy“ denken.
Ach so, ja, muss ich mir mal anhören.

In „Scheiße aber happy“ nehmen sich Culcha Candela jedenfalls selber gehörig auf die Schippe. War das mal nötig?
Nach 13 gemeinsamen Jahren kann man das schon mal machen. Es fällt so vielen Leuten schwer, kritisch über sich selbst zu reden. Aber wir dachten uns: Okay, wir zählen mal alles so auf, was wir so gemacht haben.

Sie rezitieren auch viele Vorwürfe, zum Beispiel die Hipster-Polizei, die angeblich Seeed viel cooler findet ...
Anfangs wurden wir mit denen sogar verwechselt: „Hey, ich fand euer Lied ‚Augenbling‘ geil“ oder so. Ich meine, wir haben ja niemanden umgebracht, wir haben höchstens mal den einen oder anderen Auftritt zu viel gemacht oder das eine oder andere Lied veröffentlicht, das wir uns vielleicht hätten schenken können. Aber in dem Moment, in dem wir es taten, waren wir natürlich 100 Prozent davon überzeugt.

Man ahnt nicht, dass ein Lied wie „Hamma“ vielleicht auch ein bisschen totgespielt wird?
Ja, wir haben das ja auch als Spaß gemacht. Wir wollten nicht partout einen Hit schreiben.

Haben Sie Sachen gemacht, die Sie heute bedauern?
Nein. Denn hätten wir sie nicht gemacht, wüssten wir heute nicht, dass wir sie besser nicht gemacht hätten.

Ist es eigentlich typisch deutsch, dass mit einem gewissen Erfolg die Anfeindungen von selbst kommen?
Naja, Gönnen-Können ist jedenfalls keine deutsche Stärke.

Und eine Vergangenheit als Juror für „DSDS“ ist vermutlich auch nicht so hilfreich.
Damit habe ich auch keine Probleme. Ich wollte mich damals, in einer Bandpause, einfach ein wenig beschäftigen. Noch einmal würde ich es auf keinen Fall machen, aber damals hat man mir versprochen, man wolle die Sendung jetzt hochwertiger gestalten. Aber es war alles wie gehabt: Es ging nur um die Quote und nicht um die Talente - wobei die Beatrice Egli, die in meiner Staffel gewonnen hat, sich bestimmt auch über den Erfolg freut, den sie heute hat.

Hat sich durch Ihre Jury-Tätigkeit das Gefüge der Band geändert? Man hat schon den Eindruck, dass Sie zunehmend als Gesicht von Culcha Candela betrachtet werden und aus dem Kollektiv herausgetreten werden.
Ja, und das ist gut und schlecht zugleich. Leute, die das, was wir machen, nicht geil finden, können ihren Hass bei mir abladen. Aber das gilt auch für das Lob. Insgesamt war das nie die Absicht.

Wofür steht die Band heute?
Für das, wofür sie schon immer stand: gemischte Musik, keine Dogmen, Gesang auf Spanisch, Englisch, Deutsch. Gegen Sexismus, gegen Rassismus, gegen Homophobie. Das ist ja auch so aktuell wie noch nie.

Wobei auffällt, dass Sie auf dem Album das Ganze ins Positive wenden, also nicht aufzählen, wogegen Sie sind, sondern wofür.
Wir sprechen Dinge lieber positiv an, mit Humor und einem tanzbaren Beat. Das heißt aber nicht, dass das Schwert nicht weniger scharf ist als irgendein erhobener Zeigefinger. Wir habe auch schon ernste oder traurige Songs probiert, aber nicht ohne Grund sind die nie auf irgendeinem Album gelandet. Das ist nicht unser Ding, war es nie. Wir sind auch schon gefragt worden, wann das mal aufhört mit der guten Laune.

Und? Was macht Ihnen schlechte Laune?
Wo wir wirklich schlechte Laune bekommen, ist bei der Flüchtlingsdebatte die Haltung der EU, der deutschen Politik, das Verhalten der Kanzlerin und vor allem das der Menschen, die sehr vergesslich und intolerant sind, Menschen in Sachsen, die Flüchtlingsheime anzünden, aber aus einem System kommen, aus dem sie selber flüchten wollten.

Aber so klare Kante wie jetzt hier in dem Interview wollen Sie in den Songs nicht zeigen?
Doch, doch. Nehmen wir doch mal die Aussage aus „Welcome in Candelistan“: „Coming Out des Jahres: Putin auf dem CSD, Pussy Riot in der ersten Reihe, High Heels und Negligées. Unsere Sneakers werden nur noch von Erwachsenen genäht, keine Drogendealer mehr, dafür legales THC“.

Und „Lass ma einen bauen“ dreht das Ganze ins Positive: Integration durch Kiffen?
Sehr richtig, gut erkannt (lacht).

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn alle zusammen kiffen würden?
Auf jeden Fall ein friedlicherer, als wenn alle zusammen trinken würden. Die Frage, warum Alkohol legal ist und Gras nicht, beschäftigt uns tatsächlich schon eine Weile.

Culcha Candela: „Candelistan“ (Warner). Am 21. Oktober stellen sie das Album ab 20 Uhr im Capitol vor. Karten (38,75 Euro) gibt es an den bekannten Stellen wie dem NP-Ticketshop in der Langen Laube.


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