Navigation:
Interview Martin LaberenzFoto: Nigel Treblin

Martin Laberenz© Nigel Treblin

|
NP-Interview

Martin Laberenz inszeniert "Die Brüder Karamasow"

Ein Stück Weltliteratur auf der Bühne: Am Sonnabend hat „Die Brüder Karamasow“ nach dem Roman von Fjodor Dostojewski im Schauspielhaus Premiere. Ein Interview mit Regisseur Martin Laberenz.

Hannover. Sie inszenieren jetzt schon zum fünften Mal einen Dostojewski-Stoff, zum ersten Mal die „Brüder Karamasow“ ...
Ja, den habe ich nicht schon einmal gemacht, um Gottes Willen. Das ist ein Monstrum (lacht). Ich denke auch, das ist das letzte Mal, dass ich Dostojewski mache - obwohl: Das denke ich jedes Mal.

Von der Grundstruktur her ist es erst einmal ein Krimi, eine Whodunit-Geschichte, die man beinahe inszenieren könnte wie ein Boulevardstück: Tür auf, Tür zu ... Wie werden Sie herangehen?
Ich habe noch nie etwas gegen volkstheaterhafte Momente gehabt. Aber es steckt natürlich viel mehr drin, zum Beispiel an philosophischen Betrachtungen: Dostojewski bündelt hier noch einmal seine großen Themen. Dazu sind Kolportagen ein wunderbarer Kontrapunkt.

Die Themen würden Sie wie beschreiben?
Eine zentrale Frage ist: Was passiert, wenn die Religion wegfällt? Ist dann alles erlaubt?

Klingt nach Nietzsche pur: „Gott ist tot, und wir haben ihn umgebracht“ - mit dem alten Karamasow als Gott.
Dostojewski argumentiert aus einer sehr orthodoxen Ecke, aus einer antieuropäischen Sicht. Und das macht es interessant. Denn wir versuchen immer alles zu unsere bürgerlich-aufklärerischen Sicht in Verhältnis zu setzen. Das funktioniert hier nicht. Dieses Ringen fasziniert mich.

Und die Positionen verteilt Dostojewski archetypisch auf die Brüder?
Ja, da gibt es Dmitri, diesen expressiven, dem Leben hinterher rennenden Typ, auch geprägt durch ein starkes Ehrgefühl. Den mit dem Nihilismus ringenden Iwan. Oder Aljoscha, der selbstlos Liebende. Und alles kreist um das Thema Schuld und den Umgang damit.

Ist das auch zentrales Thema Ihrer Inszenierung?
Ich denke, ja. Wir konzentrieren uns sehr stark auf den Glauben und die Institutionalisierung des Glaubens.

Kann uns der Stoff denn etwas sagen über das heutige Verhältnis Russland und Resteuropas?
Ja. Dostojewskij formuliert eine starken antiwestlichen, orthodox-nationalistischen Haltung, verbunden mit einem rigorosen Führunganspruch. Und eine solche Haltung ist auch im heutigen Russland spürbar. Aber wir haben uns dagegen entschieden, das dezidiert auszuformulieren.

Damit die Zuschauer auch etwas zu denken haben?
Ich möchte mich als Regisseur auch dem Überwältigungsfuror dieses Romans ausliefern. Und ich wünsche mir, dass sich auch die Zuschauer fragen müssen, welcher Verführung sie sich jetzt hingeben.

Womit verführt Dostojewski immer wieder?
Durch seinen Humor. Die Vehemenz der Auseinandersetzung, auch diese eintrichternde Redundanz. Und seine Körperlichkeit; das zieht direkt in den Leib. Bei einem Thomas Mann zum Beispiel, der ja ein sehr genauer Dostojewski-Leser war, dient die Sprache dazu, die Oberfläche zusammenzuhalten und alle Körperlichkeiten wegzuformulieren. Bei Dostojewski findet alles direkt statt.

Wie geht man vor, um aus einem 1200-Seiten-Roman einen Bühnenabend zu destillieren?
Wir, also der Dramaturg Johannes Kirsten und ich, haben eine eigene Textfassung erstellt. Wir hatten erst ein Konvolut von Material, um darein, gemeinsam mit dem Ensemble, Schneisen zu schlagen. Ich habe einen sehr bildstarken Bühnenbildner. Ich habe eine Kostümbildnerin, die mit ihrer Arbeit komplett eigenständige Figuren kreiert. Und ich habe eine Musikerin, die sehr konkrete atmosphärische Vorstellungen hat. Aber die Basis ist für mich die Textarbeit und die Denkarbeit mit dem Ensemble. Ich könnte keinen Abend inszenieren, bei dem ich sage, der steht für sich, und ein paar Schauspieler versorgen ihn mit Blut.

Wie würden Sie Ihren spezifischen Regie-Stil beschreiben? Worauf können sich die Hannoveraner einstellen?
Ich glaube, dass meine Inszenierungen sehr körperlich sind, expressiv. Durchaus auch volkstheaterhaft, burlesk, kolportagehaft, auch karnevalesk. Über mich zu lesen ist oft, dass es improvisiert wirkt. Das stimmt natürlich nicht; die Szenen sind klar. Aber mich interessiert an ihnen mehr, dass man sie erleben, als dass man sie deuten und interpretieren kann. Das verwechseln manche mit Improvisation. Es steckt viel Arbeit dahinter, es so aussehen zu lassen, dass es frei wirkt.

Wie nehmen umgekehrt Sie das Haus und das Ensemble wahr?
Mit dem Ensemble habe ich großen Spaß. Die Schauspieler sind wahnsinnig offen und frei. Durch diese irrsinnigen Bögen im Stoff kann es sein, dass manche Spieler eine Woche lang gar nicht dabei sind, aber dann sind sie wieder voll da.

Sie arbeiten mit zehn Spielern, einem relativ großen Ensemble. Wie opulent wird es sonst?
Schon sehr. Aber bei so einem Stoff darf man ein solches Format durchaus wagen.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von einem Rauchverbot im Auto?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie