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AUF EINE ZIGARETTE MIT ... Hannah Arendt – von Barbara Sukowa mit der nötigen intellektuellen Eisigkeit gespielt.

AUF EINE ZIGARETTE MIT ... Hannah Arendt – von Barbara Sukowa mit der nötigen intellektuellen Eisigkeit gespielt.© NFP

Interview

Margarethe von Trotta über ihren neuen Film "Hannah Arendt"

Starke Frau: Interview mit Margarethe von Trotta über ihren neuen Film „Hannah Arendt“.

Warum gab es bisher keinen Film über Hannah Arendt?

Ja, das wundert mich auch. Allerdings gibt es über die wenigsten Philosophen Filme, und dann ist sie auch noch eine Frau. Viele schrecken zurück, weil es nicht nach einem Kassenschlager klingt. Und es sind Themen, in die man sich unglaublich intensiv einarbeiten muss. Mit „schnell, schnell“ kommt man nicht weiter.

Das hat Sie wiederum nicht abgeschreckt.

Mir macht das ja auch Spaß. Ich liebe es, die ewige Studentin zu sein. Mit jedem Film lerne ich, und es kommt noch etwas dazu. Am Anfang wollten wir einen Film über ihr Leben machen, nach und nach kam der Prozess in den Vordergrund. Eichmann ist ja auch für Deutschland etwas ganz anderes. Den zu sehen, das nimmt einen einfach mit. Seine ganze grauenhafte Mittelmäßigkeit. Wer die Bilder sieht, kommt eigentlich zum selben Ergebnis wie Hannah. Wie sie muss man einfach über ihn lachen, wenn er sagt „Ich werd hier gegrillt wie ein Rumpsteak“.

Die Reaktionen auf Arendts Artikel im „New Yorker“ über den Eichmann-Prozess waren bitter. Arendt wurde aufs Heftigste kritisiert und geschnitten.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie scharf sie von allen Seiten angegriffen wurde. Das möchte ich nicht durchmachen. Ich habe auch schon viele schlimme Sachen erlebt, die gegen mich geschrieben worden sind, aber das war extrem. Sie hat das nicht kommen sehen. Arendt hatte einen intellektuellen Diskurs erwartet und nicht diese persönliche Betroffenheit. Sie war schockiert, dass ihr Ton so missverstanden wurde. Oder auch, dass sie nicht einschätzen konnte, wie verletzend er auf andere wirken könnte.

Und Arendts Mann Heinrich Blücher stand ihr immer zur Seite?

Absolut. Er war der wichtigste Mann in ihrem Leben. Deshalb haben wir die Liebesgeschichte mit Martin Heidegger auch nur angekratzt. Blücher war der Lebensgefährte, der immer zu ihr hielt, ihr Zuhause war. Wenn zwei zusammen im Exil sind und durch die gleichen Erfahrungen gingen,haben sie eine ganz spezielle Verbindung. Da konnte doch der Heidegger gar nicht mithalten.

Woher kommt die enge Verbundenheit?

Wir haben in New York die echte Lotte Köhler getroffen, die im Film von Julia Jentsch gespielt wurde und bei unseren Treffen gut 90 Jahre alt war. Sie erzählte viel Privates. Zum Beispiel, dass Blücher ein Womanizer war und Affären hatte. Er war aber auch sehr inspirierend für Hannahs Arbeit. Durch seinen Einfluss wurde sie zur politischen Denkerin. Und er hat Köhler auch gesagt „Ich werde die Hannah nie verlassen“. Na ja, wer verlässt schon so eine tolle Frau?

In diesen Szenen wirkt Hannah Arendt sehr sanft.

So haben das mehrere Leute erzählt. Für ihn war sie zu Hause auch die perfekte Hausfrau. Er war schon ein Macho, aber das liebte sie ja. Meine Bekannte, die öfter bei ihr zu Besuch war, erzählte, dass Hannah meist mit der Schürze in der Küche stand.

Haben Sie den Film auch wegen Hannah Arendts unterschiedlicher Seiten als den bisher schwierigsten Ihrer Karriere empfunden?

Na ja, ich habe bei jedem Film das Gefühl, dass ich wieder von vorne anfangen muss, dass ich ein kleines Schülerlein, eine Anfängerin bin. Bei Rosa Luxemburg war ich bei der Recherche zwei Jahre einfach krank vor Angst, dieser Person nicht gerecht zu werden. So war es hier auch. Aber je mehr man leidet, desto wichtiger wird es einem. Das ist ein bisschen wie in der Liebe.

Starke Frau und die Banalität des Bösen

Es ist nie eine leichte Aufgabe, Philosophie auf die Leinwand zu bringen. Margarethe von Trotta ist mit ihrem Doku-Drama über die Jahrhundertphilosophin „Hannah Arendt“ immerhin ein sehenswertes Kammerspiel gelungen, das ein Stück Zeitgeschichte wieder lebendig macht: die Debatte über Adolf Eichmann und die „Banalität des Bösen“ – und gleichzeitig eine weitere Heldin in ihrer Reihe der starken Frauen präsentiert.

Das ist immerhin so interessant, dass gestern bei der Vorpremiere im Hochhaus die Schlange bis auf die Straße reichte und an der Kasse gedrängelt wurde wie auf der „Costa Concordia“ nach dem letzten Rettungsboot.

Das Leben der Hannah Arendt wird in dem Zweistundenstreifen nur insofern entfaltet, als es Bedeutung für den Fall Eichmann hat. Der SS-Mann hatte den Schienenverkehr für den Holocaust organisiert und war 1961 vom Mossad in Südamerika gekidnappt worden, damit geht der Film los wie ein Agenten-Thriller. In Israel wird er vor Gericht gestellt. Hannah Arendt berichtet von diesem Prozess und erregt die intellektuelle Welt, weil sie den Täter scheinbar entlastet, weil sie in ihm nicht das absolute Böse sehen will, sondern einen banalen Schreibtischtäter. Und was er für ein Würstchen war – das ist dann das eigentlich Faszinierende an dem Film –, das zeigen die Originalaufnahmen vom Prozess, die Margarethe von Trotta reingeschnitten hat.

Die Heftigkeit der Debatte, die der Film ausbreitet, ist für gegenwärtige Verhältnisse kaum noch nachvollziehbar. Die Wissenschaft würde Hannah Arendt heute kaum noch recht geben. Aber darum gehts hier auch nicht – sondern um die Präsentation einer Denkerin, die sich in einer Welt voll unverständiger Männer durchzusetzen versteht – und trotzdem, da wirds dann doch ein wenig kitschig, den liebevoll besorgten Ehemann zu Hause auf dem Sofa braucht. Für wen ist der Film denn nun? Sicher nicht für Hobbit-Fans. Das Ganze ist ein klassischer Redefilm für alle, die sich noch Gedanken über den Holocaust machen, die starke Frauen für unabdingbar halten und Spaß an geistigen Debatten haben. Und für Kenner, die Heidegger nicht für eine Mehlspeise und Hans Jonas nicht für einen Wal halten.

Und noch eine Botschaft hat der Film: Zur Intellektualität gehört die Lulle, man kann die Minuten zählen, in denen in diesem Film nicht geraucht wird. que

Bewertung: 3/5


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